https://www.faz.net/-gqz-9fkn8

Fotograf Nicholas Nixon : Die Lücken zwischen den Bildern

Der Mann mit der Kamera und seine Komplizen: Das Fotografieforum c/o Berlin zeigt das Werk des Amerikaners Nicholas Nixon. Noch kann man es im Stand der Unschuld betrachten.

          Ein Bild und noch ein Bild, das sei Kino, heißt es bei Jean-Luc Godard. Wenn das stimmt, dann fällt Nicholas Nixons bekanntestes Fotoprojekt ins Genre des Familienkinos. Seit dreiundvierzig Jahren porträtiert Nixon jedes Jahr seine Frau Bebe und deren drei Schwestern, meistens im Freien und immer im gleichen Arrangement: links Heather, dann Mimi, Bebe und Laurie. Als er die Brown-Schwestern zum ersten Mal aufnahm, war Bebe, die älteste, fünfundzwanzig und Mimi, die jüngste, fünfzehn Jahre alt. Inzwischen haben alle vier ein Alter erreicht, in dem der Körper die Spuren der Zeit nicht mehr verleugnen kann. Den Weg dorthin hat Nixon mit seiner Großbildkamera gleichsam lückenlos festgehalten.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Aber nur gleichsam. Wenn man, wie in der Werkschau, die das c/o Berlin Nixons Arbeiten gewidmet hat, die Jahresfotografien der Brown-Schwestern hintereinander betrachtet, fallen einem als Erstes die Lücken zwischen den Bildern auf. Man sieht vier junge Frauen aus der weißen Mittelschicht der amerikanischen Ostküste, lässig, nachdenklich, selbstbewusst; und dann sieht man, wie sie sich verwandeln.

          Manchmal malt sich Bitterkeit in ein Gesicht

          Die Gesichter werden schärfer konturiert, die Gesten und Blicke entschiedener. Die Körper rücken enger zusammen, die Kamera nähert sich, dann tritt sie wieder zurück. Eine der Schwestern legt Gewicht zu, die andere wird schmaler, eine dritte zeigt muskulöse Oberarme. Manchmal malt sich Bitterkeit in einem Gesicht, ein anderes strahlt Zufriedenheit aus. Die Hände der vier Frauen erzählen währenddessen eine eigene Geschichte. Anfangs in den Kleidern verborgen oder auf die gekreuzten Arme gelegt, bilden sie mit den Jahren eine immer dichtere Kette der gegenseitigen Berührung. Die Schwestern, das sieht man, weben an einer gemeinsamen Erzählung, ihre Lebensläufe vereinen sich zum Epos einer Familie.

          Aber über dieses Epos erfährt man jenseits der Jahreszahlen nichts. Die Erzählung bleibt in den Gesichtern verborgen, und es ist diese Leerstelle, aus der nicht nur hier die Faszination von Nixons Fotografien entsteht. Die Schwestern sind Individuen und zugleich Typen; sie stehen für die Erfahrungen einer Generation, aber auch für das Spiel der Familienähnlichkeiten und Geschwisterkämpfe. In ihnen bildet sich die Zeit ab, aber nur wie in einem kaputten Film, der ruckweise vorspringt. Ein Bild und noch ein Bild. So sieht man in den Fotos von Aidskranken, die Nixon Ende der achtziger Jahre gemacht hat, den Weg der Patienten in den Tod, begleitet von Eltern, Kindern, Ehemännern.

          Eine der Aufnahmen zeigt einen Vater und seinen Sohn in inniger Umarmung auf dem Sterbebett, und das Herzzerreißende des Moments liegt darin, dass es nicht der Ältere, sondern der Jüngere ist, der stirbt. Auf einem anderen Foto nimmt die Mutter von ihrem Sohn Abschied, aber es muss früher entstanden sein, denn hier ist der Kranke noch angezogen, er muss gestützt werden, aber er steht noch aufrecht. Die Zeit schreitet unbarmherzig voran bei Nixon, und die Kamera kann nur retten, was zu retten ist, die ewige Wahrheit des Augenblicks.

          Ein unsterbliches Bild

          Nixons entscheidender Schritt als Fotograf ist der Wechsel von der Leica zur Großbildkamera mit Stativ. Zuvor hat er, immer in Schwarzweiß, Vorort- und Stadtlandschaften aufgenommen, aber von da an zeigt er fast nur noch Menschen. Die Leute, die er fotografiert, werden zu seinen Komplizen, der Bildraum zum Lebensraum. Der schwerfällige Apparat erzeugt Tiefenschärfe, ohne Ordnung zu erzwingen. In „Taunton Avenue, Hyde Park, Massachusetts, 1979“ sind sechs Personen hintereinander vor der Kamera gestaffelt, ohne dass sie im Geringsten arrangiert wirken. Eine afroamerikanische Familie, fünf Töchter, die Mutter sitzt ganz hinten. Das Foto hat die Präzision eines Altmeistergemäldes und die spontane Energie eines Schnappschusses. Ein Nachmittag in Amerika; ein unsterbliches Bild.

          In seinen besten Aufnahmen treibt Nixon das fotografische Oxymoron regloser Bewegung auf die Spitze. Eine Frau greift einer anderen an die Stirn; Kinder lehnen im Abendlicht an einer Hauswand; zwei Jungen umarmen sich unter einem Baum. Dann tritt, ausgelöst vielleicht auch durch den Erfolg der Brown-Sisters-Serie, das Porträthafte in den Vordergrund. Er fotografiert seine Frau, seine Kinder, sein Haus, Freunde, Bekannte, Menschen im Altersheim, mit dem Blick des Zeugen, nicht der Brille des Richters. Erst in seinen jüngsten Arbeiten interessiert sich Nixon, wie ganz am Anfang, wieder für grafische Effekte: Ähren im Wind, Laub auf den Stufen, Gardinenmuster und Blüten. Es ist, als hätten ihn die Menschen zu den Dingen zurückgeführt.

          Die Kritik einer Nixon-Werkschau wäre unvollständig ohne eine Erwähnung des Eklats, mit dem seine akademische Karriere zu Ende ging. Im März dieses Jahres ist Nicholas Nixon von seiner Professur am Massachusetts College of Art and Design zurückgetreten, nachdem mehrere ehemalige Studenten Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gegen ihn erhoben hatten. Seine Lehrmethoden sind Gegenstand polizeilicher Ermittlungen. Was dieser Bruch in seiner Biographie für Nixons bekanntestes Fotoprojekt und für seine Arbeit überhaupt bedeutet, lässt sich nicht abschätzen. Im c/o Berlin kann man seine Bilder gleichsam noch im Stand der Unschuld betrachten. Was immer das auf Dauer heißen mag.

          Nicholas Nixon. Life Work. c/o Berlin, bis 2. Dezember. Der Begleitband ist im Kehrer Verlag erschienen und kostet 45 Euro.

          Weitere Themen

          Ist Banksy in Venedig? Video-Seite öffnen

          Berüchtigte Streetart : Ist Banksy in Venedig?

          Auf Instagram kündigte der Streetart-Künstler, dessen Identität geheim bleibt, an, mit einem eigenen Stand auf der Biennale in Venedig vertreten zu sein. Die Kunstschau in Venedig zählt zu den größten Weltweit

          S!sters am Ende

          Deutschland beim ESC : S!sters am Ende

          Der deutsche Beitrag beim ESC landet mal wieder auf einem der letzten Plätze. Was haben die S!sters falsch gemacht? Und warum suchen sie die Fehler bei anderen?

          „Post von Karlheinz“ als Hörbuch Video-Seite öffnen

          Hörprobe : „Post von Karlheinz“ als Hörbuch

          Die Nachrichten, die die Schauspieler Bjarne Mädel, Cathlen Gawlich und Bernhard Schütz für dieses Hörbuch vorlesen müssen, liegen außerhalb der Vorstellungskraft anständiger Menschen.

          Ultrascharf und superteuer

          Kamera Arlo Ultra im Test : Ultrascharf und superteuer

          Kluge Algorithmen, gestochen scharfe Details in 4K-Auflösung, bessere Nachtsicht, automatisches Zoomen und Verfolgen von sich bewegenden Objekten: Ist die Arlo Ultra die beste Überwachungskamera für Haus und Hof?

          Topmeldungen

          In der Welt der Laser: Trumpf liefert eine Schlüsseltechnologie für die Chip-Herstellung durch ASML.

          An den Grenzen der Physik : Trumpf und Zeiss bauen am Superchip

          Das große Geschäft der Mikrochips boomt. Jetzt stoßen die schwäbischen Unternehmen mit dem niederländischen Spezialmaschinenbauer ASML an die Grenzen der Physik vor. Geht es noch schneller, größer und kleiner?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.