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Der Fall Gurlitt und die Politik : Die Lügen des Vaters waren die Lügen der Bundesrepublik

  • -Aktualisiert am

Die Politik muss in die Aufklärung des Falls Gurlitt eingreifen. Doch mit allgemein gehaltenen Bemerkungen, wie Außenminister Westerwelle sie jetzt in Delhi gemacht hat, ist es nicht getan. Es kann nur eine Lösung geben.

          Der Kunstskandal ist in Neu Delhi angekommen: Am Rande eines Besuchs in Indien hat Außenminister Guido Westerwelle vor einem Schaden für Deutschlands Ansehen gewarnt. „Wir sollten die Sensibilität des Themas in der Welt nicht unterschätzen“, sagte Westerwelle. Und: „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht Vertrauen verspielen, das in langen Jahrzehnten aufgebaut wurde. Das Gebot der Stunde ist jetzt Transparenz.“ Gesagt hat er damit eigentlich nichts.

          Noch immer schweigt also die Politik zum Thema. Was nämlich könnte „Transparenz“ bedeuten? Cornelius Gurlitt, in dessen Schwabinger Wohnung die Sammlung von etwa 1400 Werken sichergestellt wurde, ist ein Privatmann. Rechtlich gesehen sind die Verjährungsfristen für Raubkunst abgelaufen, das heißt, kein Ministerium kann Cornelius Gurlitt zwingen, die Werke, bei denen es sich um Raubkunst handelt, herauszugeben. Kein Gericht kann von ihm verlangen, auch nur eine Liste von verdächtigen Werken zu veröffentlichen, wobei weiterhin unklar ist, wie viele Bilder aus der Sammlung überhaupt belastet sind.

          Die Lügen des Vaters geerbt

          Was aber kann die Politik tun? Ein Versäumnis ist offenkundig. Die Augsburger Staatsanwaltschaft hat bisher als Sachverständige nur eine einzige Kunsthistorikerin eingeschaltet, die noch dazu keine Expertin für Raubkunst ist. Meike Hoffmann, auf deren Schultern bisher eine enorme Last abgewälzt wurde, müssten dringend weitere Experten zur Seite gestellt werden. Für deren Finanzierung müssten Gelder bereitgestellt werden. Aber auch Cornelius Gurlitt müsste geholfen werden. Sein Vater Hildebrand Gurlitt, der NS-Kunsthändler, der seine Sammlung verschwieg, war kein Einzelfall, er war der Normalfall. Der Bürde dieses Erbes hat sich sein Sohn Cornelius schon einmal gestellt. 2011, als er das Raubkunst-Gemälde „Löwenbändiger“ im Kölner Kunsthaus Lempertz einlieferte, entschloss er sich vor der Auktion, die Hälfte des Gewinns an die Erben des jüdischen Galeristen Alfred Flechtheim zu geben. Nichts spricht dagegen, dass er bereit wäre, auch in weiteren Fällen mit Erben Lösungen zu finden.

          Cornelius Gurlitt hat die Lügen seines Vaters geerbt, die in der Nachkriegszeit die Lügen der gesamten Bundesrepublik waren. Als Deutschland 1998 die „Washingtoner Erklärung“ unterzeichnete, bekannte es sich dazu, die Folgen von Unrecht und Verbrechen, die im Namen dieses Landes begangen wurden, so weit wie möglich abmildern und verfolgungsbedingt entzogene Kunstwerke restituieren zu wollen. Wenn Westerwelle seine sehr allgemeinen Bemerkungen ernst nimmt, lautet die einzige Lösung: Geld für Experten und Recherche. Und die Hoffnung auf ein vertrauensvolles Gespräch mit jenem Cornelius Gurlitt, den bisher nur ein Foto als einen alten Herren mit schlohweißem Haar zeigt.

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