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Künstlerin Yayoi Kusama : Im Turm der roten Punkte

Verehrter Kürbis: Künstlerin Yayoi Kusama. Bild: Picture-Alliance

Sie ist bekannt für Punkte und Kürbisse in unendlich gespiegelten Räumen: Die japanische Künstlerin Yayoi Kusama, die mit ihren drastischen Aktionen „Occupy Wall Street“ vorwegnahm, steht auch mit 90 noch jeden Tag im Atelier.

          Sie dürfte eine der sehr wenigen Künstlerinnen sein, die mit neunzig noch täglich ins Atelier und in ihr eigenes Museum gehen – direkt aus der Nervenklinik, in der sie aufgrund der Traumatisierung durch ihr Elternhaus und Kriegszwangsarbeit als Dreizehnjährige in einer Fallschirmfabrik seit 1977 lebt, nur über die Straße. Dort steht das von ihr 2017 zusammen mit einer Stiftung gegründete Museum, das als ihr gebautes Alter Ego angesehen werden kann: Exzentrisch überragt der weißbläulich schimmernde Turm mit seinen fünf Stockwerken auf abgeplattetem Parabelgrundriss die meist nur dreigeschossigen Häuser seiner Umgebung der Tokyoter Schlafstadt Shinjuku-ku.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Museum, ebenso eigenwillig wie seine Gründerin mit den meist grellrot gefärbten Haaren, zeigt durch unjapanisch große Fenstereinschnitte in allen Stockwerken bereits von außen offen und selbstbewusst wie ein Schaufenster an, dass es ausschließlich Kusamas Malereien, Skulpturen, Installationen sowie Videos ihrer inzwischen legendären Happenings präsentiert und die Künstlerin keinesfalls gewillt ist, in der japanischen Gesellschaft als Frau grau zu bleiben oder sich hintanzustellen.

          Warhol und Oldenburg machten sie bekannt

          Dabei galt Kusama wie ihre Altersgenossinnen Louise Bourgeois, Carmen Herrera oder Maria Lassnig lange als Prophetin im eigenen Land annähernd nichts; bis in die achtziger Jahre dauerte es, bevor sie in ihrer Heimat eine wichtige Ausstellung ausgerichtet bekam. Andy Warhol und Claes Oldenburg erst mussten sie weltweit über den Umweg New York bekannt machen, wo sie von 1958 bis 1972 überwiegend lebte.

          Auch mit neunzig noch jeden Tag im Atelier: Yayoi Kusama. Bilderstrecke

          In diesen quirligen Nachkriegsjahrzehnten, in denen New York die globale Kunstführerschaft an sich riss, impfte Kusama sich mit allen am Hudson ineinanderfließenden Strömungen von Minimalismus und Pop-Art bis zu einem späten Impressionismus und Surrealismus. Mit ihren vehementen Aktionen nahm sie 1968 „Occupy Wall Street“ vorweg. Im Verbund mit ihrem bodenständigen Erststudium an der Kyoto School of Arts and Crafts in der starkfarbigen japanischen Nihonga-Malerei führt dies zu einem Eklektizismus, der vordergründig das Klischee eines westlichen Japan-Bildes überzuerfüllen scheint, zugleich aber im „Clash of Cultures“ zweier sich vor kurzem noch bekriegender Kulturen etwas Einzigartiges schafft.

          Zaubergewächse im Unendlichkeitsspiegel

          Am plastischsten ist diese künstlerische „Fusion Kitchen“ süßsauer wohl in ihren Performancevideos zu spüren, in denen sich Nackte mit grellroten „Polka-Punkten“ auf den Körpern wie aufs Äußerste abstrahierte Kirschblüten bewegen, Kusama mithin die alte japanische Tradition des sich im Bild ungeschützt bis trunken reflektierenden Künstlers unironisch mit feministischen Aktionen und der Minimal Art kreuzt. Blieb doch die Wurzel ihrer Kunst anders als in der verkopften New Yorker Moderne stets die zwar stilisierte, aber konkrete Natur, etwa wenn sie alraunenartige Riesengewächse modelliert, Blütenblätter auszupft und ornamental anordnet oder sich selbst als Blume gewandet in ein van-Gogh-haftes Sonnenblumenfeld einpflanzt.

          Vor allem dient ihr das in Japan hochverehrte Symbol des Kürbisses als zentrale Metapher ihres Lebens und künstlerischen Schaffens. Oft schwarz gepunktet, werden die grellorangen Zaubergewächse mittels von ihr so genannter „Unendlichkeitsspiegel“ unüberschaubar zu Ornamentfeldern reproduziert und behalten doch auf seltsame Weise eine individuelle Aura; pseudofröhliche Metaphern des ernsten Lebens sind sie deshalb, weil im Kosmos der Künstlerin die Punkte für Atome und Wesen zugleich stehen, die in der Unendlichkeit des Alls buddhistisch kurz aufleuchten, nur um im nächsten Moment im Nichts aufzugehen.

          Mittlerweile in allen größeren Städten und Sammlungen der Welt zu sehen, teilen diese Installationen Kusamas allerdings das Schicksal der Werke ihres nur wenige Wochen älteren New Yorker Freundes Claes Oldenburg: Die einst starke Idee droht hinter dem massenhaft vervielfältigten, schnellen Wiedererkennungswert der gepunkteten Kürbisgewächse verlorenzugehen. Dass Yayoi Kusama selbst auch über ihren heutigen neunzigsten Geburtstag hinaus das bekannte auratische Original bleibt, daran besteht indes wenig Zweifel.

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