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Der Fall Gurlitt : Die größten Schätze hortete er in Österreich

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Möglicherweise war er sogar die treibende Kraft hinter der Franzosen-Ausstellung. Schon im Herbst 1952 hatte er sich „als ein Freund französischer und deutscher Kunst, als Sammler dieser Kunstwerke, als Kunsthistoriker und als Direktor unseres alten, braven Kunstvereins“ brieflich an den Zürcher Großsammler Emil Georg Bührle mit der Frage gewandt, ob er einmal dessen Sammlung besichtigen dürfe. Bührle reagierte reserviert und ließ ihm nur durch seinen Sekretär Walter Drack mitteilen, dass er sich die Sammlung durchaus zeigen lassen könne – vorzugsweise am Freitagnachmittag. Dennoch lieh Bührle 1954 vierzehn Gemälde nach Essen aus, darunter Hauptwerke seiner Sammlung wie Cézannes „Steinbruch von Bibémus“, Degas’ „Ballettklasse“, Gauguins „Stillleben mit Sonnenblume“ und Manets „Selbstmörder“.

Die Kinder lassen versteigern

Zwei Jahre nach der Essener Ausstellung starb Hildebrand Gurlitt bei einem Autounfall, und seine Frau Helene erbte die Sammlung. Die Witwe verkaufte gelegentlich Werke – 1960 in Roman Norbert Ketterers „Stuttgarter Kunstkabinett“ zum Beispiel Beckmanns „Braune Bar“, heute im Los Angeles County Museum of Art, einen „Frauenkopf“ von Picasso, Rudolf Schlichters „Bildnis Bert Brecht“, heute im Lenbachhaus München, sowie ein „Bauerngehöft mit Brunnen“ von Georg Schrimpf.

Nach ihrem Tod 1968 gingen die verbliebenen Bilder an die beiden Kinder; auch Verkäufe durch sie sind dokumentiert. So war es wohl Benita Renate, die im Herbst 2007 im Berliner Auktionshaus Villa Grisebach August Mackes „Frau mit Papagei in einer Landschaft“ für den Rekordpreis von 2,4 Millionen Euro versteigern ließ. Cornelius Gurlitt lieferte zuletzt im Herbst 2011 die Gouache „Der Löwenbändiger“ im Kölner Auktionshaus Lempertz ein. Vor der Versteigerung musste er sich mit den Erben des jüdischen Kunsthändlers Alfred Flechtheim einigen.

Gurlitts freiwillige Entscheidung

Einen großen Teil des elterlichen Erbes scheint Cornelius Gurlitt aber behalten zu haben. Die wertvollen Gemälde, von denen offenbar viele aus der Essener Ausstellung von 1954 stammen, deponierte der österreichische Staatsbürger in seinem Haus in Salzburg. Beim jetzt genannten „Brückenbild“ von Monet könnte es sich um die großformatige „Waterloo Bridge“ von 1903 handeln, die im Essener Katalog unter der Nummer 70 zu finden ist. Die Seine-Ansicht von Pissarro könnte der „Bachbrücke bei Osny“ entsprechen, zu den Renoir-Porträts könnte das Familienbildnis „Wald von Louveciennes mit Angehörigen des Malers“ zählen.

Ein Bilderfund sind die Salzburger Ereignisse dieser Woche nicht. Cornelius Gurlitt entschied sich, wie vorher schon der Witwer seiner Schwester, freiwillig, die ihm gehörenden Werke an einen sicheren Ort bringen zu lassen. Anders als ihre deutschen Kollegen sahen die österreichischen Behörden offenbar keinen Anlass, gegen ihn zu ermitteln oder gar sein Eigentum zu beschlagnahmen. Nun soll die Geschichte der Bilder erforscht werden.

Man habe die in Salzburg aufbewahrten Bilder mit der Raubkunstdatenbank „Lostart“ abgeglichen und bislang keine verdächtigen Werke gefunden, erklärt Gurlitts Anwalt Hannes Hartung. Gelegentlich lässt sich das Raubkunst-Schicksal eines Kunstwerks aber auch erst klären, wenn es wiederaufgetaucht ist – weil es bis dahin nur ein anonymer Titel in einer langen Inventarliste war. Die Herkunft von Gauguins „Landschaft mit Kühen“, die als Gurlitt-Leihgabe ebenfalls 1954 in Essen hing, ist beispielsweise alles andere als klar.

Nach einer Auktion im Jahr 1900 in Paris tauchte das Bild erst 1943 in Schweizer Privatbesitz wieder auf. Wer es vorher besaß und ob es unter Druck verkauft werden musste, bevor Hildebrand Gurlitt es nach Essen auslieh, ist völlig unbekannt. Für die einzige „Waterloo Bridge“ von Monet, deren Datierung und Maße mit der 1954 ausgestellten übereinstimmen und deren heutiger Standort unbekannt ist, lautet der letzte Eintrag im Werkverzeichnis: „1914 verkauft an Cassirer, Berlin“. Hundert Jahre sind eine lange Zeit.

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