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NS-Raubkunst : Gurlitt gibt den Matisse zurück

  • -Aktualisiert am

Cornelius Gurlitt will die „Sitzende Frau“ von Henri Matisse an die Eigentümerfamilie zurückgeben. Dieser Schritt rettet sein Ansehen. Unbekannt sind noch die wichtigsten Akten.

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          Der Fall Gurlitt hat sich in ein großes verwinkeltes Schloss verwandelt, mit vielen Geschossen, Türmchen und Trakten, Flügeln und Zimmern. Fast wöchentlich wird irgendwo in diesem unübersichtlichen Gebäude eine Tür aufgerissen, und alle Welt darf wieder in ein neues Zimmer schauen. Ist es der Prunksaal? Nur die Besenkammer? Das Königsgemach?

          Gestern wurden wieder zwei neue Türen geöffnet. Eine davon hat große Bedeutung: Wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet, „will der einundachtzigjährige Cornelius Gurlitt die ,Sitzende Frau‘ an die Rosenbergs zurückgeben, ohne Bedingungen“. Das ist die beste Nachricht bisher in diesem Fall. Das Gemälde von Henri Matisse war im Frühjahr 2012 beschlagnahmt worden, nachdem die Augsburger Staatsanwaltschaft die Schwabinger Wohnung des Erben Cornelius Gurlitt durchsucht hatte. Es befindet sich bis heute bei der Augsburger Staatsanwaltschaft, zusammen mit weiteren etwa 1280 Werken.

          Als der Fund im November vergangenen Jahrs bekannt wurde, hieß die Sammlung in den Schlagzeilen „Nazi-Schatz“. Das Bild von Matisse belegt zweifelsfrei den Verdacht, dass sich in der Sammlung NS-Raubkunst befindet: Es war von den Nationalsozialisten aus dem Besitz des jüdischen Pariser Kunsthändlers Paul Rosenberg geraubt worden. Rosenberg floh aus Frankreich und siedelte in die Vereinigten Staaten über.

          Bundesregierung kann aufatmen

          Die „Sitzende Frau“ befand sich kurzzeitig in der Sammlung von Hermann Göring und gelangte über Umwege zu Hildebrand Gurlitt, dem Vater von Cornelius Gurlitt. Rosenberg, der 1959 starb, suchte zu Lebzeiten häufig vergeblich nach den verschollenen Werken seiner Sammlung. Sein Erbe haben die beiden Enkelinnen Marianne Rosenberg und Anne Sinclair angetreten.

          Aufatmen dürfen nicht nur die Erben Rosenbergs. Anlass dazu hat auch die Bundesregierung. Bereits in der nächsten Woche soll der Vertrag von den Erben und Gurlitts Anwälten unterzeichnet werden, und auch die Augsburger Staatsanwaltschaft hat grünes Licht gegeben: „Wenn eine entsprechende Vereinbarung vorgelegt wird und der Betreuer des Beschuldigten mitteilt, dass aufgrund dessen das Bild herausgegeben werden darf“, so ein Sprecher der Staatsanwaltschaft, dann wolle man das gerne tun. Der Wert des Gemäldes wird auf einen zweistelligen Millionenbetrag geschätzt.

          Mit der Rückgabe rettet Cornelius Gurlitt nicht nur sein eigenes Ansehen, sondern vorläufig auch das der Bundesrepublik: Denn aus dem Rampenlicht dürften damit, wenigstens kurzzeitig, deren Versäumnisse geraten. Nach Meinung von Gurlitts Anwälten wäre er nach deutschem Recht nämlich nicht zu der Rückgabe verpflichtet. Nach dem Krieg hatte man in Deutschland Anspruchstellern, die sich um die Rückgabe von NS-Raubkunst bemühten, nur außerordentlich knappe Meldefristen eingeräumt; Verjährungsfristen ließ man verstreichen, ohne sie zu verlängern. Ein Restitutionsgesetz wurde nie verabschiedet.

          Mehr als dreimal so viele Werke als bisher bekannt

          Erst der Fall Gurlitt brachte einen Stein ins Rollen, weshalb jetzt eine Gesetzesänderung diskutiert wird. Insofern ist die Rückgabe des Gemäldes an die Rosenberg-Erben ein Glücksfall: Cornelius Gurlitt würde damit den Erben freiwillig die Rechte einräumen, die ihnen von der Bundesrepublik versagt worden sind.

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