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De Chirico in Stuttgart : Der Mann, der lange Schatten wirft

Die Stuttgarter Staatsgalerie inszeniert um den italienischen Maler Giorgio de Chirico in einer großen Schau die „Magie der Moderne“. Auch Künstler wie Oskar Schlemmer und George Grosz haben ihren Auftritt.

          Er ist selbst zu einer mythischen Figur der Moderne geworden, Giorgio de Chirico, der 1888 als Sohn italienischer Eltern in Volos in Griechenland geboren wurde und 1978 in Rom starb. Der Vater war Ingenieur und arbeitete beim Eisenbahnbau in Griechenland. Gerätschaften, die im Ingenieurberuf, den auch Giorgio de Chirico zunächst am Polytechnikum in Athen studierte, Verwendung finden, werden immer wieder auftauchen in seinem OEuvre, Messinstrumente, kantige Winkeleisen oder Lineale, allerdings in unerwarteter Nachbarschaft zu anderen Dingen.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Sie gehören in den Fundus der „Pittura metafisica“, jener metaphysischen Malerei, die als seine Erfindung gelten kann und die ihn berühmt gemacht hat. Eben für solche befremdlichen Arrangements wie auch für die weiten, gespenstisch beschatteten Plätze, in denen Türme ragen und die von humanoiden Gliederpuppen, die stets fragmentiert, niemals intakt sind, bevölkert werden. De Chiricos Hauptwerke sind, schon zu seinen Lebzeiten, zu veritablen Totems eines Zeitgefühls geworden, das Sinnentleerung regelrecht zelebrierte, und das sich, auch in seinem künstlerischen Ausdruck, bei der Suche nach einer Wahrheit hinter der Wirklichkeit nachgerade versessen selbst beobachtete. Der Surrealismus in seiner ganzen Bandbreite, dem de Chirico voranging und dem er eine Zeitlang nahstand, gibt dafür den augenfälligsten Beleg ab.

          Eine Art strukturalistische Tätigkeit

          Die Stuttgarter Ausstellung ist um das großformatige „Metaphysische Interieur (mit großer Fabrik)“ arrangiert, das seit 1970 der Staatsgalerie gehört. De Chirico malte es vor einem Jahrhundert, Ende 1916, während seiner Zeit in Ferrara, wo er von 1915 bis 1918 den Militärdienst ableistete und wo seine wichtigsten Werke überhaupt entstanden. Die Direktorin der Staatsgalerie, Christiane Lange, hat das Bild zum Angelpunkt der Schau gemacht, die sich auf diese Phase seines Schaffens konzentriert. Die Werke der Ferrareser Jahre werden der Auslöser für seinen Einfluss auf ihm wahlverwandte Künstler, die wesentlich die Moderne seit den zehner Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts mitprägen. In Teilen ist die Schau identisch mit der Ausstellung „De Chirico a Ferrara. Metafisica e Avanguardie“, die dort im Palazzo dei Diamanti von November 2015 bis zum Februar zu sehen war. Doch in Stuttgart haben die Kuratoren Paolo Baldacci und Gerd Roos sie um mehr Arbeiten von Künstlern wie Max Ernst, George Grosz, René Magritte, Oskar Schlemmer oder Niklaus Stoecklin ergänzt, die den Blick auf jene „Magie der Moderne“ zusätzlich schärfen. In rund hundert Gemälden, Zeichnungen, Graphiken und Fotografien ist es die mitunter unerwartet frappante Berührung mit ihnen - etwa dem frühen Giorgio Morandi oder dem scharfen Sozialkritiker Grosz -, die der Ausstellung nicht nur so hohen Reiz, sondern auch den nachhaltigen Aha-Effekt verleiht. Dass sie ihre Ambition nicht zu weit treibt - etwa bis hin zum Enigmatiker Balthus oder dem Erotiker Hans Bellmer, die sich da direkt anbieten -, ist eine kluge Einschränkung des (Blick-)Felds.

          Giorgio de Chiricos entscheidenden Trick in der Hochphase seiner Kunst könnte man eine Art strukturalistische Tätigkeit nennen. Er fügt ganz heterogene Dinge so zusammen - niemals übrigens sind intakte menschliche Gestalten dabei -, dass sie dem Betrachter eine verborgene Bedeutung suggerieren, die freilich in keiner Weise festlegbar ist. Er dekonstruiert die Erwartungen an das gegenständliche Bild komplett; Abstraktion, Expression oder Dynamisierung, immerhin einflussreiche Strömungen seiner Gegenwart, lässt er links liegen. Als Belege für diese Machart kann Stuttgart berühmte Beispiele zeigen, allen voran den „Großen Metaphysiker“ von 1917 (aus der italienischen Sammlung Gianni Mattioli). Inmitten einer leeren verschatteten Piazza unter hohem grünlichen Himmel ragt eine aus heterogenen Elementen zusammengezimmerte Stele, bekrönt vom gesichtslosen Kopf einer Schneiderpuppe. Jede taugliche Deutung ist ausgeschaltet, es besticht aber die unbezweifelbar ästhetische Attraktivität des Gemäldes in seiner renaissancehaften Farbigkeit. Der Eierkopf oben ist seinerseits Fragment von jenem für de Chirico typischen Personal, das wie Proto-Cyborgs immer wieder bei ihm auftaucht. Mit „Hektor und Andromache“ hat Stuttgart auch für diese Figurinen ein prominentes Beispiel zu bieten.

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