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Gurlitts Erben : Wir wollen Wiedergutmachung

  • -Aktualisiert am

Hans Christoph: „Paar“, Aquarell, 1924. Das Werk wurde jenen Werken des Schwabinger Kunstfundes zugerechnet, bei denen laut Behördenangaben „der begründete Verdacht auf NS-verfolgungsbedingten Entzug“ bestehen sollte. Bild: Staatsanwaltschaft Augsburg/dpa

Was geschieht mit den Kunstwerken aus dem Nachlass des verstorbenen Cornelius Gurlitts? Das letzte Wort liegt beim Oberlandesgericht. Und bei den Erben.

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          Vielleicht schon in diesem Monat, so ist aus Berlin zu hören, könnte die endgültige Entscheidung fallen. Möglicherweise dauert es noch bis Ende des Jahres, heißt es dagegen aus München, bis feststeht, wem künftig die ehemalige Sammlung des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt gehören soll: dem Kunstmuseum Bern, dem sie sein Sohn Cornelius kurz vor seinem Tod testamentarisch vermacht hatte. Oder den Mitgliedern der Familie, die dieses Testament angefochten haben, indem sie die Testierfähigkeit des damals Einundachtzigjährigen in Frage stellten.

          Fest steht nur, dass das Oberlandesgericht München über die Relevanz von drei Gutachten entscheiden muss, die Cornelius Gurlitts Cousine Uta Werner noch ins Verfahren eingebracht hatte. In ihnen kommen zwei Mediziner, anders als ein gerichtlich bestellter Gutachter, zu dem Schluss, dass Gurlitt bei der Unterzeichnung seines Testamentes nicht testierfähig war; eine dritte Expertise sieht bei dem Gerichtsgutachten methodische Fehler. Trotz aller Unwägbarkeiten beeilten sich nun in der vergangenen Woche die vom Bund finanzierte Kunst- und Ausstellungshalle in Bonn und das Kunstmuseum Bern, gemeinsam zu erklären, man plane auf jeden Fall schon einmal an beiden Orten „zeitgleich Ausstellungen, in deren Mittelpunkt eine Auswahl der Kunstwerke aus dem Nachlass von Cornelius Gurlitt steht“. Sie seien „für den Winter 2016/17 geplant und inhaltlich aufeinander abgestimmt“.

          Abwarten auf das Gerichtsurteil

          An die Möglichkeit, dass die Entscheidung des Münchner Gerichtes anders ausfallen und Berlin und Bern gar keinen Zugriff auf die Sammlung Gurlitt erhalten könnten, scheint nach wie vor niemand zu denken. Mit Uta Werner wird nicht einmal gesprochen: „Meine Anwälte haben die Staatsministerin für Kultur und Medien zweimal um ein Gespräch gebeten“, hatte die Achtundachtzigjährige erklärt. „Wir wollten aufzeigen, was wir im Erbfall mit der Sammlung machen würden.“ Die Ministerin habe jedoch beide Male abgesagt.

          Was aber würde geschehen, wenn die Münchner Richter anders entscheiden, als in den beiden Hauptstädten erwartet wird? Bisher scheinen die Äußerungen von Uta Werner für eine klare Agenda zu sprechen. In der Sammlung befinden sich insgesamt rund 1500 Kunstwerke. 280 davon - meist Arbeiten der malenden Verwandten Louis und Cornelia und der Teilnachlass des Kunsthistorikers Cornelius Gurlitt sen. - befanden sich nachweislich schon vor 1933 in Familienbesitz. 450 bis 500 Bilder übernahm Hildebrand Gurlitt ab 1937 aus der Aktion „Entartete Kunst“. Für die meisten zahlte er dem zuständigen Propagandaministerium in Berlin die geforderten Preise, andere hatte er wohl in Kommission erhalten. Sieben Bilder wurden bislang als NS-Raubkunst identifiziert, weitere könnten folgen - nach Ansicht der an der Aufarbeitung beteiligten Experten wohl aber nicht mehr sehr viele. Für 100 bis 150 Arbeiten gilt die Provenienz den Recherchen zufolge als nicht NS-belastet, für 500 bis 600 Kunstwerke lässt sie sich wohl nicht mehr klären.

          Schnelle Restitution bei NS-Raubkunst

          Uta Werner hat offenbar im Erbschaftsfall nicht vor, die Werke, die ihr Cousin Cornelius Gurlitt bis 2012 wie einen Schatz hütete, zu behalten oder auf eigene Rechnung zu verkaufen. Die Bilder von Louis und Cornelia Gurlitt sollen dem Vernehmen nach Museen gestiftet werden. Für den Nachlass von Cornelius Gurlitt sen., darunter Skizzenbücher, Tagebücher und Büsten, ist dessen Heimatstadt Dresden im Gespräch. Für das Konvolut aus der Aktion „Entartete Kunst“ - hauptsächlich expressionistische Papierarbeiten und Druckgrafiken - denken die Mitglieder der Familie Gurlitt entweder an jeweils einzelne Rückgaben an die Herkunftsmuseen oder an eine Gesamtstiftung an ein einzelnes Haus. Entscheiden soll in Absprache mit den betroffenen Museen ein noch zu benennender Fachbeirat.

          Zunächst allerdings soll die gesamte Sammlung mit allen zugänglichen Informationen im Internet publiziert werden, um möglichen Anspruchstellern Gelegenheit zu geben, sich zu melden. Dass ermittelte NS-Raubkunst schnell und unbürokratisch an die legitimen Eigentümer restituiert werde, hatte nicht nur Cornelius Gurlitt noch kurz vor seinem Tod erklärt. Auch seine Familie hat sich dazu bereits mehrfach öffentlich verpflichtet.

          Für Kunstwerke unter Raubkunstverdacht - laut Abschlussbericht der sogenannten „Task Force“ zurzeit zehn, aber auch für mögliche weitere - würden nach Angaben der Familie sofort vertiefende Provenienzrecherchen in Auftrag gegeben. Kontakt zu entsprechenden Forschern gebe es bereits - darunter nach Recherchen dieser Zeitung auch solche, die vorher bereits für die „Task Force“ gearbeitet haben. Zwei internationale Organisationen sollen diese Arbeit überwachen und selbst daran teilnehmen. Eindeutig „saubere“ Bilder würden zum Teil zweckgebunden verkauft werden müssen, um die anfallenden Kosten und das Personal zu bezahlen.

          „Wiedergutmachung“ dort, wo möglich

          Für die verbleibenden Werke denkt die Familie über karitative Zwecke nach, sagt Uta Werner. Vorbild könnte die „Mauerbach-Auktion“ von 1996 sein, bei der die Israelitische Kultusgemeinde Wien Tausende vom Staat übergebene Kunstwerke zugunsten von NS-Opfer-Organisationen versteigern ließ, deren Eigentümer angeblich nicht mehr festgestellt werden konnten: „Mein Vater musste seine kostbare Sammlung musikwissenschaftlicher Bücher verkaufen, weil die Nazis ihn aus der Universität geworfen hatten und er seine Familie nicht mehr versorgen konnte. Ich wurde die letzten Kriegsmonate vor der Gestapo versteckt, weil meine Mutter Jüdin war. Ich weiß also aus eigener Erfahrung ganz gut, wie es sich anfühlt, wenn man dem Terror des Naziregimes ausgesetzt war.“ Man könne das, was geschehen sei, nicht ungeschehen machen, aber dort, wo man heute noch „eine Andeutung von Wiedergutmachung“ zeigen könne, solle man es tun. Willibald Gurlitt, der Onkel von Cornelius Gurlitt und Vater von Uta Werner, wurde 1937 als Universitätsprofessor entlassen, da er mit einer Jüdin verheiratet war.

          Die juristische Wertfestsetzung des Gesamtvermögens von Cornelius Gurlitt, zu dem nicht nur Kunstwerke, sondern auch Geld und Immobilien zählen, lag bei seinem Tod im Mai bei 7,6 Millionen Euro.

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