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Fall Gurlitt : Seine moralischen Geschäfte

Williger Helfer oder von Verfolgung bedrohter Widerständler: Ein nun entdeckter Brief Hildebrand Gurlitts gibt Auskunft über die selbstbewusste Stellung des Kunsthändlers im Nationalsozialismus.

          3 Min.

          War Hildebrand Gurlitt ein williger Helfer der Nationalsozialisten oder spielte er ein doppeltes Spiel, in dem er seine offizielle Rolle nutzte, um sich für verfemte Künstler zu verwenden? Wie passt es zusammen, dass der Kunsthistoriker, der wegen seines Engagements für die Moderne als Direktor des Museums in Zwickau 1930 abgesetzt und als Leiter des Hamburger Kunstvereins 1933 entlassen wurde, danach in gleich zwei exponierten Funktionen - als Händler in der Aktion „Entartete Kunst“ und als Einkäufer von Raubkunst in Frankreich - für das Hitler-Regime tätig war, um nach dem Krieg - von 1948 bis zu seinem Tod 1956 stand er dem Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf vor - seine Karriere mit einem liberalen, fortschrittlichen Programm fortzusetzen? Fragen, über die seit dem Fund seines Kunstschatzes in der Münchner Wohnung seines Sohnes Cornelius Gurlitt Anfang November viel spekuliert wird.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          In der eidesstattlichen Versicherung, die Hildebrand Gurlitt 1945 den Alliierten gab, bezeichnet er sich als „Anti-Nazi“ und erklärt seine Karriere mit seiner Erpressbarkeit als „Viertel-Jude“, der in Gefahr war, in die „Organisation Todt“ gezwungen zu werden: „Ich musste mich entscheiden zwischen dem Krieg und der Arbeit für die Museen.“ Seine Rolle als Händler von „Entarteter Kunst“ erwähnt Gurlitt hier mit keiner Silbe, vielmehr vermittelt er den Eindruck, bis zu ihrer Zerstörung 1942, „da Hamburg demokratischer war als andere Städte“, seine Galerie als „Insel des freien Denkens“ weitergeführt zu haben.

          Briefwechsel zeichnet anderes Bild

          Beredter ist er zu seiner Tätigkeit als Einkäufer von Raubkunst in Frankreich: Hier erklärt Gurlitt, dass Hermann Voss, der Sonderbeauftragte des Führermuseums, „so weit ich weiß, nie Parteimitglied war und mir oft versicherte, ein fanatischer Gegner des Regimes zu sein“. Die Kunstschätze in Frankreich, die in jüdischem Besitz waren, seien, so behauptet er, nach Recht und Gesetz, „so hörte ich“, beschlagnahmt worden, „doch habe ich sie nie mit eigenen Augen gesehen“, überhaupt „habe ich nie ein Bild gekauft, das mir nicht freiwillig angeboten wurde“.

          Eine ganz andere Auskunft über seine Rolle während des Nationalsozialismus gibt ein Brief, den der Inhaber des Hamburger „Kunstkabinetts“ am 16. Dezember 1938 an Hans Wilhelm Hupp, den Direktor des Kunstmuseums Düsseldorf, schrieb und den wir hier im Faksimile dokumentieren. Der Nationalsozialist Hupp hatte das Haus 1933 als Nachfolger von Karl Koetschau übernommen und mit Verkäufen aus dem Bestand versucht, Eingriffe der Reichskulturkammer in das Museum einzuschränken. Dennoch wurden 1937 neunhundert verfemte Werke beschlagnahmt und einige von ihnen in der Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt.

          Profitable Geschäfte

          Der Brief, den der Provenienzforscher Willi Korte im Stadtarchiv Düsseldorf entdeckt hat, steht in diesem Zusammenhang und am Ende einer monatelangen Korrespondenz um ein Gemälde von Edvard Munch, über das Hupp damals immer noch verfügen konnte. Er wollte es, die Zustimmung des Oberbürgermeisters vorausgesetzt, im Wege eines „Ringtausches“ veräußern und dafür alte Meister erwerben, und Gurlitt hatte bereits mit einem norwegischen Bankier, der es kaufen wollte, Kontakt aufgenommen. Doch das Geschäft zog sich hin, der Ton zwischen Hupp und Gurlitt wurde schärfer. Am Ende steht die einlenkende Bemerkung Gurlitts, dass er „selbstverständlich das Bild unter Vorbehalt der Genehmigung Ihres Oberbürgermeisters verkauft, sodass ich also völlig ohne Sorge abwarten kann, wie die Dinge sich entwickeln“.

          Gurlitt verwahrt sich noch gegen einen „freundlich gemeinten leisen Vorwurf“ Hupps und lässt einen Schlusssatz folgen, der zeigt, wie selbstbewusst er gegenüber den Nationalsozialisten auftrat und wie sicher er sich in seiner privilegierten Rolle gefühlt haben muss: „Ich habe überhaupt den Eindruck, dass auf Dauer die Form, in der ich jetzt seit einigen Jahren Kunsthandel betreibe, moralisch und wirtschaftlich sich ausgezeichnet rentiert.“ Genau zwischen seinen beiden wichtigen Tätigkeiten - die Aktion „Entartete Kunst“ lief für ihn überaus erfolgreich im Sommer 1937, die Kunstraubzüge in Frankreich, für die er sich damit empfohlen hatte, fanden 1942 statt - erklärt sich Gurlitt hier selbst zum Profiteur des Nationalsozialismus. Schreibt so einer, der, wie er es nach dem Krieg eidesstattlich erklärt, unter Druck gesetzt und verfolgt wurde?

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