https://www.faz.net/-gqz-9zdaj

Berlin-Künstler Hans Baluschek : Die Phantome des Eisenbahnmalers

Der Sonntag der arbeitenden Schichten: Baluscheks Gemälde „Hier können Familien Kaffee kochen“ von 1895 Bild: Bröhan-Museum/Martin Adam

Hans Baluschek hat die Industriemetropole Berlin von der Jahrhundertwende bis zum Ende der Weimarer Republik in Bildern festgehalten. Seine besondere Leidenschaft galt der Darstellung des Alltags der Arbeiterschicht.

          4 Min.

          Man kann sich sattsehen an Hans Baluschek. Das liegt nicht an seinen Themen – Berlin in Kaiserreich und Republik, Eisenbahnen und Industrielandschaften, Proletarier, Außenseiter, Elendsviertel – sondern an seinem Stil. Auf Baluscheks Ölbild „Arbeiterinnen“ von 1900 strömen Frauen dicht gedrängt aus einer Fabrikhalle: Eine trägt eine Blindenbrille, eine zweite ein Kreuz um den Hals, eine dritte ein Medaillon, eine vierte hat ein Taschentuch um die Backe gebunden; man sieht schwarze, blonde, rote und braune Haare.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Wer aber länger hinschaut, erkennt, dass Baluschek dieselben drei Frauengesichter fünfzigmal auf der Leinwand verteilt hat, frontal, seitlich, im Dreiviertelprofil. Fabian Reifferscheidt, der Kurator der Baluschek-Ausstellung im Berliner Bröhan-Museum, spricht von einem „Baukastensystem“. Auch die Fabrik im Hintergrund ist ein Kasten, der die Menschen zu Arbeitskräften stanzt. Will der Maler den industriellen Moloch anprangern? Nein, denn er macht die Figuren einander ja nicht gleich, sondern künstlich unähnlich, hängt ihnen Ringe oder Perlen ans Ohr und jeder ein anderes Kleid über die Schultern. Auf den Baukasten der Moderne antwortet der Malkasten des Künstlers mit Nachahmung. Sein Thema ist ein Sujet, das sich bewirtschaften lässt, mit Stadtlandschaften, Familienszenen, schiefen Idyllen, Typenporträts.

          Gören mit Mütze und Mütter mit Hut

          Andererseits hat Baluscheks Werk eine Handschrift, die man unter Hunderten erkennt. 1923, im Inflationsjahr, malt er ein Paar, das durch Hinterhöfe läuft, die Füße verquer, die Hände ineinander verkrallt, der Mann ein Karl-Valentin-Verschnitt, die Frau eine Stummfilm-Kokotte. „Heimweg“ heißt das Bild, aber ein Zuhause ist nirgends zu sehen, nur Brandmauern, Schlote, zerschlagene Fenster, bekritzelte Wände. Sechs Jahre später, in der Abenddämmerung der Weimarer Republik, entsteht der „Großstadtwinkel“, auf dem die Straßenbeleuchtung von Lesser Ury, das Personal aber von Fritz Lang und Otto Dix stammt: achtzehn Gelegenheits- und Dauerprostituierte, Edelschicksen, Mannweiber, Gören mit Mütze, Mütter mit Hut, in allerlei Posen arrangiert, als wollten sie zur „Schönheits-Concurrenz“ in den „Paradiessälen“ antreten, für die eine Leuchtschrift am linken Bildrand wirbt.

          Wäre Berlin ein Genre wie das Rheintal oder Kythera, könnte keiner Baluschek darin das Wasser reichen, weil er immer den kürzesten Weg von der Gosse zur Gemütlichkeit und vom Tinnef zum Erhabenen nimmt. Man möchte Sozialdemokrat werden – Baluschek wurde es 1920 –, wenn man sieht, wie die Greisin in „Frühlingswind“ unter einem Sisley-Himmel zusammengesunken im Straßenstaub hockt oder die alte Säuferin („Elend“) an einer Laterne lehnt; aber dann leuchten die Laternen über den „Obdachlosen“ im Tiergarten so traulich, und in der „Bahnhofshalle“ am Lehrter Bahnhof dampfen die Züge so flott, dass man mit dem Maler lieber eine Molle zischen ginge. Ein Koch bietet Brühwürste feil, ein Herr mit Schiebermütze wuchtet einen Koffer, eine Dame mit Pelzkragen erwartet ihn: „Berlin Babylon“, die Serie, ist nicht mehr weit.

          Als stünde Berlin im Studio Babelsberg

          Vielleicht kommt man Baluschek am nächsten, wenn man ihn biographisch liest. Als einziger Sohn eines Eisenbahningenieurs entdeckt er mit fünfzehn die Malerei und besucht mit zwanzig die Berliner Kunstakademie, aber die Liebe zur Eisenbahn verlässt ihn nicht. Schon früh sammelt er Modelle von Lokomotiven und Waggons, die er in seine Bilder einfügt.

          In Schöneberg, damals noch ein Vorort von Berlin, wächst Baluschek auf und stirbt dort auch, von den Nationalsozialisten verpönt, fünfundsechzigjährig im September 1935. Der Innsbrucker Platz, das Gasometer, die Trasse der Potsdamer Bahn, das Reichsbahngelände am Landwehrkanal sind wiederkehrende Motive seiner Malerei. Wenn Berlin in Baluscheks Lebenszeit zur Weltstadt wurde, dann sieht man davon bei ihm nichts. Seine Kunst kennt keine Weite, sondern nur Naheliegendes, Fabriken, Fassaden, Bahnhöfe, davor Passanten oder Züge als Repoussoir. Bei größeren Formaten packt Baluschek der Horror vacui: Seine „Großstadtlichter“ von 1931 sind mit Figuren und Architekturen vollgestopft wie ein Geschenkkorb. Man möchte zu gern ein Zeitbild der Weltwirtschaftskrise darin sehen, aber der Maler erstickt die Stimmung durch Masse. Er zeigt Berlin, als stünde es als Kulisse in Babelsberg.

          Fünfzigmal die gleichen drei Frauengesichter auf der Leinwand: Hans Baluscheks „Proletarierinnen“ von 1900 Bilderstrecke

          Aber dieser enge Blick ist auch eine Stärke. Gerade im Kleinen, im Milieu, ist Baluschek groß. Bereits an der Akademie, unter der Knute des Hofmalers Anton von Werner, hat er angefangen, sich für das Leben der Unterschicht zu interessieren. In „Malschule“ (1894) stellt er sich noch zu den Kunststudenten, die das proletarische Modell begaffen, danach findet er seinen Standpunkt auf der Straße, unter den Menschen, die er zeigt. Um das Graubraun der Arbeitersiedlungen festzuhalten, erfindet er eine eigene Mischtechnik, die die Schärfe der Federzeichnung mit der Vagheit des Aquarells verbindet. Manche Köpfe auf dem „Feierabend“ von 1895 könnten von Menzel sein, andere von Käthe Kollwitz, aber die Farbgebung ist reiner Baluschek, bleiern, verschattet, fatal.

          Das Blatt entstand als Beitrag für den Kalender „Kunst und Leben“. Das Illustrative, Serielle ist das Betriebsgeheimnis von Baluscheks Kunst. Die erste Monographie über ihn erschien 1904 in der Reihe „Moderne Illustratoren“, sie stellte Baluschek neben Munch, Beardsley und Thomas Theodor Heine. Das Massenpublikum, das seine Arbeiterbilder nicht fanden, bescherten ihm die gefällig-verträumten Illustrationen zu „Peterchens Mondfahrt“. Aber auch seine schärfste Anklage gegen die Industriemoderne hat Baluschek in einer Serie formuliert, dem Zyklus „Opfer“ von 1906. Weil er anders als Zille keinen Funken Humor besaß, fehlt diesen Zeichnungen von Geisteskranken, Selbstmörderinnen, Prostituierten und Alkoholikern jedes Augenzwinkern, sie sind das nackte, heulende Elend.

          Das Bröhan-Museum, das neben dem Berliner Stadtmuseum den größten Bestand an Baluschek-Werken überhaupt besitzt, hat gut daran getan, diese Blätter aus dem Kupferstichkabinett zu leihen. Sie zeigen die Kehrseite von Baluscheks Wimmelbildern und Modelleisenbahnlandschaften, ihren finsteren, unterirdischen Kern.

          Das Meisterwerk dieses Malers und dieser Ausstellung ist dennoch ein Ölgemälde, der „Berliner Rummelplatz“ von 1914. Ein Frühsommerabend, ein Karussell dreht sich, Familien im Sonntagsstaat eilen wie aufgezogen in Rückenansicht zu der blinkenden Attraktion. Im Vordergrund werfen sich ein Junge mit Schiebermütze und Zigarette und ein Knabe mit Strohhut misstrauische Blicke zu. Die Szene strömt ebenjene Mischung aus Amüsierwut und Gereiztheit aus, die Thomas Mann im vorletzten Kapitel des „Zauberbergs“ beschrieben hat und die schon den Zeitgenossen gegenwärtig war. Wir wissen, was im Sommer 1914 geschah. Hans Baluschek wusste es nicht. Aber er ahnte es.

          Weitere Themen

          Wo Pilze auf die Jagd gehen

          Buch über den Erdboden : Wo Pilze auf die Jagd gehen

          Du heiliger Regenwurm: Fruchtbarer Boden muss sorgfältig gepflegt werden. Wir brauchen ihn nicht nur für unsere Nahrung, sondern auch für den Erhalt der Natur. Peter Laufmann taucht in das faszinierende Erdreich ab.

          Topmeldungen

          Eine Razzia in einer Shisha-Bar in Bochum

          Aussteigerprogramm : Raus aus dem Clan

          Nordrhein-Westfalen will den Ausstieg aus kriminellen Großfamilien erleichtern. Das Programm läuft gut an, doch die Erfahrungen lehren auch: Wer den Ausstieg wagt, wird meist brutal zurück gezwungen.
          Ein provisorisches Krankenhaus für die Corona-Infizierten in der Stadt Lleida.

          Corona- und Wirtschaftskrise : Spaniens Kampf ums Überleben

          Das südeuropäische Land muss wegen des heftigsten Corona-Ausbruchs seit der Öffnung neue Ausgangssperren verhängen. Und auch wirtschaftlich sieht es düster aus: Ministerpräsident Sánchez kämpft um die Kredite und Zuschüsse der EU.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.