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Jasper Johns zum Neunzigsten : Der Übermaler des Patriotismus

Stilistisch ließ er sich nie festlegen : Jasper Johns, 1988 auf der Biennale in Venedig. Bild: Graziano Arici / eyevine / laif

Stars and Vibes: Jasper Johns, Maler der amerikanischen Flagge und anderer Ikonen, wird neunzig.

          2 Min.

          Im Jahr 1954, im Alter von vierundzwanzig Jahren, „malte“ er sie zum ersten Mal: Jasper Johns überzog eine real groß gemalte Stars-and-Stripes der Vereinigten Staaten mit einer Wachsschicht über den in Collage-Technik übereinandergelegten Zeitungsausschnitten des weißen Fonds darunter. Mit diesem opaken Wachsüberzug wirkt die Flagge wie für die Ewigkeit konserviert, wie die wächserne Haut eines Toten einbalsamiert und verdächtig glänzend, mumifiziert aber wurden die durchschimmernden Zeitungsausrisse, auf denen palimpsesthaft noch die Alltäglichkeiten zu lesen waren. Die Verwendung der uralten Enkaustiktechnik war kein Zufall; schon vor zweitausend Jahren wurden im ägyptischen Fayum äußerst realistische Abbilder der Toten bis zum heutigen Tag in dieser seltsam aus der Zeit gefallenen Frische konserviert. Jasper Johns machte die Flagge, das in der Zeit des Korea-Kriegs für ihn blutgetränkte Symbol und zugleich die stoffliche Verkörperung der Vereinigten Staaten, zur Untoten. Sein Künstlerkollege Mel Bochner nannte das „Vergänglichkeitspathos“.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Was für Warhol die Campbell’s-Suppendosen war für Johns die amerikanische Flagge als formales „Ready made“: Die weißen und roten Streifen konnten - in der abstrakt dominierten Nachkriegsmalerei ungemein attraktiv - als Farbfelder gelesen werden, die Sterne mit ihren fünf Zacken auf uniformem blauen Grund waren ohnehin bereits stark stilisiert, was Johns noch steigerte, indem er sie unterschiedlich groß und nach rechts oben leicht ansteigend malte. Und obwohl es durchaus ein Kunststück bedeutet, den enormen Symbolgehalt von Nationalbannern zu minimieren, war bei Johns immer klar, dass er die Fahnen nicht um ihrer Symbolik willen malte und schon gar nicht als Patriot verstanden werden wollte.

          Die „White Flag“ als Leichentuch

          Erst recht nicht, als er gegen Ende des Koreakrieges in einer Kantine saß, die patriotisch mit der amerikanischen Flagge geschmückt war. In diesem Moment habe er, so seine spätere Erinnerung, an das Fleisch der zerschossenen Leiber unter den Leichentüchern denken müssen. Das Resultat war die „White Flag“, die von ihm unter vielen Lagen weißer, mit Wachs vermengter Farbe gleichsam beerdigt wurde. Es sollten noch viele Flaggen folgen, aber auch jene Bilder, die am ehesten in die Schublade „Pop-Art“ passten: die „Targets“, grell bemalte Zielscheiben auf shaped canvas, kreisförmig aufgespannter Leinwand, die Landkarte der Vereinigten Staaten, Zahlen, ganze Worte, einzelne Buchstaben.

          Wie sich der enorm belesene Johns, der jahrelang in einer Buchhandlung arbeitete, überhaupt zeitlebens intensiv mit dem Verhältnis von Text und Bild auseinandersetzte, und zwar nicht erst seit Richard Rorty im Jahr 1967 den linguistic turn ausgerufen hatte. Mit Samuel Beckett etwa arbeitete er in Paris zusammen, indem er Grafiken und Buchgestaltungen für dessen acht Kurzprosa-Stücke „Fizzles“ schuf. Aber auch andere Medien fesselten ihn, so dass er für den Musiker John Cage sowie mit Merce Cunningham und dessen Dance Company Kostüme, Bühnenbilder und Plakate entwarf. Stilistisch nicht festgelegt, überraschte er auf jeder seiner nicht weniger als vier Documenta-Teilnahmen mit völlig neuen Beiträgen.

          Angesichts des grassierenden amerikanischen Wahns aufgehaltenen oder nicht respektierten Alters aber gewinnen gerade seine in Wachs einbalsamierten oder unter dicken Schichten weißer Farbe konservierten „Flags“ aus den fünfziger Jahren derzeit wieder neue Aktualität. Heute wird Jasper Johns selbst in gut erhaltener Frische neunzig Jahre alt.

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