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Münchener Kunstfund : Meisterwerke in tadellosem Zustand

1400 Bilder, darunter unbekannte Meisterwerke, hat ein Kunstsammler gehortet. Bei einem Teil handelt es sich um während der NS-Zeit beschlagnahmte „entartete Kunst“. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Erkenntnisse zum spektakulären Münchener Bilderfund präsentiert.

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          Bei dem spektakulären Kunstfund in München sind insgesamt 121 gerahmte und 1285 ungerahmte Werke beschlagnahmt worden – darunter auch bisher unbekannte Meisterwerke. Es handele sich nicht nur um Werke der klassischen Moderne, sondern auch um deutlich ältere Bilder, sagte die Berliner Kunsthistorikerin Meike Hoffmann bei einer Pressekonferenz am Dienstag in Augsburg.

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Das älteste Werk stamme aus dem 16. Jahrhundert. Die Sammlung war bei einer Wohnungsdurchsuchung am 28. Februar 2012 in München-Schwabing entdeckt worden und nicht, wie bislang berichtet, bereits 2011. Die Ermittler stießen in einem Raum auf ein Regal und einen Schrank mit den Bildern. „Die Gemälde waren fachgerecht gelagert und in einem sehr guten Zustand“, sagte der Leiter des Zollfahndungsamts München, Siegfried Klöble. Die Werke seien verschmutzt, aber nicht beschädigt gewesen, bestätigte auch Meike Hoffmann. 

          Spektakulärer Kunstfund : Unbekannte Werke großer Künstler

          Dass es sich bei dem Beschuldigten um den 79 Jahre alten Cornelius Gurlitt, den Sohn des bekannten Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt handelt, wollten die Behörden nicht bestätigen – dementierten es aber auch nicht. Auf die Spur Gurlitts waren Zollfahnder nach einer Personenkontrolle am 22. September 2010 in einem Schnellzug von Zürich nach München gekommen. Weil der Mann einen höheren Bargeldbetrag bei sich führte, begannen längere Vorermittlungen.

          Als sich der Anfangsverdacht einer Steuerstraftat bestätigte, wurde gerichtlich die Durchsuchung der Münchner Wohnung Gurlitts angeordnet. Diese begann am 28. Februar 2012 und dauerte wegen des fachgerechten Abtransports der vielen Gemälde drei Tage. Seither wird gegen Gurlitt auch wegen möglicher Unterschlagung ermittelt.

          Anders als spekuliert worden war, gehen die Ermittler nicht davon aus, dass Gurlitt noch weitere Lager hatte. Das Gemälde „Löwenbändiger“ von Max Beckmann sei vor der Durchsuchung versteigert worden. Die Gemälde seien derzeit auch nicht in einem Depot in Garching bei München gelagert, sondern anderswo untergebracht. Der Ort wird geheim gehalten.

          Fotos der Werke sollen nicht online gestellt oder anderweitig veröffentlicht werden, sagte Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz.  Unter den Fundstücken befinden sich auch bislang völlig unbekannte Meisterwerke. Dazu gehören etwa eine allegorische Szene von Marc Chagall und ein Gemälde von Henry Matisse.

          Eine „ganz besondere Entdeckung“ ist laut Hoffmann ein Selbstporträt von Otto Dix in tadellosem Zustand, das sie etwa auf das Jahr 1919 datierte. Von Pablo Picasso wurden eine Zeichnung und zwei Druckgrafiken entdeckt, von Albrecht Dürer ein Kupferstich einer Kreuzigungsszene.

          Zum Gesamtwert der Sammlung, der vom Magazin Focus auf eine Milliarde Euro beziffert worden war, wollten sich die Behörden nicht äußern. Das sei zum derzeitigen Stand der Ermittlungen überhaupt nicht möglich, sagte Nemetz. Der Oberstaatsanwalt wehrte sich auch gegen den Vorwurf, den Fund zu lange geheim gehalten zu haben. Das Bekanntwerden durch den Bericht im Focus habe die Ermittlungen enorm erschwert, sagte er. Außerdem seien die Kunstwerke nun gefährdet und müßten möglicherweise besonders geschützt werden.

          Wo sich Cornelius Gurlitt, der während der Beschlagnahmung in seiner Wohnung anwesend war und als Beschuldigter vernommen wurde, derzeit befindet, ist unbekannt. „Wir haben keinen Kontakt“, sagte Nemetz. Für einen Haftbefehlt reichten die bisherigen Ermittlungsergebnisse nicht aus. Wie lange die Untersuchungen von Staatsanwaltschaft und der Kunsthistorikerin Hoffmann noch andauern werden, ist offen. Bislang habe sie zu etwa 500 der gut 1400 Werke angefangen zu recherchieren, sagte Hoffmann.

          Ein Teil der Bilder sei „eindeutig der Beschlagnahme entarteter Kunst“ während des NS-Regimes zuzuordnen. Andere Werke seien während des Zweiten Weltkrieges in besetzten Gebieten beschlagnahmt worden oder unter Zwang etwa von jüdischen Eigentümern verkauft worden. Zusätzlich gelte es nun zu ermitteln, wo und in wessen Besitz sich die Werke in den vergangenen 70 Jahren befanden, sagte Oberstaatsanwalt Nemetz. „Die Rechtslage ist außerordentlich komplex.“

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