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Rubensausstellung in Paderborn : Sie nannten ihn den Gott der Maler

Anatomie des Todes: Während die Muttergottes die toten Augen ihres Sohnes schließt und mit ihrer Rechten Dornen aus seinem Haupt entfernt, trauert zu seinen Füßen Christi Großmutter um ihren Enkel. Bild: Vaduz/Wien, Liechtenstein, The Princely Collections

Wer hat´s erfunden? Für den Barock in Deutschland gilt: Rubens. Eine Schau im Paderborner Diözesanmuseum zeigt, wie einflussreich der flämische Maler aus Siegen gerade in der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs war.

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          Zeichen unvergesslicher Ausstellungen ist es, dass sie Fragen stellen, die vergessen wurden. Wie und woher kam eigentlich der Barock ins zersplitterte Reich, der viele deutsche Städte immer noch prägt? Italienische Künstlerimporte waren es jedenfalls nur im Süden des Landes. Und während „Rembrandt als Erzieher“ der Deutschen erst im nationalistisch gefärbten Historismus und hier vor allem in protestantischen Gegenden zum Führer ins Innerste der teutonischen Seele wurde, war es Rubens, der auf – auch konfessionell – breitester Basis seine Tiefe in glänzenden Oberflächen verbarg. Dies mindestens eintausendfünfhundert Mal, denn so viele Altäre sind allein von ihm und seiner Werkstatt bekannt. Rein rechnerisch verließ damit jede Woche ein neuer Altar das straff organisierte Antwerpener Atelier mit seinen zwei Dutzend Mitarbeitern, darunter für zwei Jahre auch Van Dyck. Von den Tausenden von Kopien nach Rubens, oft über in großen Mengen vervielfältigter Graphik aus seiner Presse über Europa verteilt, ganz zu schweigen. Kein einziges Bild seiner Hand existiert, dass nicht zumindest einmal nachgemalt worden wäre. Von etlichen gibt es Hunderte von Kopien. Die im Dreißigjährigen Krieg verwüsteten deutschen Kirchen wurden in der Wiederaufbauphase danach reihenweise „rubenisiert“.

          Von den Jesuiten lernen heißt optische Gesetze lernen: Wie durch einen konvex gewölbten Türspion öffnet sich der Blick auf Rubens´ „Verkündigung an Maria“ von 1620.

          Hochaltar in Fetzen

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Auch Paderborn besitzt einen solchen Rubens, von einem seiner vielen Schüler, Antonius Willemssens, vor Ort gemalt. Gleich beim Betreten der schon vom Titel her umfassenden Ausstellung „Peter Paul Rubens und der Barock im Norden“ erblickt man das ehemalige Hochaltarbild des Paderborner Doms, das in der Barockisierung des ursprünglich romanischen Gebäudes zwischen 1656 und 1658 entstand – und erschrickt. Nur knapp sechzig Prozent in Flicken sind von dem einst riesigen Altarblatt noch übrig.

          Einige Dutzend von ihnen wurden durch unendlich geduldige Restauratorinnen auf ein grau ausgedrucktes Vorkriegsphoto des Altars aufgenäht. Vor fünfundsiebzig Jahren wurde die Leinwand durch eine Fliegerbombe „zerblasen“, wie ein damaliger Dompfarrer es beschrieb. Im Jahr 1983 erst fand Christoph Stiegemann die Bildreliquien in einem Kartoffelkeller. Der verdiente Kurator des Diözesanmuseum feiert nun nach fast dreißigjähriger eminenter Ausstellungsarbeit (darunter Wegmarken wie „799 – Kunst und Kultur der Karolingerzeit“, „Gotik“ oder „Wunder Roms“) mit „Rubens im Norden“ seinen Abschied. Ins Kellerregal aber hatte der Dompropst sie 1945 nicht aus Ignoranz gebettet, sondern weil er nicht an das Wunder einer Wiederherstellung glaubte.

          Doch selbst diese überschaubaren Reste einer „Anbetung der Hirten“ zeugen noch von der Größe des Werks. Wie im Vorbild von Rubens lässt auch Willemssens zuvorderst eine Magd anstelle eines der Heiligen Drei Könige einen Korb mit Eiern als Gabe bringen – ein pragmatisches Geschenk des Überlebens nach dem gerade erst überstandenen Dreißigjährigen Krieg wie auch eine hochsymbolische Anspielung auf Maria à la Bellini. Wie Rubens schafft es sein Schüler, durch fleischfarbene wie auch kräftige dunkle Konturen das Bild auf die Ferne wirken zu lassen.

          Der Boom des Rubensbarock verwundert kaum, schaffte es der Künstler doch immer wieder, aus altbekannten Bildthemen durch eine überraschende Zutat neue Gerichte zu zaubern. Dass er in jedem seiner Bilder mindestens eine antike Statue verarbeitet, ist bekannt. Paderborn gelingt es aber, die intellektuelle Brillanz dieser Antiken- und Literaturzitate über Rubens’ außergewöhnliche Gelehrtheit und seinen engen Austausch mit jesuitischen Wissenschaftlern scharfzustellen. Für die Jesuitenkirche Antwerpens liefert er nicht weniger als neununddreißig hochgescheite Bilder. Wegen seiner Eloquenz wird er als Diplomat an den Madrider Königshof gesandt. Seine legendäre Kunstsammlung veräußert er für die Rekordsumme von einhunderttausend Gulden. Er ist ein geadelter Maler-Politiker, der sich auf der barocken Weltbühne – in Paderborn mit eigenem Saal – jederzeit selbstsicher bewegt.

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