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Günter Brus zum Achtzigsten : Existenz als Zerreißprobe

Günter Brus beim Direct Art Festival 1967 in Wien Bild: picture alliance / IMAGNO/Votava

Als Blitzableiter für gefühlte gesellschaftliche Repressionen hatte er seit den späten sechziger Jahren alle Gewalt und Energie gegen sich selbst gewendet: Der Körperkünstler Günter Brus wird achtzig.

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          Auch und gerade Künstler verinnerlichten die Maxime der Achtundsechziger, dass alles Private politisch sei; nichts Privateres aber gibt es als den eigenen Körper. Im Wien des Jahres 1968 gingen die Aktionisten Otto Muehl, Rudolf Schwarzkogler, Hermann Nitsch, vor allem aber Günter Brus noch einen Schritt weiter: Da der empfundene Druck des Staates sichtbar gemacht werden sollte, wurde der eigene Körper zur Leinwand, zum Medium des künstlerischen Ausdrucks, und dies wörtlich: Der Künstlerkorpus gehörte von nun an zum Künstler-Corpus, der Leib wurde über und über bemalt, wovon als Schwundstufe bis heute auf Alternativfestivals das Body-Painting verblieben ist.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Haut, Fleisch und Haare als neu hinzugekommene Künstlermaterialien malträtierte Brus mit Nägeln, Reißzwecken und Rasierklingen. Latent immer vorhandene Bilder vom Künstler als christusgleichem Schmerzensmann wurden insbesondere in den Sechzigern säkularisiert; Brus fügte sich Seitenwunden zu und plante gar, sich wie ein Gekreuzigter Silbernägel durch die Füße zu treiben (was Jahrzehnte später andere Künstler in die Tat umsetzen sollten). Als Blitzableiter für gefühlte gesellschaftliche Repressionen wendete Brus alle Gewalt und Energie gegen sich; mit diesen Selbstverletzungen wollte er gegen Normen ankämpfen, dies nicht tun zu dürfen. Er suchte anderen die Verfügungsgewalt über sich entziehen und in einer schwierigen hermeneutischen Schlaufe autoaggressiv Autonomie und Selbstermächtigung zurückgewinnen.

          Auch sexuelle Tabus zeigte Brus rücksichtslos auf, indem er etwa öffentlich masturbierte und bei Aktionen einen Teil seines Körpers einsetzte, den bereits die Renaissancekünstler wiederholt als besonderen „Pinsel“ bezeichnet und mehr oder weniger subtil in ihre Malerei eingebracht hatten. Seine Aktion „Zerreißprobe“ von 1970 verstört selbst heutige Betrachter noch nachhaltig. Mit aggressiv aus dem Sprachsteinbruch geschlagenen Tätigkeitswörtern beschrieb er bewußtseinsströmend im Jahr 1968 die von ihm verspürte Paranoia: „Der Staat will mich essen, rasten, schlecken, vögeln, einfrieren, auftauen, erfinden“ – was zeigt, dass Brus seine Körper-Aktionen tatsächlich immer auch als politische verstand.

          Ein wochenlanger österreichweiter Polit-Skandal war erreicht, als Brus 1968 an der Universität Wien während der Aktion „Kunst und Revolution“ beim Absingen der österreichischen Bundeshymne defäkierte. Der Künstler, der stets symbolbewusst Zeichen setzte, wurde wegen „Herabwürdigung der Staatssymbole“ zu sechs Monaten Arrest verurteilt. Um dem zu entgehen, floh er nach Berlin. Hatte schon jede seiner Body-Art-Aktionen präzise choreographierte zeichnerische Partituren, widmete er sich in den folgenden Jahren überwiegend Zeichnungen, die allerdings „Kratzspuren“ und „Störungszonen“ blieben, wie zwei Kataloge heißen.

          Über Ausmaße und Mittel seiner Provokation lässt sich trefflich streiten, unzweifelhaft jedoch ist, dass Günter Brus unausweichlich nötige Diskussionen über die Freiheit der Kunst und gesellschaftliche Normen in Österreich und dann auch in Deutschland mit seinem Körper als Brandbeschleuniger angefeuert hat. An diesem Donnerstag wird der Künstler, der wie kaum ein anderer seinen Körper auf die Zerreißprobe stellte, fast schon erstaunliche achtzig Jahre alt.

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