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Berlin-Künstler Hans Baluschek : Die Phantome des Eisenbahnmalers

Der Sonntag der arbeitenden Schichten: Baluscheks Gemälde „Hier können Familien Kaffee kochen“ von 1895 Bild: Bröhan-Museum/Martin Adam

Hans Baluschek hat die Industriemetropole Berlin von der Jahrhundertwende bis zum Ende der Weimarer Republik in Bildern festgehalten. Seine besondere Leidenschaft galt der Darstellung des Alltags der Arbeiterschicht.

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          Man kann sich sattsehen an Hans Baluschek. Das liegt nicht an seinen Themen – Berlin in Kaiserreich und Republik, Eisenbahnen und Industrielandschaften, Proletarier, Außenseiter, Elendsviertel – sondern an seinem Stil. Auf Baluscheks Ölbild „Arbeiterinnen“ von 1900 strömen Frauen dicht gedrängt aus einer Fabrikhalle: Eine trägt eine Blindenbrille, eine zweite ein Kreuz um den Hals, eine dritte ein Medaillon, eine vierte hat ein Taschentuch um die Backe gebunden; man sieht schwarze, blonde, rote und braune Haare.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Wer aber länger hinschaut, erkennt, dass Baluschek dieselben drei Frauengesichter fünfzigmal auf der Leinwand verteilt hat, frontal, seitlich, im Dreiviertelprofil. Fabian Reifferscheidt, der Kurator der Baluschek-Ausstellung im Berliner Bröhan-Museum, spricht von einem „Baukastensystem“. Auch die Fabrik im Hintergrund ist ein Kasten, der die Menschen zu Arbeitskräften stanzt. Will der Maler den industriellen Moloch anprangern? Nein, denn er macht die Figuren einander ja nicht gleich, sondern künstlich unähnlich, hängt ihnen Ringe oder Perlen ans Ohr und jeder ein anderes Kleid über die Schultern. Auf den Baukasten der Moderne antwortet der Malkasten des Künstlers mit Nachahmung. Sein Thema ist ein Sujet, das sich bewirtschaften lässt, mit Stadtlandschaften, Familienszenen, schiefen Idyllen, Typenporträts.

          Gören mit Mütze und Mütter mit Hut

          Andererseits hat Baluscheks Werk eine Handschrift, die man unter Hunderten erkennt. 1923, im Inflationsjahr, malt er ein Paar, das durch Hinterhöfe läuft, die Füße verquer, die Hände ineinander verkrallt, der Mann ein Karl-Valentin-Verschnitt, die Frau eine Stummfilm-Kokotte. „Heimweg“ heißt das Bild, aber ein Zuhause ist nirgends zu sehen, nur Brandmauern, Schlote, zerschlagene Fenster, bekritzelte Wände. Sechs Jahre später, in der Abenddämmerung der Weimarer Republik, entsteht der „Großstadtwinkel“, auf dem die Straßenbeleuchtung von Lesser Ury, das Personal aber von Fritz Lang und Otto Dix stammt: achtzehn Gelegenheits- und Dauerprostituierte, Edelschicksen, Mannweiber, Gören mit Mütze, Mütter mit Hut, in allerlei Posen arrangiert, als wollten sie zur „Schönheits-Concurrenz“ in den „Paradiessälen“ antreten, für die eine Leuchtschrift am linken Bildrand wirbt.

          Wäre Berlin ein Genre wie das Rheintal oder Kythera, könnte keiner Baluschek darin das Wasser reichen, weil er immer den kürzesten Weg von der Gosse zur Gemütlichkeit und vom Tinnef zum Erhabenen nimmt. Man möchte Sozialdemokrat werden – Baluschek wurde es 1920 –, wenn man sieht, wie die Greisin in „Frühlingswind“ unter einem Sisley-Himmel zusammengesunken im Straßenstaub hockt oder die alte Säuferin („Elend“) an einer Laterne lehnt; aber dann leuchten die Laternen über den „Obdachlosen“ im Tiergarten so traulich, und in der „Bahnhofshalle“ am Lehrter Bahnhof dampfen die Züge so flott, dass man mit dem Maler lieber eine Molle zischen ginge. Ein Koch bietet Brühwürste feil, ein Herr mit Schiebermütze wuchtet einen Koffer, eine Dame mit Pelzkragen erwartet ihn: „Berlin Babylon“, die Serie, ist nicht mehr weit.

          Als stünde Berlin im Studio Babelsberg

          Vielleicht kommt man Baluschek am nächsten, wenn man ihn biographisch liest. Als einziger Sohn eines Eisenbahningenieurs entdeckt er mit fünfzehn die Malerei und besucht mit zwanzig die Berliner Kunstakademie, aber die Liebe zur Eisenbahn verlässt ihn nicht. Schon früh sammelt er Modelle von Lokomotiven und Waggons, die er in seine Bilder einfügt.

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