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Fotograf Frank Horvat : Gier nach Schönheit

Der Fotograf Frank Horvat ist im Alter von zweiundneunzig Jahren gestorben. Bild: POP-EYE

Frank Horvat vereinte die Neugierde des Journalisten mit der Besessenheit als Künstler. Nun ist der Mode-, Akt-, Porträt-, Tier- und Reportagefotograf im Alter von zweiundneunzig Jahren gestorben.

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          Wer Frank Horvat je zugehört hat, wenn er über sein Leben und sein Werk erzählte, hätte ihn auch für einen kühl kalkulierenden Pragmatiker halten können. Das begann mit seinem Entschluss schon als Fünfzehnjähriger, seine Briefmarkensammlung gegen eine Kamera einzutauschen – in der begründeten Annahme, als Fotograf Mädchen leichter beeindrucken zu können denn als Philatelist. Und endete noch lange nicht bei der Erklärung, Aufträge aller berühmten Modemagazine stets nur deshalb angenommen zu haben, weil er sich mit dem Geld die Freiräume für seine eigentlichen Interessen schaffen konnte.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Doch je mehr er sprach, desto mehr schälte sich aus der Selbstdarstellung ein Romantiker heraus. Und auch wenn ihn der Fotojournalist Henri Cartier-Bresson schon früh ermahnt haben soll, dass man nicht beides könne: das Leben beobachten und Regieanweisungen geben, Bilder in der Wirklichkeit entdecken und Bilder nach eigenen Visionen verwirklichen, schien das für Horvath bloß Ansporn zu sein, seinen Blick auf die Welt und die Möglichkeiten des Mediums noch weiter zu öffnen und sich in allen denkbaren Genres auszuprobieren: von der Reportage bis zum Stillleben, vom Akt über die Mode bis zum Porträt, und in der Neuinszenierung Alter Meister schuf er sein ganz eigenes Genre.

          Ein Bilduniversum im Internet

          Ein Bilduniversum ist auf diese Weise entstanden, das Frank Horvat eine Nummer bescheidener als „Horvatland“ ins Internet gestellt hat. Es ist eine Welt im Kleinen, die dennoch alle Gegenden des Globus in sich vereint, in der Pakistan neben Paris und New York neben Sizilien liegt. In der eine schöne Frau mit endlos langen Beinen durch eine englische Arbeitersiedlung stöckelt und eine Krake unter Wasser mit ihren endlos langen Armen nach einem Zackenbarsch greift. In der ein Zwerg in Manhattan ins Taxi steigt und in Mysore in Indien ein gefangener Elefant zu Boden stürzt. Die Tower Bridge im Nebel, Blumen im Sonnenschein, nackte Menschen im Atelier – nichts ist dem „Horvatland“ fremd.

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          Es ist ein Werk voller Poesie, das sich auch später noch, als Frank Horvat im Alter von 84 Jahren begann, mit einer kleinen Digtalkamera seine engste Umgebung zu untersuchen, vor allem diesen beiden Fragen widmet: Was genau macht Schönheit aus? Und: Wie entsteht Anmut?

          Die Neugierde des Journalisten half ihm bei der Suche nach einer Antwort ebenso wie seine Besessenheit als Künstler. Und so bot er Lösungen mit en passant entstandenen Schnappschüssen aus den Straßen von Paris, mit spartanischen Studioinszenierungen und in aufwendig produzierten Modestrecken. Sein Liebespaar am Ufer der Seine gibt sich den vielleicht schönsten Kuss der Fotografiegeschichte, und die Aufnahme eines Models auf der Rennbahn mit einem blütenweißen Hut von Givenchy vor schwarz gekleideten Herren zählt zu den am häufigsten publizierten Fotografien überhaupt.

          Gier nach Schönheit aus den Erfahrungen des Kriegs

          Beide Bilder entstanden bereits Mitte der fünfziger Jahre. Und womöglich war seine Gier nach Schönheit mit Erfahrungen des Kriegs zu erklären, einer aufgewühlten Kindheit auf der Flucht von Kroatien, wo er 1928 zur Welt kam, über Italien in die Schweiz. Und fast schon programmatisch widmete er sich in seiner ersten Reportage 1951 Pilgern in Norditalien. Nur vier Jahre später wurden seine Bilder bereits für die legendäre Ausstellung „The Family of Man“ ausgewählt.

          Erst dieser Tage erschien das nun wohl letzte Buch Frank Horvats, „Side Walk“. Darin versammelt sind Fotografien, die er über alle Tages- und Jahreszeiten hinweg in den Straßen von New York aufgenommen hat. Und wiederum zeigt er seine Meisterschaft, in Gesten oder Formen, in der Harmonie einer zufälligen Komposition oder der Perfektion eines banalen Gegenstands und nicht zuletzt in der Beiläufigkeit eines Augenblicks ein Moment von Schönheit freizulegen.

          Und einmal, als er einen Hydranten und ein Verkehrshütchen nebeneinander zeigt, wie in ein freundliches Gespräch vertieft, fast mag man von Zuneigung sprechen, wie diese beiden Objekte zueinander stehen, miteinander flirten, da begreift man, wie viel Liebe in diesem Mann gesteckt hat. Jetzt ist Frank Horvath im Alter von zweiundneunzig Jahren gestorben.

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