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Gurlitt und die Folgen : Die Kunst hat ein Bleiberecht

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Jutta Limbach, die frühere Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts, will, dass sich die Museen die in der NS-Zeit beschlagnahmte Kunst gegenseitig zurückgeben. Für einen solchen Ringtausch aber ist es längst zu spät.

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          Am vergangenen Montag wurde nicht nur bekannt, wie mit der NS-Raubkunst aus dem Nachlass von Cornelius Gurlitt umgegangen wird; es gab auch Klarheit, wie mit Werken im Konvolut verfahren werden soll, die aus der verheerenden Aktion „Entartete Kunst“ von 1937 stammen. Das Kunstmuseum Bern nimmt diese Arbeiten als Eigentum an, ist aber bereit, Leihanfragen von deutschen, österreichischen und polnischen Museen, den einstigen Vorbesitzern, „prioritär zu behandeln“, wie Kulturstaatsministerin Grütters mitteilte.

          Man könnte dies wahrlich für eine einleuchtende Lösung halten, hätte sich nicht die frühere Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts Jutta Limbach, die mit ihrer Kommission strittige Fälle von NS-Raubkunst berät, kurz vorher dafür eingesetzt, dass sich die Museen die einst diffamierten und beschlagnahmten Werke gegenseitig zurückgeben. An diesem Vorschlag entzündet sich nun eine Debatte, die von den einen für überfällig, von den anderen für unsinnig gehalten wird. Von Stillhalteabkommen unter deutschen Museen ist ebenso die Rede wie von einer Aufkündigung des Burgfriedens; fragt sich nur, wer diesen mit wem geschlossen haben sollte, und warum.

          Bruch mit der Moderne

          Die Aktion „Entartete Kunst“ gehört zu den unsäglichsten Kapiteln der deutschen Museums- und Kunstgeschichte. Zum einen, weil die nationalsozialistische Ideologie die Avantgarde „restlos ausmerzen“ wollte und viele Künstler vertrieb oder sogar ermordete; zum anderen, weil an dem Bruch mit der Moderne auch viele Mitarbeiter der Museen beteiligt waren. Die Berliner Nationalgalerie hatte unter ihrem Direktor Ludwig Justi in der Zwischenkriegszeit eine der bedeutendsten Sammlungen zeitgenössischer Kunst aufgebaut. Fünfhundert Werke wurden ihr in der Aktion „Entartete Kunst“ entrissen, ähnlich viele Werke verlor das Berliner Kupferstichkabinett. Insgesamt waren fast 20 000 Arbeiten aus mehr als einhundert Museen und Sammlungen betroffen.

          Seine juristische Rechtfertigung fand dieser Ausverkauf im Nachhinein mit dem „Gesetz über die Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst“ vom 31. Mai 1938. Es sah die entschädigungslose Enteignung der beschlagnahmten Werke zugunsten des Deutschen Reiches vor und bereitete damit den Boden für die „Verwertung“ zur Devisenbeschaffung. Vier Kunsthändler teilten das Geschäft unter sich auf: Ferdinand Möller, Bernhard D. Böhmer, Karl Buchholz und Hildebrand Gurlitt. Was als „unverwertbar“ galt, wurde von NS-Schergen vernichtet, von Beteiligten unterschlagen oder ging letztlich im Bombenhagel unter.

          Öffentliche Repräsentation

          Nach dem Krieg wurde die Geschichte von der abgebrochenen Moderne zum Grundstein für den Neubeginn in vielen Museen. Im September 1948 beschloss der Denkmal- und Museumsrat Nordwestdeutschlands, „dass der als ,entartet‘ beschlagnahmte Museumsbesitz zwar in Bezug auf die öffentliche Repräsentation jener Künstler sinnvoll ersetzt, nicht aber die damals veräußerten Werke durch gesetzliche Zwangsmaßnahmen zurückgefordert werden sollten“. Bis heute werden die Umstände und Wirkungen untersucht, die zur Aussonderung und Vernichtung der Kunstwerke geführt haben. Die Forschungsstelle „Entartete Kunst“ an der Freien Universität Berlin zum Beispiel hat es sich zur Aufgabe gemacht zu klären, welche Werke der Avantgarde von der Aktion betroffen und eingezogen worden waren und welchen Weg sie nach 1937 nahmen. Das Gesetz von 1938, welches das Unrecht nachträglich legitimierte, wurde von den Alliierten nicht aufgehoben, ist aber am 31. Dezember 1968 im Rahmen eines Rechtsbereinigungsgesetzes außer Kraft getreten und hat damit seine Gültigkeit verloren.

          Die Folgen wirken freilich bis heute nach. Es gibt verschiedene Gründe, warum das Gesetz nicht rückgängig gemacht wurde: Zum einen - so hieß es tatsächlich - seien damit nicht Personen verfolgt worden, sondern nur Kunstwerke. Gewichtiger noch war der Hinweis, dass die gebrandmarkten Werke auf der ganzen Welt verhandelt wurden. Der Denkmal- und Museumsrat Nordwestdeutschlands äußerte sich 1948 dazu folgendermaßen: „Ein nicht unerheblicher Teil dieser Werke ist ins Ausland verkauft worden und keinesfalls wiederzugewinnen. Schon aus diesem Grunde wäre es Unrecht, lediglich deutsche Besitzer haftbar zu machen.“ Man kann es auch in ein Bild fassen: 1937 hat sich die öffentliche Hand selbst amputiert, und diese Wunde kann man nicht ungeschehen machen, auch wenn sie schmerzt.

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