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Spektakulärer Kunstfund : Marc, Matisse, Picasso, Dürer

  • -Aktualisiert am

Bereits im Frühjahr 2011 wurden in einer Münchner Wohnung 1500 Kunstwerke beschlagnahmt, die seit dem Zweiten Weltkrieg als verschollen galten. Was bedeutet diese Entdeckung?

          Was von dem Münchner Fall bekanntgeworden ist, klingt monströs: Wie das Nachrichtenmagazin „Focus“ berichtet, hat der fast achtzigjährige Sohn eines berühmten Kunsthändlers im Nationalsozialismus in seiner Wohnung 1500 Werke gehortet, darunter Gemälde von Picasso, Matisse, Marc, aber auch Dürer, die zwischen Müllresten und vergammeltem Essen sichergestellt worden seien. Die Staatsanwaltschaft war auf den Mann mit Namen Rolf Nikolaus Cornelius Gurlitt aufmerksam geworden, nachdem er 2010 bei einer Reise nach Zürich in das Visier von Zollfahndern geriet. Die Bilder wurden beschlagnahmt und liegen nun im bayerischen Zolldepot in Garching bei München. Gurlitt hat einen österreichischen Pass. Ermittelt wird anscheinend wegen des Verdachts auf Steuervergehen. Der Sprecher der Augsburger Staatsanwaltschaft Matthias Nickolai sagte im Gespräch mit dieser Zeitung: „Das Steuergeheimnis verbietet es der Staatsanwaltschaft, Auskunft zu geben.“ Die Beschlagnahmung von Besitz sei bei Ermittlungen wegen Steuerhinterziehung allerdings üblich und werde durch einen richterlichen Beschluss gedeckt. Erst wenn Anklage erhoben werde, würden Zusammenhänge öffentlich gemacht. Eine öffentliche Stellungnahme wurde für heute angekündigt.

          Die nächstliegende Frage lautet: Wie kann das alles sein? Wie lagert man 1500 Kunstwerke unbemerkt in einer Schwabinger Wohnung? Und was sagt ein solcher Fund über den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit? Was den Fall ins Gewaltige aufbläht, ist die Zahl der Werke. Um welche es sich genau handelt, ist bisher kaum bekannt, auch nicht, wie viele davon Ölgemälde oder Papierarbeiten sind. Bekannt ist nur, dass die Staatsanwaltschaft offenkundig Experten um Hilfe gebeten hat: Mit der Bestimmung der Bilder und ihrer Herkunft wurde die Kunsthistorikerin Meike Hoffmann von der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ an der Berliner Freien Universität betraut. Auch sie wird am heutigen Dienstag vor die Presse treten, um ihre Erkenntnisse zu den in München entdeckten Werken der Moderne vorzulegen.

          Ein gewöhnlicher Opportunist

          Die Staatsanwaltschaft schweigt noch, die Expertin auch. Was den Fall, der zunächst so unglaublich erscheint, aber viel schrecklicher macht: Es ist in vielerlei Hinsicht ein ganz normaler Fall. Es ist eine Familiengeschichte im deutschen Kunstbetrieb, die vom Nationalsozialismus über die Nachkriegszeit in die Gegenwart verlängert worden ist. Sie wurde wie in einer Zeitkapsel in der Schwabinger Wohnung aufbewahrt. Und erst jetzt, nach Jahrzehnten, in denen sich das Unrechtsbewusstsein dramatisch gewandelt hat, blickt man fassungslos auf diesen Fall zurück.

          Welche Familiengeschichte kommt hier zu ihrem Ende? Rolf Nikolaus Cornelius Gurlitt, der fast achtzigjährige Mann, in dessen Schwabinger Wohnung der Kunstschatz gefunden und als Beweismaterial gesichert wurde, war der Sohn von Hildebrand Gurlitt, geboren 1895 in Dresden. Gurlitt hatte jüdische Vorfahren, eine Karriere im Nationalsozialismus schien daher zunächst unwahrscheinlich - bis sie 1938 rasant an Fahrt aufnahm. Der studierte Kunsthistoriker hatte zuvor zwei Posten verloren: 1930 war er in Zwickau als Museumsdirektor entlassen worden, 1933 musste er als Direktor des Hamburger Kunstvereins gehen. Vorgeworfen wurden ihm sein Einsatz für Avantgardekunst und seine jüdischen Wurzeln. Trotz allem setzten die Nationalsozialisten anscheinend jedoch auf die guten Kontakte, die Gurlitt im Kunsthandel unterhielt. Von Joseph Goebbels erhielt er 1938 den Auftrag, Kunst, die als „entartet“ aus Museumsbesitz beschlagnahmt worden war, ins Ausland zu verkaufen. Gurlitt war nicht der einzige Händler, der mit dieser Aufgabe betraut war. Es gab noch weitere Händler, die für die Nationalsozialisten Kunst in Devisen verwandelten, darunter etwa Bernhard Böhmer.

          Zu lange hat man weggesehen

          Gurlitt verkaufte nicht nur beschlagnahmte Werke aus deutschen Museen. Er war auch die Schlüsselfigur für Kunst- und Kulturwerke, die im besetzten Frankreich gekauft, erpresst, geraubt wurden. Bei dem Münchner Fund soll auch ein Matisse aus der Sammlung des Pariser jüdischen Kunsthändlers Paul Rosenberg entdeckt worden sein. Die Moderne gehörte zu seinem Spezialgebiet, die lukrativsten Geschäfte machte Gurlitt aber im Altmeisterhandel. Er stieg zum Chefeinkäufer für Adolf Hitlers pompöses Museumsprojekt in Linz auf, das sogenannte „Führermuseum“. Auch dieses Museum sollte mit Raubkunst aus jüdischem Besitz gefüllt werden. Und all diese Verkäufe, Ankäufe, Plünderungen, Arisierungen, Beschlagnahmungen und Enteignungen waren im vollen Gange, als 1945 der Nationalsozialismus beendet wurde. Danach kamen die Lügen.

          Die Wahrheit im Fall Gurlitt wird sich noch herausstellen müssen: warum der Kunstfund erst jetzt veröffentlicht wird, zwei Jahre nachdem er der Staatsanwaltschaft bekannt geworden war, ist ein Rätsel. Die Erben von geraubter Kunst sind häufig betagt, für viele wird der Fall zu spät bekannt geworden sein. Wahrscheinlich ist auch, dass Hildebrand Gurlitt über weitere Depots verfügte. Auch nach der Razzia bei seinem Sohn gab letzterer zumindest ein weiteres Gemälde in den Handel, Beckmanns „Löwenbändiger“, der Ende 2011 bei Lempertz versteigert wurde.

          Das eigentlich Erschreckende an Gurlitts Fall ist seine Normalität: Wie viele seiner Kollegen sagte nämlich auch Hildebrand Gurlitt nach 1945 aus, seine Bestände und Unterlagen seien verbrannt und zerstört. Diese Lügen sind nun aufgeflogen. Bis 1956, als er bei einem Verkehrsunfall starb, leitete er den Düsseldorfer Kunstverein. Wie viele Werke Gurlitt selbst bereits verkaufte, ist unbekannt. Wie viele seine Witwe Helene danach in den Handel gab, ebenfalls. Im Kunsthandel der Nachkriegszeit wurden zu lange keine Fragen gestellt. Dem Sohn scheinen die Lügen des Vaters nun über den Kopf zu wachsen.

          Es geht um die Herkunft jedes einzelnen Kunstwerks

          Es liegt angesichts dieses spektakulären Funds in München nahe anzunehmen, dass vor allem wichtige deutsche Auktionshäuser wenigstens von dem Namen Cornelius Gurlitt Kenntnis haben könnten. Auf Anfrage dieser Zeitung allerdings scheint das, mit einer Ausnahme, nicht der Fall zu sein. Lediglich das Kölner Kunsthaus Lempertz verkaufte 2011 Beckmanns „Löwenbändiger“. Lempertz bestätigt auch den Kontakt mit Gurlitt selbst, allerdings habe die Übergabe des Beckmann-Gemäldes in einer anderen Wohnung stattgefunden als der am Arthur-Kutscher-Platz in Schwabing, in der die 1500 Werke lagerten; auf Nachfrage von Lempertz habe Gurlitt aber keine weiteren Werke in seinem Besitz erwähnt. Keinerlei Einlieferungen von Cornelius Gurlitt verzeichnen, nach eigenen Angaben, das Auktionshaus Van Ham in Köln, die Villa Grisebach in Berlin, Hauswedell & Nolte in Hamburg und die Münchner Häuser Ketterer, Neumeister und Karl & Faber. Der zurückhaltende Kommentar lautet unisono, erst einmal fundierte Informationen über die Kunstwerke abwarten zu wollen. Entscheidend werde dabei sein, so etwa Markus Eisenbeis, Chef von Van Ham in Köln, wie jedes einzelne Werk in den Besitz von Gurlitt kam: ob etwa durch Kauf oder Tausch seines Vaters Hildebrand Gurlitt oder womöglich auch durch Ersitzen, was - juristische - Ansprüche verjähren lässt.

          Das Art Loss Register in London erklärt auf Anfrage, man kenne noch keine Liste der in München gefundenen Werke.

          bsa./rmg

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