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Wende im Fall Gurlitt : Überraschende Lösung für Schwabinger Kunstfund

Der Kunstsammler Cornelius Gurlitt hat sich mit der Bundesregierung geeinigt. Erwiesene Raubkunst soll den einstigen Besitzern zurückgegeben werden. Im Gegenzug bekommt er seine Bildersammlung binnen eines Jahres zurück.

          Im Fall des Schwabinger Kunstfunds ist es zu einer entscheidenden Vereinbarung gekommen zwischen dem Land Bayern, dem Bund und Cornelius Gurlitt, in dessen Eigentum die in München und Salzburg sichergestellten Kunstwerke stehen. Im Kern bedeutet die Übereinkunft, dass der Fortgang der Provenienzrecherchen, die von der „Taskforce“ betrieben werden, gesichert ist. Hinzu kommt – und das ist wirklich bemerkenswert –, dass die möglichen Restitutionen nach den Grundlagen des Washingtoner Abkommens, das faire und gerechte Lösungen in Restitutionsfällen zum Ziel hat, vonstattengehen werden. Cornelius Gurlitt wird die unbelasteten unter den ihm gehörenden Werke zurückerhalten.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Im Klartext heißt das: Cornelius Gurlitt, der Erbe des für die Nationalsozialisten tätigen Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, ist bereit, weitere Recherchen nach der Herkunft der Bilder in seinem Besitz zuzulassen, wenn die Beschlagnahme der Werke beendet wird. Wie bekannt, hatte die Augsburger Staatsanwaltschaft 2012 in seiner Wohnung in Schwabing rund 1280 Gemälde und Graphiken beschlagnahmt, die sich bis heute bei der Staatsanwaltschaft befinden. Diese Aktion war von Anfang an umstritten, weil die Werke Gurlitt rechtlich gehören. Wenn die von der Bundesregierung eingesetzte Taskforce jetzt ihre Arbeit fortsetzen kann, beruht dies auf einer freiwilligen Geste des gebrechlichen Sammlers. Es geht dabei vor allem um diejenigen Werke aus dem Kunstfund, für die der Verdacht besteht, dass es sich um Raubkunst handelt. Ziel ist es, die Provenienzrecherchen innerhalb eines Jahres durchzuführen; bei bestehenden Restitutionsansprüchen bleiben die Werke auch danach in treuhänderischer Verwahrung.

          Am Zug ist jetzt auch die Staatsanwaltschaft

          Im Gegenzug kann Gurlitt künftig einen Wissenschaftler seiner Wahl in die Taskforce entsenden. Bayerns Justizminister Winfried Bausback sieht in der Vereinbarung eine Grundlage dafür, „dass auch und gerade Opfer des nationalsozialistischen Terrors ihre Rechte an Kunstwerken geltend machen können“. Auf der ganzen Welt schaue man darauf, „welche Antwort wir auf diese Fragen finden“. Wie recht er doch hat. Aus der Sicht von Kulturstaatsministerin Monika Grütters ist „die damit rechtlich unangreifbar ermöglichte umfassende Provenienzrecherche der Gurlitt-Sammlung nicht zuletzt deshalb wichtig, weil wir so gerade auch gegenüber dem Ausland ein deutliches Zeichen setzen, NS-Unrecht auch siebzig Jahre nach Kriegsende nicht weiter fortbestehen zu lassen“. Sie erklärt weiter, dass die mit dem Schwabinger Kunstfund gesammelten Erfahrungen in ihr geplantes „Nationales Zentrum Kulturgutverluste“ einfließen werden.

          Einen Nebenschauplatz dieser doch überraschenden Wende bedeutet das Auftreten eines zweiten Anspruchstellers im Fall des Gemäldes „Sitzende Frau“ von Henri Matisse, das vorübergehend in der Sammlung von Hermann Göring war und dann in den Besitz der Gurlitt-Familie kam. Denn die Rückgabe an die Erben des jüdischen Kunsthändlers Paul Rosenberg galt bereits als gesichert. Vor dem Hintergrund der Ansprüche einer ungenannten Person muss jetzt die Herausgabe durch Gurlitts Anwalt Christoph Edel neuerlich überprüft werden. Auf Anfrage dieser Zeitung erklärte sein Sprecher Stephan Holzinger, dass allerdings Kenntnisse über diesen Antrag der Taskforce bereits Mitte Februar bekannt gewesen seien. Schon die Zustimmung zur Rückgabe des Matisse an die Eigentümer signalisierte Gurlitts Bereitschaft, Unrecht gutmachen zu wollen. Die am Montag getroffene Vereinbarung zeugt aber nicht nur von einer moralischen Haltung, sondern sollte Vorbild werden für den Umgang mit NS-Raubkunst. Am Zug ist jetzt auch die Augsburger Staatsanwaltschaft. Sie sollte endlich verbindliche Auskunft über den genauen, wie es heißt, steuerstrafrechtlichen Grund dieser damaligen Beschlagnahme geben.

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