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Der Fall Gurlitt : Wir werden die Kunstgeschichte umschreiben müssen

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Die Dunkelziffer ist enorm. Wir sprechen bisher nur über Werke aus öffentlichem Besitz. Die Nazis haben aber auch Bilder aus Ateliers und aus Privatbesitz konfisziert. Wir reden immer nur von den Bildern, die wiederauftauchen, nicht von denen, die weg sind. Die „Säuberung“ traf beispielsweise auch die ab- strakten Expressionisten, die erst am Beginn ihrer Karriere standen und oft noch gar keinen Namen hatten.

Und die bis heute verschwunden sind?

Zum Beispiel Oscar Zügel, der mit Léger und Chagall, mit Willi Baumeister und Josef und Anni Albers befreundet war. Gleich 1933 gab es zwei Anzeigen der Nazis gegen ihn, seine Ausstellung im Essener Folkwang-Museum wurde abgehängt, die Bilder sollten im Hof der Staatsgalerie Stuttgart verbrannt werden. Zügel ist erst nach Spanien emigriert, von wo er, als Franco an die Macht kam, noch mal zurückkehrte, und dann nach Argentinien geflohen. Als er nach dem Krieg wieder nach Stuttgart kam, stand dort die Kiste mit seinen Bildern im Keller, ein Kurator hatte sie in Sicherheit gebracht. In der Ausstellung „Pittori Europei“ 1951 in Florenz hängt Zügel neben Schwitters, Picasso, Kandinsky, Miró, Archipenko und anderen. In Deutschland dagegen wurde er, als er Anfang der fünfziger Jahre in der Staatsgalerie Stuttgart wegen einer Ausstellung vorsprach, mit dem Verdikt „Sie sind doch Republikflüchtling, an Ihnen haben wir kein Interesse“ weiter abgelehnt.

Die ältere Generation wurde diffamiert, die jüngere liquidiert?

Schauen Sie sich an, welche Künstler 1955, zehn Jahre nach Kriegsende, auf der Documenta 1 in Kassel rehabilitiert wurden. Das waren die „Brücke“-Maler.

Auf der Documenta 2 waren es 1959 schon mehr.

Es gab auch ältere Künstler, deren Existenz von den Nazis vernichtet wurde. Etwa Milly Steger...

...die Karl Ernst Osthaus 1910 als Stadtbildhauerin nach Hagen holte...

...und die Mitte der zwanziger Jahre Deutschlands bedeutendste Bildhauerin war. 1935 haben die Nazis verlangt, dass Milly Steger aus Friedenthals Lexikon herausgenommen und nicht mehr erwähnt wird. Das hat funktioniert. Heute kennt sie kaum mehr jemand. In München, Hamburg und Berlin haben die Museen Werke von ihr, aber wenn ich meinen Kollegen dort sage, dass sie die doch mal zeigen sollen, heißt es: „Die kennt ja keiner.“

Sie haben gerade eine Ausstellung von Paul Kleinschmidt gezeigt.

Auch ein gutes Beispiel. Kleinschmidt war in Berlin sehr beliebt. Julius Meier-Graefe hat ihn geschätzt, schon 1932 musste Kleinschmidt die Stadt verlassen, später ist er über die Niederlande nach Südfrankreich geflohen. 1937 hat ihn eine Ausstellung in Harvard zusammen mit Max Beckmann und George Grosz gezeigt.

Rechnen Sie damit, dass sich in der Sammlung Gurlitt Werke von diesen vergessenen Künstlern befinden?

Ein Bild von Bernhard Kretschmar, der völlig verschwunden war, hat es ja schon in die Tagesschau geschafft. Für Leute, die sich mit der Zeit beschäftigen, ist er kein Unbekannter, im heutigen Kunstbetrieb aber ist er kein Thema.

Muss die Kunstgeschichte, wenn der Fund aufgearbeitet ist, umgeschrieben werden?

Ja, sie muss korrigiert werden. Die Sammlung Gurlitt wird kein Einzelfall bleiben.

Mit der Lücke haben sich die Wertungen verschoben?

Wenn mehr als 20.000 Bilder von der Wand geholt werden, nehmen andere Bilder ihren Platz ein. Das spricht nicht unbedingt gegen die anderen. Aber was abgehängt wurde, wird nicht mehr beachtet.

Die Lücke wird bleiben.

Wir können diese schmerzliche Lücke nicht mehr schließen, aber wir können uns bemühen, den Verlust aufzuarbeiten, und darauf hinweisen, was diese Künstler an Innovationen hätten einbringen können und was ihr Potential ausmacht. Mit der Sammlung Gerhard Schneider, aus der das Kunstmuseum Solingen fünfhundert Werke übernehmen konnte, waren wir damit bisher ziemlich auf uns allein gestellt.

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