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Der Fall Gurlitt : Die größten Schätze hortete er in Österreich

  • -Aktualisiert am

In einem Haus in Salzburg sind weitere sechzig Gurlitt-Gemälde aufgetaucht – darunter Renoir, Monet und Pissarro. Wie kamen die Bilder zu Gurlitt? Die Antwort ist einfach.

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          Bewohnt war das kleine weiße Haus mit der Garage schon seit 2011 nicht mehr. Damals, als er Zollfahndern in einem Zug von Zürich nach München mit einer erlaubten Menge Bargeld in der Manteltasche aufgefallen war, ahnte Cornelius Gurlitt schon, was folgen könnte. Seine Adresse am Zielort München hatte er den Beamten nennen müssen; dort ließ die Augsburger Staatsanwaltschaft prompt wenig später die komplette Kunstsammlung des damals Neunundsiebzigjährigen beschlagnahmen – rund 1400 Arbeiten.

          Nach Salzburg aber sollte keine Spur führen. Dort nämlich war bis Anfang dieser Woche der, jedenfalls materiell, deutlich wertvollere Teil seines Kunstbesitzes eingelagert. Zwar fanden sich in München auch wertvolle Gemälde von Liebermann und Matisse; das Gros der dort konfiszierten Kunstwerke aber machten Druckgraphiken, Aquarelle, Gouachen und Zeichnungen aus. Der angebliche „Milliardenschatz“, der einige Tage lang die Schlagzeilen beherrschte, hatte nicht lange Bestand.

          Der bedeutendere Teil der Sammlung

          Wer heute Kontakt zu Gurlitt hat, beschreibt die Ereignisse von damals als für ihn nach wie vor traumatisch. Man hatte ihm nachgestellt, Journalisten folgten ihm in den Supermarkt, ins Taxi, bis ins Zimmer seines Arztes. Dutzende Reporter fotografierten damals auch das kleine weiße Haus am Rand von Salzburg: die Hausnummer9 neben dem vergitterten Fenster, das grünspanige Namensschild auf der Holztür, die Garage mit der Biotonne, das Satteldach mit der Regenrinne. „Eilbriefe und Telegramme bitte einwerfen!“ forderte ein anderes Schild: Hier wohnte niemand, der gern die Tür öffnete. Dass sich aber hinter den hell verputzten Mauern der bei weitem bedeutendere Teil der Sammlung Gurlitt befand, vermutete kaum jemand ernsthaft: Wer würde schon wertvollste impressionistische Gemälde in einem offenbar verlassenen Haus aufbewahren, das nicht einmal über eine Alarmanlage oder wenigstens über ein modernes Sicherheitsschloss verfügte?

          Am Montag ließ Gurlitts Anwalt Hannes Hartung die mehr als sechzig Kunstwerke, die dennoch in Salzburg gestapelt standen, zunächst von einer Kunsthistorikerin inventarisieren und dann an einen unbekannten Ort abtransportieren. Offenbar nur mit Mühe war es den Beratern und Betreuern gelungen, den alten Mann davon zu überzeugen, dass seine Bilder im zurzeit wohl meistfotografierten Haus Österreichs nicht mehr sicher waren.

          Eine Impressionismus-Ausstellung in Essen

          Erst am Wochenende lag sein Einverständnis vor, danach ging alles sehr schnell: Ein Brückenbild von Monet und eine Seine-Ansicht von Pissarro, Porträts von Renoir und ein Meerbild mit Segelboot von Manet haben das Haus in Salzburg verlassen. Außerdem Werke von Courbet, Corot, Liebermann und eine Zeichnung von Picasso. Genaue Bildtitel nennen Gurlitts Helfer nicht. Wer sich aber mit dem Fall schon länger beschäftigt, kennt diese Namen und ihre Verbindung zu Cornelius Gurlitt und seinem Vater Hildebrand. Die Reise führt sechzig Jahre zurück – in den Sommer des Jahres 1954.

          Damals veranstaltete das im Krieg ausgebombte Folkwang-Museum in Essen überraschend eine große Ausstellung: 104 Werke der französischen Malerei und Graphik des neunzehnten Jahrhunderts. Vertreten waren viele große Namen, die man lange in Deutschland nicht hatte hören dürfen: Cézanne und Degas, Gauguin und Manet, Monet und Pissarro, Renoir und Sisley, Signac und Toulouse-Lautrec.

          Nicht in den beiden provisorischen Räumen an der Bismarckstraße, sondern in der Villa Hügel, dem Familiensitz der Stahlbarone Krupp im vornehmen Bredeney, fand das stolze Ereignis statt. Eine Win-win-Situation: Das Museumskuratorium kämpfte um Geld für den Wiederaufbau des einst so prächtigen Hauses. Und Familie Krupp musste sich gegen öffentliche Vorwürfe wehren, der Erhalt ihres Stammsitzes sei mit rund 400.000 Mark im Jahr viel zu teuer. Da kam beiden eine breitenwirksame Kunstausstellung gerade recht.

          Herr Bührle reagiert reserviert

          Aus eigenen Kräften allerdings konnte das Museum das ambitionierte Großprojekt nicht stemmen. Also wurden Privatsammler aus der Schweiz, den Niederlanden und Deutschland um Leihgaben gebeten. „Dabei sei besonders jenes Sammlers gedacht, ohne dessen Großzügigkeit die Ausstellung schwerlich zustande gekommen wäre“, schrieb Folkwang-Direktor Heinz Köhn im Vorwort des schmalen Katalogs. Den Namen dieses Hauptleihgebers nannte er ebenso wenig wie dessen Wohnort im benachbarten Düsseldorf: Bis zu 36 Werke in der Ausstellung stammten aus dem Besitz von Hildebrand Gurlitt, der dort seit 1948 den „Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen“ leitete.

          Möglicherweise war er sogar die treibende Kraft hinter der Franzosen-Ausstellung. Schon im Herbst 1952 hatte er sich „als ein Freund französischer und deutscher Kunst, als Sammler dieser Kunstwerke, als Kunsthistoriker und als Direktor unseres alten, braven Kunstvereins“ brieflich an den Zürcher Großsammler Emil Georg Bührle mit der Frage gewandt, ob er einmal dessen Sammlung besichtigen dürfe. Bührle reagierte reserviert und ließ ihm nur durch seinen Sekretär Walter Drack mitteilen, dass er sich die Sammlung durchaus zeigen lassen könne – vorzugsweise am Freitagnachmittag. Dennoch lieh Bührle 1954 vierzehn Gemälde nach Essen aus, darunter Hauptwerke seiner Sammlung wie Cézannes „Steinbruch von Bibémus“, Degas’ „Ballettklasse“, Gauguins „Stillleben mit Sonnenblume“ und Manets „Selbstmörder“.

          Die Kinder lassen versteigern

          Zwei Jahre nach der Essener Ausstellung starb Hildebrand Gurlitt bei einem Autounfall, und seine Frau Helene erbte die Sammlung. Die Witwe verkaufte gelegentlich Werke – 1960 in Roman Norbert Ketterers „Stuttgarter Kunstkabinett“ zum Beispiel Beckmanns „Braune Bar“, heute im Los Angeles County Museum of Art, einen „Frauenkopf“ von Picasso, Rudolf Schlichters „Bildnis Bert Brecht“, heute im Lenbachhaus München, sowie ein „Bauerngehöft mit Brunnen“ von Georg Schrimpf.

          Nach ihrem Tod 1968 gingen die verbliebenen Bilder an die beiden Kinder; auch Verkäufe durch sie sind dokumentiert. So war es wohl Benita Renate, die im Herbst 2007 im Berliner Auktionshaus Villa Grisebach August Mackes „Frau mit Papagei in einer Landschaft“ für den Rekordpreis von 2,4 Millionen Euro versteigern ließ. Cornelius Gurlitt lieferte zuletzt im Herbst 2011 die Gouache „Der Löwenbändiger“ im Kölner Auktionshaus Lempertz ein. Vor der Versteigerung musste er sich mit den Erben des jüdischen Kunsthändlers Alfred Flechtheim einigen.

          Gurlitts freiwillige Entscheidung

          Einen großen Teil des elterlichen Erbes scheint Cornelius Gurlitt aber behalten zu haben. Die wertvollen Gemälde, von denen offenbar viele aus der Essener Ausstellung von 1954 stammen, deponierte der österreichische Staatsbürger in seinem Haus in Salzburg. Beim jetzt genannten „Brückenbild“ von Monet könnte es sich um die großformatige „Waterloo Bridge“ von 1903 handeln, die im Essener Katalog unter der Nummer 70 zu finden ist. Die Seine-Ansicht von Pissarro könnte der „Bachbrücke bei Osny“ entsprechen, zu den Renoir-Porträts könnte das Familienbildnis „Wald von Louveciennes mit Angehörigen des Malers“ zählen.

          Ein Bilderfund sind die Salzburger Ereignisse dieser Woche nicht. Cornelius Gurlitt entschied sich, wie vorher schon der Witwer seiner Schwester, freiwillig, die ihm gehörenden Werke an einen sicheren Ort bringen zu lassen. Anders als ihre deutschen Kollegen sahen die österreichischen Behörden offenbar keinen Anlass, gegen ihn zu ermitteln oder gar sein Eigentum zu beschlagnahmen. Nun soll die Geschichte der Bilder erforscht werden.

          Man habe die in Salzburg aufbewahrten Bilder mit der Raubkunstdatenbank „Lostart“ abgeglichen und bislang keine verdächtigen Werke gefunden, erklärt Gurlitts Anwalt Hannes Hartung. Gelegentlich lässt sich das Raubkunst-Schicksal eines Kunstwerks aber auch erst klären, wenn es wiederaufgetaucht ist – weil es bis dahin nur ein anonymer Titel in einer langen Inventarliste war. Die Herkunft von Gauguins „Landschaft mit Kühen“, die als Gurlitt-Leihgabe ebenfalls 1954 in Essen hing, ist beispielsweise alles andere als klar.

          Nach einer Auktion im Jahr 1900 in Paris tauchte das Bild erst 1943 in Schweizer Privatbesitz wieder auf. Wer es vorher besaß und ob es unter Druck verkauft werden musste, bevor Hildebrand Gurlitt es nach Essen auslieh, ist völlig unbekannt. Für die einzige „Waterloo Bridge“ von Monet, deren Datierung und Maße mit der 1954 ausgestellten übereinstimmen und deren heutiger Standort unbekannt ist, lautet der letzte Eintrag im Werkverzeichnis: „1914 verkauft an Cassirer, Berlin“. Hundert Jahre sind eine lange Zeit.

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