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Spektakulärer Kunstfund : Schwabinger Sensation

Die Kunstwerke, die Cornelius Gurlitt in seiner Wohnung hortete, lagern nun an einem geheimen Ort. Die Ermittlungen beginnen erst. Unbekannt ist auch der Aufenthaltsort von Gurlitt selbst.

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          Keine Alarmanlage sicherte die unscheinbare Wohnung, und auch sonst gab es keinen Hinweis darauf, dass die Fahnder des Zollamtes München am 28. Februar 2012 in einem Apartmenthaus in Schwabing einen spektakulären Schatz entdecken könnten. Sie präsentierten dem Bewohner, dem fast 80 Jahre alten Cornelius Gurlitt, den richterlichen Durchsuchungsbeschluss und machten sich an die Arbeit.

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Auf die Spur des Mannes waren die Zollfahnder eineinhalb Jahre zuvor gekommen. Am Abend des 22. Septembers 2010, gegen 21 Uhr, trafen sie ihn bei einer Routinekontrolle im Schnellzug von Zürich nach München an, auf der Strecke kurz hinter Lindau. Er hatte einen hohen Betrag an Bargeld bei sich, 9000 Euro, 18 druckfrische 500-Euro-Scheine, berichtete die Zeitschrift „Focus“, die den Fall nun öffentlich machte.

          Alle Erwartungen übertroffen

          Der Leiter des Zollfahndungsamtes München, Siegfried Klöble, der sich am Dienstag erstmals zu den Vorgängen äußerte, wollte die genaue Summe nicht bestätigen, sagte aber: „Nach der Bargeldverordnung muss man nur Beträge über 10000 Euro deklarieren.“ Wenn jemand Bargeld knapp unter diesem Betrag mit über die Grenze nehme, gehe der Zoll davon aus, dass das ganz bewusst geschehe. „Dann schauen die Kontrolleure genauer hin.“ Im Anschluss an die Kontrolle ermittelten die Behörden deshalb weiter – längere „Vorermittlungen“, wie sie es nennen. Und als sich nach etlichen Monaten der Anfangsverdacht auf ein „steuerstrafrechtliches“ Vergehen bestätigte, beantragten sie einen Durchsuchungs- und Beschlagnahmebeschluss für die Wohnung in Schwabing. Diesen setzen sie Ende Februar 2012 in Tat um (nicht, wie von „Focus“ berichtet, schon im Frühjahr 2011).

          Was die Fahnder dort fanden, dürfte ihre kühnsten Erwartungen weit übertroffen haben: In einem einzigen Raum bewahrte Gurlitt Hunderte Bilder auf. 121 gerahmte Werke lagen in einem Regal, 1285 ungerahmte Werke in einem Schrank. Ölgemälde, Tusche- und Bleistiftzeichnungen, Aquarelle, Lithographien und sonstige Drucke von unschätzbarem Wert. Drei Tage lang dauerte es, bis die beschlagnahmten Meisterwerke fachgerecht verpackt und abtransportiert waren.

          Ermittlungen haben Priorität

          Der alte Mann war während der Durchsuchung in seiner Wohnung anwesend. Er wurde, so die Staatsanwaltschaft, als Beschuldigter vernommen. Dass es sich um Cornelius Gurlitt, den Sohn des bekannten Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, handelt, bestätigten Zoll und Staatsanwaltschaft bei ihrer gemeinsamen Pressekonferenz in Augsburg nicht. Allerdings taten sie auch nichts, um entsprechende Berichte zu dementieren.

          Spekulationen, dass Gurlitt noch weitere geheime Kunstsammlungen angelegt haben könnte, widersprachen die Behörden. „Wir halten es nicht für wahrscheinlich, dass noch weitere Bilder irgendwo gelagert sind“, sagte Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz. Das Gemälde „Löwenbändiger“ von Max Beckmann habe der Beschuldigte noch vor der Durchsuchung versteigern lassen (nicht, wie von „Focus“ berichtet, danach). Die übrigen Gemälde seien derzeit auch nicht in einem Zolldepot in Garching bei München gelagert, sondern anderswo untergebracht. Der Ort wird geheim gehalten. Nemetz widersprach dem Vorwurf, die Ermittlungsbehörden hätten den sensationellen Kunstfund nicht geheim halten dürfen. „Die Ermittlungen haben Vorrang“, sagt er. „Wir sehen unsere Aufgabe nicht kulturhistorisch.“ Die Veröffentlichung des Fundes durch „Focus“ habe die Ermittlungen enorm erschwert. Außerdem seien die wertvollen Kunstwerke nun gefährdet, müssten womöglich besonders geschützt und versichert werden.

          Lebt Gurlitt noch?

          Ob sich der Anfangsverdacht der Staatsanwaltschaft, die gegen Gurlitt nun wegen eines Steuervergehens und wegen Unterschlagung ermittelt, erhärten lässt, wird deshalb noch lange nicht feststehen. Juristisch prüfe die Staatsanwaltschaft, sagte Nemetz, ob die Möglichkeit einer Beweislastumkehr bestehe. Da sich unter den beschlagnahmten Kunstwerken nachweislich solche befänden, die einst als verkauft oder vernichtet deklariert worden seien, „ist für uns die ganze Sammlung mit einem Makel behaftet“. Und so müsse möglicherweise der Beschuldigte selbst für jedes Werk beweisen, dass er der rechtmäßige Eigentümer sei – und nicht die Staatsanwaltschaft das Gegenteil.

          Wo sich Gurlitt inzwischen aufhält, ist nicht bekannt. Nachbarn aus dem Wohnhaus in Schwabing berichteten, dass sie den alten Mann schon seit mehr als einem Jahr nicht mehr gesehen hätten. Nemetz sagte: „Wir wissen es selbst nicht.“ Da die Ermittlungsergebnisse bislang für einen Haftbefehl nicht ausreichten, bestehe derzeit auch kein Grund, weiter nachzuforschen. Und auf die Frage eines Journalisten, ob er sicher sei, dass Gurlitt noch lebe, antwortete Nemetz: „Ich kann nichts dazu sagen, ob jemand, zu dem wir keinen Kontakt haben, noch lebt.“

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