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Kunst, Geld, Einfluss : Absolutismus in der Wüste

  • -Aktualisiert am

Der Louvre Abu Dhabi des französischen Architekten Jean Nouvel Bild: AFP

Der spektakuläre Louvre Abu Dhabi, in dem künftig das teuerste Gemälde der Welt zu sehen sein wird, spiegelt dem Westen vor, was dieser sehen möchte – aber warum spielt der Westen dabei mit?

          Am 11. November wurde der Louvre Abu Dhabi eröffnet. Der französische Pritzker-Preisträger Jean Nouvel hat für die Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate einen Museumskomplex entworfen: eine „Medina“ aus 55 kastenförmigen weißen Gebäuden, zwischen denen abstrahierte Gassen oder mit Meerwasser geflutete Kanäle verlaufen und über die sich ein 180 Meter weiter Sternendom spannt. Die Ausstellung vereint rund zweihundert Werke aus der im Aufbau befindlichen hauseigenen Sammlung und dreihundert langfristige Leihgaben aus französischen Museen, vor allem aus dem Louvre. Die aufsehenerregendste Leihgabe stammt jedoch aus Saudi-Arabien: Leonardo da Vincis „Salvator mundi“, für den Kronprinz Mohammed bin Salman vor kurzem 382 Millionen Euro bezahlt hat – eine Rekordsumme, die das stattliche jährliche Ankaufsbudget des Louvre Abu Dhabi um fast das Zehnfache übersteigt.

          Die Exponate des neuen Museums decken alle Weltgegenden und alle Epochen von der Antike bis zur Jetztzeit ab. Der Louvre Abu Dhabi ist ein „universales“ Kunstmuseum. Zu bewundern sind unter anderem ein Buddha-Kopf, eine steinerne Hindu-Göttin, ein jemenitischer Pentateuch, eine Madonna mit Kind von Giovanni Bellini oder Houdons Porträtbüste des gottlosen Voltaire. Nicht zu vergessen eine skulptierte Nymphe und eine gemalte Venus, die dem Betrachter eine nackte Brust beziehungsweise ein nacktes Gesäß zeigen. So soll der Louvre Abu Dhabi die Offenheit der Emiratis zeigen und ihr Bestreben, einen Dialog zwischen den Völkern anzustoßen. Das ist die PR-Version. Bei genauerem Hinsehen sind da ganz andere Motive für die Schaffung des Museums zu erkennen.

          Der französische Präsident Emmanuel Macron bei der Eröffnung des Louvre Abu Dhabi mit dem Vorsitzenden von Abu Dhabi Tourism & Culture Authority, Mohamad Khalifa al-Mubarak, und dem Kronprinz Mohammed bin Zayed al-Nahyan

          Der Pariser Politologe Alexandre Kazerouni hat im März „Le miroir des cheikhs“ veröffentlicht, eine Studie über „Museum und Politik in den Golfemiraten“, die auf sechsjährigen Studien vor Ort beruht. Das Buch entwirft ein für Westler unerwartetes Bild von der Museumslandschaft der Golfemirate. Westliche Medien ließen während der dreizehnjährigen Planungs- und Bauzeit des Museums den Eindruck entstehen, hier komme erstmals Kunst in die Einöde. Entgegen dem Bild, welches der Beiname „Louvre des sables“ (Wüsten-Louvre) heraufbeschwört, gibt es in den Emiraten seit langem ein durch ausländische Einflüsse befruchtetes Kulturleben und eine blühende Museumslandschaft. In Abu Dhabi etwa schickten Händler zur Zeit des britischen Protektorats ihre Söhne nach Mumbai in englischsprachige Schulen und eröffneten schon vor dem Zweiten Weltkrieg Kontore in Paris. Vor Ort gründeten sie moderne Lehranstalten mit Theaterklubs und Ausstellungen figurativer Malerei.

          Die ältesten Museen entstanden dort in den siebziger und achtziger Jahren. Kazerouni nennt sie „Wurzel-Museen“, wegen ihrer Funktion, den Staatsbürgern die historische Verankerung vor Augen zu führen. Das idealtypische „Wurzel-Museum“ zeigt in einem traditionellen Altbau archäologische und ethnographische Objekte, ist schwach mediatisiert und wird von einheimischen Funktionären verwaltet, die das Arabische als Arbeitssprache verwenden. Mit dem 2008 in der qatarischen Hauptstadt Doha eingeweihten Museum für islamische Kunst kam dann ein zweiter Museumstyp auf, den Kazerouni „Spiegel-Museum“ nennt. Der Louvre Abu Dhabi entspricht ihm in allen Punkten: In einem durch einen „Stararchitekten“ entworfenen Neubau zeigt er Kunstschätze aus aller Welt, ist stark mediatisiert und wird durch Westler verwaltet, deren Arbeitssprache Englisch ist.

          Sein Zielpublikum sind im Gegensatz zu den „Wurzel-Museen“ nicht Einheimische, sondern Westler. Und zwar weniger die normalen Touristen als die Meinungsmacher – ob sie den „Wüsten-Louvre“ nun aus eigener Anschauung kennenlernen oder bloß durch Bilder und Berichte. Kazerouni geht so weit zu behaupten, es zähle weniger die reale als die mediale Existenz des Museums. Und begründet dieses scheinbare Paradox mit dem, was er für die wahren Motive beim Bau des Louvre Abu Dhabi hält. Da ist zunächst die Imagepflege. Seit der Islamischen Revolution stehen alle Golfstaaten unter dem Pauschalverdacht des religiösen Fanatismus. Es kommt erschwerend hinzu, dass zwei der Attentäter des 11.September aus den Emiraten stammten.

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