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Gurlitts Nachlass und die Schweiz : Wir sind Alleinerbe

Cornelius Gurlitt hat in seinem Testament das Berner Kunstmuseum eingesetzt. Aber hat die Schweiz mit der Sammlung jetzt ein Problem?

          3 Min.

          „Diese Sammlung darf man zeigen“, erklärte Mathias Frehner, Direktor des Berner Kunstmuseums, als er seine Worte wiedergefunden hatte. Aus allen Wolken sei er gefallen, sagte er in ersten Interviews. Wie ein „Blitz aus heiterem Himmel“ habe die Nachricht eingeschlagen, schrieb das beschenkte Museum in seiner offiziellen Stellungnahme. Natürlich darf, soll, muss man die von Cornelius Gurlitt in Schwabing und Salzburg gehorteten Meisterwerke teils zweifelhafter Provenienz zeigen.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Aber darf man das Erbe auch annehmen? Und warum kommt es ausgerechnet in die Schweiz, nach Bern? Auf der Rückreise von dort nach München hatte der Leidensweg des kauzigen Greises, der so kunstfreundlich wie menschenscheu war, begonnen. An der Grenze entdeckten deutsche Zollfahnder 9000 Euro in großen Scheinen, ausbezahlt von der Galerie Kornfeld, der er gegen Bargeld Werke verkaufte. Sie brachten Gurlitt in Verdacht und die Behörden auf die Spur seiner heimlichen Sammlung, deren Existenz erst 2013 enthüllt wurde.

          Rechtliche und ethische Fragen

          Cornelius Gurlitt ist tot, Uli Hoeneß muss ins Gefängnis. Die Schweiz hat den Menschen, die mit ihr Geschäfte trieben, kein Glück gebracht. Seit der Finanzkrise sind Steuerbehörden und Zollfahnder sehr viel aufmerksamer geworden. Die Schweiz steht unter Druck – und sitzt als Hort von Raubkunst wie Schwarzgeld auf der Anklagebank der internationalen Öffentlichkeit. Hoeneß wird die Schweiz kaum als Alleinerbin einsetzen. Aber von Cornelius Gurlitt soll sie die von seinem Vater, dem Kunsthändler Hitlers, zusammengekauften, zusammengestohlenen Schätze bekommen. Ob diese – nach der Klärung aller Ansprüche rechtmäßiger Besitzer – nicht womöglich als „nationales Kulturgut“ in Deutschland bleiben müssen, ist von zweitrangiger Bedeutung. Wichtig ist nur die Frage: Nimmt die Schweiz diese Erbschaft an?

          Als „Geschenk in Verpackung“ verharmlost selbst die „Neue Zürcher Zeitung“ in ihrem Kommentar seine Brisanz – und mahnt doch zur Vorsicht angesichts der „rechtlichen und ethischen Fragen, die jedes Werk dieser Sammlung dicht umhüllen“. Doch letztlich misst auch sie mit anderen Ellen: „Und vor allem: Ist die Kunst, die den Weg nach Bern auch wirklich schafft, diesen Aufwand überhaupt wert?“ Vor zwanzig Jahren ging es um die „nachrichtenlosen Vermögen“ verschollener Juden, welche die Banken nicht herausrücken wollten; um die Lebensversicherungen von Toten, welche noch im Krieg partiell an ihre Mörder ausbezahlt wurden. Die Auseinandersetzungen um diese Gelder waren der Anfang vom Ende des Bankgeheimnisses. Die Sammelklagen aus Amerika wurden von Christoph Blocher und seiner Schweizerischen Volkspartei als „Erpressung“ bezeichnet und bekämpft. Es gab damals Ansätze einer Selbstkritik: Aber sie verpuffte, und Blochers SVP gewann den Kulturkampf um die Vergangenheit der Schweiz im Krieg.

          Was immer Cornelius Gurlitt zu seinem Vermächtnis bewogen hat: Für die Schweiz ist es eine Probe, der man offenbar nicht gewachsen ist. Nach den Fragen, Bedenken, Skrupeln der unvollendeten Aufarbeitung – auch durch eine Historikerkommission – machte sich in der verschonten Schweiz, die sich nichts habe zuschulden kommen lassen, schnell wieder das intakte Selbstbewusstsein breit, in dem zwei Weltkriege und die Schoa keine tieferen Spuren hinterlassen haben. Selbstgerechtigkeit ist nach der gescheiterten Vergangenheitsbewältigung das Herzstück der helvetischen Identität: Die „Masseneinwanderung“ aus Europa hat sie gerade gestoppt. Seine Bilder nimmt sie gerne – falls es sich lohnt, wenn sie gut genug sind. Ein Geschenk für die Geschichte?

          „Ich kann nur sagen: Wir sind Alleinerbe“, erklärt Frehner, der sehr schnell eine deutliche Sprache gefunden hat und seine Freude über die Gabe bereits als legitimen Anspruch formuliert, also die schnellstmögliche Abwicklung fordert: „Ich kenne kein Inventar und keine Schätzungen. Aber ich gehe davon aus, dass die Mittel da sind, um alle offenen Fragen zu klären, welche die Herkunft der Bilder betreffen. Herr Gurlitt hat selbst das Problem und die Wichtigkeit erkannt und bereits eine fähige Expertentruppe eingesetzt, die an der Arbeit ist. Die offenen Fragen sollen möglichst rasch und zuverlässig geklärt werden.“ Und wenn sie geklärt sind? „Dann ist die Ungerechtigkeit, die allenfalls passiert ist, beglichen!“

          Für den Direktor handelt es sich bei den „Verpackungsfragen“ offensichtlich um rein juristische und allenfalls diplomatische Abklärungen. Schon ist das Kunstmuseum dabei, als Weißwäscher des Herrn Gurlitt, der die Abklärungen ja freiwillig in Auftrag gegeben habe, und der eigenen Weste aufzutreten: „Es lassen sich keine Kontakte zwischen Herrn Gurlitt oder seinem Vater zum Kunstmuseum nachweisen“ – im Voraus geklärt? Und die Tatsache, dass die Galerie Kornfeld eine Gönnerin seines Museums ist? „Ja, Herr Kornfeld ist ein wichtiger Mäzen unseres Hauses. Aber er spielt überhaupt keine Rolle in der Beziehung mit Cornelius Gurlitt. Man darf das Erbe nicht darauf zurückführen.“

          Auch das also ist für Mathias Frehner ein paar Stunden nach dem Schock eine Gewissheit. Warum Bern? „Das ist die Frage, auf die ich auch gerne eine Antwort wüsste.“ Von seinem Schwindel nach dem freien Fall aus allen Wolken hat er sich schnell erholt. Die Botschaft ist klar: Wir, die Schweiz und Bern, sind bereit.

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