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Der Fall Gurlitt : Die zwei Reiter am Strand traben in einen deutschen Albtraum

  • -Aktualisiert am

Ein New Yorker Anwalt entdeckt in der Sammlung Gurlitt ein Bild Max Liebermanns, das seiner Familie gehörte. Jetzt verklagt er die Bundesregierung und Bayern auf sofortige Rückgabe. Die Zeit der Ausreden und des Taktierens ist damit vorbei.

          Das Schreiben, das in der vergangenen Woche in München und Berlin einging, hat es in sich - auch wenn es fälschlicherweise an die Senatsverwaltung für Justiz statt ans Bundesjustizministerium adressiert wurde: Auf neunzehn Seiten verklagt der New Yorker Rechtsanwalt David Toren die Bundesrepublik Deutschland und den Freistaat Bayern.

          Mehrere angehängte Dokumente sollen belegen, dass seiner Familie einst jenes Gemälde „Zwei Reiter am Strand“ von Max Liebermann gehörte, das die Augsburger Staatsanwaltschaft im Februar 2012 in der Münchner Wohnung von Cornelius Gurlitt beschlagnahmen ließ und seitdem behielt, ohne darüber die betroffenen Erben zu informieren.

          Auch die Berliner Anwälte von David Toren erfuhren erst am 5. November 2013, mehr als anderthalb Jahre nach der Entdeckung, von dem Gemälde. An jenem Tag hatte die Augsburger Behörde durch den großen öffentlichen Druck, den das Bekanntwerden des Fundes ausgelöst hatte, eine Pressekonferenz nicht mehr vermeiden können und auch eine Abbildung des Liebermann-Gemäldes gezeigt.

          Ein Journalist hatte es als das Bild erkannt, das sich ursprünglich in der Sammlung des jüdischen Breslauer Unternehmers David Friedmann befand, und in Berlin nach weiteren Schritten gefragt. Weder die bayerischen Behörden noch die über den Fund seit langem informierten Kunsthistoriker hatten sich 21 Monate lang bei den Erbenvertretern gemeldet.

          „Sie wissen, dass das Bild von den Nazis gestohlen wurde“

          Genau das wirft David Toren nun der Bundesrepublik und Bayern vor. In seiner Klage vor dem United States District Court of Columbia fordert sein Anwalt August Matteis die sofortige Herausgabe des Gemäldes: „Nach der Beschlagnahmung sind beide im Besitz des Bildes. Sie wissen, dass es von den Nazis gestohlen wurde, und sie kennen den rechtmäßigen Eigentümer. Nach amerikanischem Recht sind sie verpflichtet, es zurückzugeben.“

          Toren ist heute 88 Jahre alt. Im August 1939, wenige Tage vor Kriegsbeginn, schickten seine Eltern den damals Vierzehnjährigen mit einem der sogenannten Kindertransporte nach Schweden. Toren überlebte dort den Holocaust - als Vollwaise: Seine gesamte Familie, bis auf eine Tante und einen Bruder, brachten die Nazis um. Seine Eltern wurden 1943 in Auschwitz vergast.

          Als er 1956 in die Vereinigten Staaten immigrierte, besaß er nichts als kaum hundert Dollar und ein Foto seiner Eltern. Vor dem Krieg war der Junge oft zu Gast in der Villa seines Großonkels David Friedmann in Breslau gewesen, in der das Liebermann-Gemälde hing. Friedmann starb 1942, seine Frau und die Tochter wurden ein Jahr später von den Nazis ermordet.

          Die Kunstsammlung der Familie war im Dezember 1939 beschlagnahmt worden. In einem Brief an den Reichswirtschaftsminister in Berlin schrieb der Breslauer Oberregierungsrat Westram nach einer ersten Schätzung: „In der Aufstellung sind Gemälde französischer Impressionisten und guter deutscher Landschafter mit Beträgen angeführt, die nur einem kleinen Bruchteil ihres wirklichen Wertes entsprechen.“

          Geschönte Provenienz

          Konkret verweist der Schreibtischtäter auf zwei Gemälde von Max Liebermann: „Korbflechter“ und „Reiter am Strand“. Beide Bilder sind seit langem in der von Bund und Ländern aufgeführten Datenbank „lostart.de“ aufgeführt, das Reiterbild sogar mit Abbildung. Ein Schreiben vom 28. August 1942 belegt zudem das Angebot an den Vater von Cornelius Gurlitt, den Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, beide Gemälde zu kaufen.

          Nach Kriegsende von den Alliierten über das Bild befragt, log Gurlitt senior, es habe sich schon vor 1933 in Familienbesitz befunden. Zwar gibt es mehrere Fassungen des Motives von Liebermann; Maße, Signatur, Datierung und Abbildungen in Magazinen vor dem Krieg stimmen aber mit dem bei Cornelius Gurlitt gefundenen Gemälde überein.

          In seiner Pressekonferenz gab Staatsanwalt Reinhard Nemetz zu, dass er die Öffentlichkeit, wäre der Fall nicht durch einen Whistleblower bei den Behörden bekanntgeworden, auch weiterhin nicht darüber informiert hätte; dies sei für die Ermittlungen „kontraproduktiv“.

          „Unsere Klage ist Deutschlands schlimmster Albtraum“

          „Die deutsche Regierung hatte eine Verpflichtung gegenüber den Nachfahren und der Öffentlichkeit, ihre Entdeckung sofort öffentlich zu machen“, kommentiert Toren-Anwalt August Matteis. „Ich hätte Ehrlichkeit und Offenheit von der Regierung erwartet. Sie weiß, dass es sich um NS-Raubkunst handelt, und sie weiß, dass David Toren der rechtmäßige Eigentümer ist. Da gibt es nichts weiter zu überlegen. Ich erwarte, dass die Regierung die ,Zwei Reiter am Strand‘ an ihn zurückgibt - und nicht, dass die deutsche Regierung weiter gestohlenes Eigentum behält und die Wahrheit verschweigt.“

          Dem allerdings stehen die deutschen Verjährungsfristen entgegen, die es in den Vereinigten Staaten nicht gibt. Sollte sich das amerikanische Gericht, wie in der Vergangenheit bei NS-Raubkunstfällen bereits mehrfach geschehen, für zuständig erklären, kämen die Regierungen in Berlin und München deshalb in die unangenehme Situation, in Amerika gegen die Rückgabe von NS-Raubkunst argumentieren zu müssen - als Folge jahrzehntelanger Nichtbefassung mit dem Thema.

          „Sollte sich das Gericht auf unsere Seite stellen und trotzdem keine Rückgabe erfolgen“, kündigt August Matteis unter Hinweis auf das Alter von David Toren an, „dann würden wir deutschen Besitz in Amerika und anderswo beschlagnahmen lassen. Unsere Klage ist Deutschlands schlimmster Albtraum.“

          Möglicherweise ist der Fall allerdings schneller beendet als vermutet: Die in Berlin beauftragten Juristen stehen in Verhandlungen mit den Vertretern von Gurlitt. Dieser hatte bereits verlauten lassen, er sei sich, falls in seiner Sammlung NS-Raubkunst gefunden werde, seiner historischen und moralischen Verantwortung bewusst. Über den Stand der Gespräche äußern sich beide Seiten nicht. Inoffiziell ist aber zu hören, dass eine Einigung kurz bevorstehe.

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