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Liebermann aus Gurlitt-Bestand : Ansehen kann ich das Bild ja nicht mehr

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Vor mehr als sieben Jahrzehnten wurde Max Liebermanns Gemälde „Zwei Reiter am Strand“ gestohlen, jetzt aus der Sammlung Gurlitt restituiert. Bei einer Begegnung erzählt der greise Erbe, was er mit dem Bild verbindet – und warum er sich von ihm trennt.

          Gerade an dieses Bild, sagt David Toren, könne er sich so gut erinnern, weil es damals als einziges Kunstwerk allein in einem Raum gehangen habe: „Das war vor dem Krieg auf dem Landsitz meines Onkels in Großburg in Schlesien: ein dunkler Raum gegenüber dem Wintergarten. Ich weiß noch, dass von der anderen Seite immer starkes Licht auf das Gemälde gefallen ist, und davor standen Stühle. Ich habe dort oft gesessen, weil ich die Pferde so mochte. Auf dem Gelände hinter dem Haus bin ich ja oft selbst geritten, wenn ich dort den Sommer verbracht habe.“ Dreizehn Jahre alt war Toren damals, und er trug noch einen deutschen Vornamen. Heute ist der ehemalige Anwalt neunzig. Max Liebermanns Ölgemälde „Zwei Reiter am Strand“ von 1901 hat er als einziger noch lebender Erbe seines Onkels gerade restituiert bekommen – nach mehr als sieben Jahrzehnten.

          Das großformatige Bild gehört zu jenen Werken, die im Februar 2012 in der Münchner Wohnung des Kunsthändlersohnes Cornelius Gurlitt gefunden worden waren. Zwanzig Monate lang hielt die Augsburger Staatsanwaltschaft den Fund aus nach wie vor ungeklärten Gründen geheim – auch vor David Toren, der schon damals den Liebermann hätte zurückfordern können. Aber auch als die Entdeckung bekannt wurde, als der Fund der „Zwei Reiter“ veröffentlicht wurde und Cornelius Gurlitt selbst noch zu Lebzeiten die bedingungslose Rückgabe aller NS-Raubkunstbilder an die ehemaligen Besitzer zugesagt hatte, zog sich die Restitution noch über Monate hin. Zwar gab es schon im vergangenen Sommer ein Gutachten, das den Liebermann zweifelsfrei als jenes Bild identifizierte, das die Nationalsozialisten David Torens Onkel, dem jüdischen Unternehmer David Friedmann, zusammen mit Dutzenden weiterer Kunstwerke gestohlen hatten. Trotzdem wollten die Bundesregierung und ihre viel kritisierte „Taskforce“ nach Gurlitts Tod aber erst das schriftliche Einverständnis aller möglichen Erben in dessen Familie und des vom Sammler als Erbe eingesetzten Kunstmuseums Bern einholen. Erst nachdem nun sämtliche Unterschriften vorliegen, hat Toren den Liebermann zurückerhalten; restituiert wurde ebenfalls Henri Matisse’ „Sitzende Frau“ an die Erben Paul Rosenbergs. Am Abend des 24.Juni wird das Liebermann-Bild nun bei Sotheby’s in London versteigert werden.

          Rückgabe statt Entschädigung

          „Ich kann das Bild ja nicht mehr ansehen“, erklärt David Toren die Entscheidung. „Ich bin seit 2007 blind und habe nur noch ein Holzrelief an der Wand hängen, das jemand aus South Carolina nach dem Bild für mich gemacht hat. Darauf kann ich die Pferde wenigstens noch ertasten und mich erinnern.“ Außerdem gebe es inzwischen eine Reihe von Nachfahren und Erben, und zerschneiden und verteilen könne man ein solches Bild ja schließlich nicht. Und dann erzählt David Toren, der die Bundesrepublik zwischenzeitlich sogar auf Herausgabe des Bildes verklagt hatte, vom Schicksal seiner Familie. Vom Onkel, der als Jude seiner Sammlung und seines Besitzes beraubt wurde und im Februar 1942 in Breslau starb, dessen letzte Adresse „Straße der SA127“ lautete und der nicht mehr miterleben musste, dass seine Tochter Charlotte acht Monate später in Auschwitz ermordet wurde. Von seinen Eltern, die ihn 1939 mit einem der sogenannten „Kindertransporte“ nach Schweden schickten. Als sie ihn am 23.August, neun Tage vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, zum Bahnhof brachten, sah er sie zum letzten Mal: „Bis 1943 haben wir uns noch Briefe geschrieben – nur nette Dinge, weil ich sie nicht beunruhigen wollte und sie mich auch nicht. Dann kam, was die Nazis ‚Umsiedlung‘ nannten: die Deportation nach Buchenwald und später nach Auschwitz, wo sie umgebracht wurden.“ Die Korrespondenz mit Vater und Mutter, die letzten Postkarten vor dem Tod, wurden am 11.September 2001 in Torens Büro im 54.Stock des World Trade Center zerstört. Er nennt das seinen „zweiten Holocaust“.

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