https://www.faz.net/-gsa-7mbi7

Der Fall Gurlitt : Die größten Schätze hortete er in Österreich

  • -Aktualisiert am

In einem Haus in Salzburg sind weitere sechzig Gurlitt-Gemälde aufgetaucht – darunter Renoir, Monet und Pissarro. Wie kamen die Bilder zu Gurlitt? Die Antwort ist einfach.

          5 Min.

          Bewohnt war das kleine weiße Haus mit der Garage schon seit 2011 nicht mehr. Damals, als er Zollfahndern in einem Zug von Zürich nach München mit einer erlaubten Menge Bargeld in der Manteltasche aufgefallen war, ahnte Cornelius Gurlitt schon, was folgen könnte. Seine Adresse am Zielort München hatte er den Beamten nennen müssen; dort ließ die Augsburger Staatsanwaltschaft prompt wenig später die komplette Kunstsammlung des damals Neunundsiebzigjährigen beschlagnahmen – rund 1400 Arbeiten.

          Nach Salzburg aber sollte keine Spur führen. Dort nämlich war bis Anfang dieser Woche der, jedenfalls materiell, deutlich wertvollere Teil seines Kunstbesitzes eingelagert. Zwar fanden sich in München auch wertvolle Gemälde von Liebermann und Matisse; das Gros der dort konfiszierten Kunstwerke aber machten Druckgraphiken, Aquarelle, Gouachen und Zeichnungen aus. Der angebliche „Milliardenschatz“, der einige Tage lang die Schlagzeilen beherrschte, hatte nicht lange Bestand.

          Der bedeutendere Teil der Sammlung

          Wer heute Kontakt zu Gurlitt hat, beschreibt die Ereignisse von damals als für ihn nach wie vor traumatisch. Man hatte ihm nachgestellt, Journalisten folgten ihm in den Supermarkt, ins Taxi, bis ins Zimmer seines Arztes. Dutzende Reporter fotografierten damals auch das kleine weiße Haus am Rand von Salzburg: die Hausnummer9 neben dem vergitterten Fenster, das grünspanige Namensschild auf der Holztür, die Garage mit der Biotonne, das Satteldach mit der Regenrinne. „Eilbriefe und Telegramme bitte einwerfen!“ forderte ein anderes Schild: Hier wohnte niemand, der gern die Tür öffnete. Dass sich aber hinter den hell verputzten Mauern der bei weitem bedeutendere Teil der Sammlung Gurlitt befand, vermutete kaum jemand ernsthaft: Wer würde schon wertvollste impressionistische Gemälde in einem offenbar verlassenen Haus aufbewahren, das nicht einmal über eine Alarmanlage oder wenigstens über ein modernes Sicherheitsschloss verfügte?

          Am Montag ließ Gurlitts Anwalt Hannes Hartung die mehr als sechzig Kunstwerke, die dennoch in Salzburg gestapelt standen, zunächst von einer Kunsthistorikerin inventarisieren und dann an einen unbekannten Ort abtransportieren. Offenbar nur mit Mühe war es den Beratern und Betreuern gelungen, den alten Mann davon zu überzeugen, dass seine Bilder im zurzeit wohl meistfotografierten Haus Österreichs nicht mehr sicher waren.

          Eine Impressionismus-Ausstellung in Essen

          Erst am Wochenende lag sein Einverständnis vor, danach ging alles sehr schnell: Ein Brückenbild von Monet und eine Seine-Ansicht von Pissarro, Porträts von Renoir und ein Meerbild mit Segelboot von Manet haben das Haus in Salzburg verlassen. Außerdem Werke von Courbet, Corot, Liebermann und eine Zeichnung von Picasso. Genaue Bildtitel nennen Gurlitts Helfer nicht. Wer sich aber mit dem Fall schon länger beschäftigt, kennt diese Namen und ihre Verbindung zu Cornelius Gurlitt und seinem Vater Hildebrand. Die Reise führt sechzig Jahre zurück – in den Sommer des Jahres 1954.

          Damals veranstaltete das im Krieg ausgebombte Folkwang-Museum in Essen überraschend eine große Ausstellung: 104 Werke der französischen Malerei und Graphik des neunzehnten Jahrhunderts. Vertreten waren viele große Namen, die man lange in Deutschland nicht hatte hören dürfen: Cézanne und Degas, Gauguin und Manet, Monet und Pissarro, Renoir und Sisley, Signac und Toulouse-Lautrec.

          Nicht in den beiden provisorischen Räumen an der Bismarckstraße, sondern in der Villa Hügel, dem Familiensitz der Stahlbarone Krupp im vornehmen Bredeney, fand das stolze Ereignis statt. Eine Win-win-Situation: Das Museumskuratorium kämpfte um Geld für den Wiederaufbau des einst so prächtigen Hauses. Und Familie Krupp musste sich gegen öffentliche Vorwürfe wehren, der Erhalt ihres Stammsitzes sei mit rund 400.000 Mark im Jahr viel zu teuer. Da kam beiden eine breitenwirksame Kunstausstellung gerade recht.

          Herr Bührle reagiert reserviert

          Aus eigenen Kräften allerdings konnte das Museum das ambitionierte Großprojekt nicht stemmen. Also wurden Privatsammler aus der Schweiz, den Niederlanden und Deutschland um Leihgaben gebeten. „Dabei sei besonders jenes Sammlers gedacht, ohne dessen Großzügigkeit die Ausstellung schwerlich zustande gekommen wäre“, schrieb Folkwang-Direktor Heinz Köhn im Vorwort des schmalen Katalogs. Den Namen dieses Hauptleihgebers nannte er ebenso wenig wie dessen Wohnort im benachbarten Düsseldorf: Bis zu 36 Werke in der Ausstellung stammten aus dem Besitz von Hildebrand Gurlitt, der dort seit 1948 den „Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen“ leitete.

          Weitere Themen

          Künstlerin der Nacht Video-Seite öffnen

          Malen in der Dunkelheit : Künstlerin der Nacht

          Die Künstlerin Silke Silkeborg stellt sich seit zehn Jahren der Herausforderung, die Nacht zu malen. Mehrmals in der Woche setzt sie sich mit ihrer Leinwand in die Dunkelheit und malt das, was es trotzdem zu sehen gibt.

          Topmeldungen

          5:0 gegen Schalke : Die Bayern blasen zur Jagd auf Leipzig

          Die Münchner erteilen Schalke eine Lehrstunde und kommen Spitzenreiter Leipzig, der sein Spiel in Frankfurt verliert, nah. Die Bayern indes siegen imposant – auch weil der Torwart der Königsblauen zwei Mal patzt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.