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Münchener Bilderfund : Der Star ist die Kunsthistorikerin

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Der Anteil der Raubkunst

Aber auch den grausigen Teil des Münchner Funds brachte Meike Hoffmann zur Sprache. Sichergestellt wurden ebenso Gemälde, die als Raubkunst gelten müssen. Es handelt sich dabei um Kunst, die von Privatpersonen stammt, überwiegend jüdischen Bürgern, die im Nationalsozialismus erpresst, enteignet, vertrieben oder umgebracht wurden. Als Beispiel diente das Gemälde einer sitzenden Frau von Henri Matisse, das 1942 aus einem Banktresor im französischen Libourne beschlagnahmt worden war und dem in die Vereinigten Staaten geflohenen jüdischen Kunsthändler Paul Rosenberg gehörte. Dessen Enkelin Anne Sinclair schrieb im Frühjahr dieses Jahres seine Biographie. Mutmaßlich ist sie die rechtmäßige Besitzerin des Bildes von Matisse.

Wie hoch der Anteil von Raubkunst bei den 1400 Werken liegt, ist allerdings weiter unbekannt. Einige Funde sind kleinere Sensationen der Kunstgeschichte: Das Gemälde von Matisse gilt als bisher unbekannt, ebenso ein Selbstporträt von Otto Dix, das Meike Hoffmann auf 1919 datiert, und eine Gouache von Marc Chagall. Und ja, Picassos wurden auch in der Wohnung gefunden – allerdings kein Ölgemälde, sondern eine Zeichnung und zwei Druckgraphiken. Der Anteil von Papierarbeiten scheint groß zu sein. Der in Berichten kolportierte Sammlungswert von einer Milliarde Euro gehört also ins Reich der Märchen.

Noch bleibt der Münchner Fund also ein Puzzle in vielen Teilen: 500 Werke, so Hoffmann, habe sie seit 2012 „in Augenschein“ genommen. Von einer gründlichen Erfassung kann keine Rede sein.

Grauzone der rechtlichen Lage

Namen wollte weder Meike Hofmann noch die Staatsanwaltschaft nennen. Es kann allerdings weiter davon ausgegangen werden, dass alle Werke aus der Sammlung Hildebrand Gurlitts (1895 bis 1956) – des Vaters von Cornelius Gurlitt, in dessen Wohnung die Werke beschlagnahmt wurden – stammen, der im Nationalsozialismus eine Schlüsselfigur im Kunsthandel war, wobei er sowohl mit moderner als auch alter Kunst handelte.

Schon jetzt wird allerdings deutlich, dass sich die Kunstgeschichte verändern muss: Mit Meike Hoffmann ist eine Kunsthistorikerin prominent in die Öffentlichkeit getreten, deren Fachrichtung bisher an den Universitäten kaum verankert ist. Seit 2006 arbeitet Hoffmann als Mitarbeiterin und Projektkoordinatorin an der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ der Berliner Freien Universität. Bisher gibt bundesweit keine Professur für Provenienzforschung, geschweige denn einen Lehrstuhl.

Die Rolle der Auktionshäuser

Eine Grauzone ist auch die rechtliche Lage. Wem die Raubkunst heute gehört, die in München gefunden wurde, ist weiterhin vollkommen offen. Teile von Hildebrand Gurlitts Sammlung wurden nach dem Zweiten Weltkrieg bereits über zahlreiche Auktionshäuser versteigert, zu denen nach den Angaben der Datenbank „Entartete Kunst“ neben Lempertz auch Grisebach zählt. Gurlitt hatte zudem nicht nur einen Sohn, sondern auch eine 1935 geborene Tochter mit Namen Renate. Seine Frau Helene lebte ebenfalls in München. Die kunsthändlerischen Tätigkeiten dieser Familienmitglieder gilt es ebenfalls zu rekonstruieren.

2012 veröffentlichte Meike Hoffmann eine viel gelobte Studie über Bernhard A. Böhmer, der wie Gurlitt zu den wichtigsten NS-Kunsthändlern zählte. Jetzt ruht die Last, die Herkunft und Geschichte von 1400 Werken erforschen zu müssen, auf ihren Schultern. Für nur zwei Schultern wird diese historische Last zu groß sein. Der Tatsache, dass weitaus mehr Sachverständige benötigt werden, muss sich die Staatsanwaltschaft als nächstes stellen.

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