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Der Fall Gurlitt und Amerika : Private Geschäfte

Der NS-Kunsthändler Hildebrand Gurlitt kaufte 1944 bei Max Beckmann im Exil das Gemälde „Bar, braun“. Heute hängt es in County Museum of Art in Los Angeles. Ist das ein Restitutionsfall?

          Auf eine Milliarde Euro hatte der „Focus“ die Sammlung Gurlitt taxiert. Eine maßlose Übertreibung, die die Sensation des Falles aufbauschen sollte. Nur wenn viel Geld im Spiel ist, schafft Kunst es in die „Tagesschau“. Inzwischen bewegen sich die Schätzungen zwischen fünfzig bis hundert Millionen Euro, sogar von einer „Blase“ wird gesprochen. Als ginge es, passt natürlich zum Kunsthandel, „nur“ um Geld und nicht auch, wie die Debatte zeigt, um Zeitgeschichte, Recht und Moral, Diskriminierung und Verfemung, Raub und Beute, sowie um kollektives Verdrängen und Vergessen, die in der späten Konfrontation mit dem „Schatz“ hervortreten. Jedes einzelne Werk ist mit Lebensgeschichten verflochten, Provenienzen erzählen von Geschäften, aber auch von Flucht, Verfolgung und Vernichtung. Ein Bild kann persönliche Schicksale und gesellschaftliche Zusammenhänge erhellen, sein Weg durch verschiedene Hände und Verhältnisse Auskunft geben über die Zeit und die Protagonisten.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          „Bar, braun“ (1944) von Max Beckmann, ein Gemälde, das auch ähnliche Titel wie „Braune Bar“, „In der Bar“ oder „Französische Bar“ trägt, ist so ein Bild. Als Nummer 1951/1 steht es auf der Liste mit etwa hundertfünfzig Positionen, die der US High Commissioner for Germany am 15. Dezember 1950 aus dem Central Collecting Point Wiesbaden (CCP) an Hildebrand Gurlitt zurückgibt und ihm als Eigentümer überträgt. Doch findet es sich nicht unter den 1280 Werken, die am 28. Februar 2012 von der Staatsanwaltschaft Augsburg in der Schwabinger Wohnung seines Sohnes Cornelius Gurlitt beschlagnahmt werden. Schon früh – und lange vor Beckmanns Gouache „Der Löwenbändiger“, die im Herbst 2011 bei Lempertz in Köln versteigert wird – haben es die Erben von Hildebrand Gurlitt verkauft.

          Die Karriere, die es seitdem gemacht hat, und wie es überhaupt in den Besitz der Gurlitts gekommen ist, erzählt eine Geschichte, die, verwickelt und spannend, durch die Gewinn- wie auch die Dunkelzonen des internationalen Kunstmarktes führt. Dass es sich um „NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut“ handelt, ist so wenig offenkundig wie das Gegenteil. Das macht „Bar, braun“ zu einem interessanten (Grenz-)Fall.

          Von Stuttgart in die Vereinigten Staaten

          Schon dreieinhalb Jahre nach dem tödlichen Autounfall von Hildebrand Gurlitt im November 1956 taucht „Bar, braun“ im Stuttgarter Kunstkabinett Roman Norbert Ketterer auf. Das Gemälde erweist sich erstmal als Ladenhüter: Das Beckmann-Werkverzeichnis, „Katalog der Gemälde, bearbeitet von Erhard Göpel und Barbara Göpel“ (Bern, 1976) vermerkt zur Provenienz „Ketterer Auktion, 20. Mai 1960, nicht verkauft“; Ketterer publiziert aber als erzielten Preis „21.000 DM“. Der Händler hat es wohl selbst erworben, denn das nächste Mal erscheint es 1971 im „Lagerkatalog Moderne Kunst VII“ der Galerie, die von 1963 bis 1985 ihren Sitz in der Steueroase Campione d’Italia am Luganer See hat. Diese Provenienz wird auch im Katalog von Sotheby’s als letzte genannt, das „Bar, braun“ bei seiner Auktion am 26. Juni 1984 in London anbietet. Wieder findet das Bild keinen Käufer, sondern bleibt „bei 90.000 Pfund auf der Strecke“ (F.A.Z. vom 16.7.1984).

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