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Münchener Kunstfund : Die besondere Rolle der Herren Gurlitt

  • -Aktualisiert am

Beim Münchner Bilderfund hat die Zusammenarbeit von Staatsanwaltschaft und Kunstgeschichte zum Zusammenbruch einer scheinbar unumstößlichen Großerzählung der bundesdeutschen Nachkriegszeit geführt.

          Der Münchner Fund von 1400 Gemälden und Papierarbeiten in einer Schwabinger Wohnung, die zuletzt von dem 1933 geborenen Cornelius Gurlitt bewohnt wurde, beschäftigt nicht nur die Augsburger Staatsanwaltschaft, sondern auch die Kunstgeschichte. Während Ermittler der Staatsanwaltschaft, Zollfahnder und Polizisten Indizien und Beweise zusammentragen, müssen Kunsthistoriker Originale begutachten, in Datenbanken nachforschen und die Archive von Koblenz bis Washington auf den Kopf stellen. Der Münchner Fund ist ein einzigartiger Fall, wegen der Menge der Bilder: Alle stammen aus den Beständen des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt (1895 bis 1956), der vor allem im Nationalsozialismus Karriere machte.

          Bilderstrecke

          Auch aus einem zweiten Grund ist der Münchner Fund einzigartig: eben weil juristische und kunsthistorische Recherche Hand in Hand gehen. Was die Ermittlungen anbetrifft, stehen zwei Personen im Zentrum: Der Leitende Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz und die Kunsthistorikerin Meike Hoffmann, die als Sachverständige an Bord geholt wurde und hauptberuflich Mitarbeitern und Projektkoordinatorin an der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ der Berliner Freien Universität ist.

          Wie passt das alles zusammen?

          Schon jetzt hat diese Zusammenarbeit von Staatsanwaltschaft und Kunstgeschichte zum Zusammenbruch einer scheinbar unumstößlichen Großerzählung der bundesdeutschen Nachkriegszeit geführt. Der Eisberg, an dem diese Erzählung wie ein Dampfer im Meer zerschellt, ist die Person Hildebrand Gurlitts. Nichts scheint bei ihm zusammenzupassen: ein Kunsthändler mit einer jüdischen Großmutter, der wegen seiner Abstammung und seines Einsatzes für Avantgardekunst in Zwickau 1930 seinen Posten als Museumsdirektor verlor und in Hamburg 1933 den als Leiter des Kunstvereins – und der dann zu einem der erfolgreichsten Kunsthändler im Nationalsozialismus aufstieg. Der sogar in der Nachkriegszeit Kunstvereinsleiter in Düsseldorf wurde. Und seiner Familie nach dem Tod 1956 eine Kunstsammlung hinterließ, die jetzt in München aufgetaucht ist. Geht das alles auf einmal?

          Es ist zu einer Floskel geworden, dass die hintergründigsten Geschichten immer noch das Leben selbst schreibt. Zu diesen Geschichten gehört eine bisher unveröffentlichte, die in das Amsterdam des Jahres 1943 zurückführt, zu dem Künstler Max Beckmann, der dort im Exil lebte. Von Beckmann befand sich in Hildebrand Gurlitts Sammlung die Gouache „Der Löwenbändiger“, die sein Sohn Cornelius im Dezember 2011 über das Auktionshaus Lempertz in Köln versteigern ließ. Was indessen nicht bekannt war ist, dass Gurlitt 1943 Beckmann in Amsterdam aufsuchte. Der Maler hatte 1937 Berlin verlassen, als in München die Propaganda-Ausstellung „Entartete Kunst“ eröffnete, in der auch zehn Gemälde und zwölf Graphiken von seiner Hand gezeigt und diffamiert wurden; aus Museumsbesitz wurden insgesamt 28 seiner Gemälde beschlagnahmt. Beckmann, darüber kann kein Zweifel bestehen, verletzten die Diffamierungen zutiefst. Bereits 1933 war er als Dozent an der Frankfurter Städelschule entlassen worden, in einem Hetzschreiben wurde er als „Judenknecht“ bezeichnet, der „Kunsthurerei“ betreibe.

          „Entartete Kunst“ verkaufte sich weiterhin

          Umso erstaunlicher ist dieser Besuch: Am 19.Oktober 1943, einem Dienstag, kam Hildebrand Gurlitt in Begleitung von Erhard Göpel zu Beckmann, am nächsten Tag, dem 20.Oktober, ein zweites Mal. Dass Göpel Beckmann in Amsterdam besuchte, ist bekannt. Nicht bekannt ist, dass auch Gurlitt dabei war – und das aus gutem Grund. Denn nach Recherchen, deren Unterlagen dieser Zeitung vorliegen, kamen Göpel und Gurlitt, um Kunst zu kaufen. Genannt wird dort das Gemälde einer „Frau mit weißer Jacke“. 1944, bei einem weiteren Besuch, folgen Bilder einer „Franz. Bar“, eines „Fischs“ und einer „Südl. Landschaft“. Gurlitt, das darf man nicht vergessen, war zu diesem Zeitpunkt bereits zu einem der Chefeinkäufer für Adolf Hitlers pompöses Museumsprojekt in Linz aufgestiegen. Von 1938 an gehörte er außerdem zum Kreis der Kunsthändler, die als „entartet“ beschlagnahmte Kunst ins Ausland verkaufen sollten, um Devisen zu beschaffen.

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