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Bilder-Nachlass : Gurlitt und sein Künstlerfreund

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Für beide, Ballmer und Gurlitt, war die Beschlagnahmeaktion „Entartete Kunst“ ein Wendepunkt. Gurlitt machte Karriere, Ballmer ging ins Exil. In einer riesigen Wandzeichnung hat Marc Bauer eine Schlüsselszene festgehalten, den Moment, als Joseph Goebbels die Wanderausstellung „Entartete Kunst“ bei ihrer Station in Berlin besuchte, das war 1938. Fast lebensgroß geht Goebbels auf den Besucher von der Wand aus zu, es ist, als sei man in eine Graphic Novel geraten, natürlich weiß man, dass man umblättern kann, sich umdrehen und gehen.

Ballmers Vertrauen in Gurlitt

Aber die Größe des Bildes, seine Unmittelbarkeit ziehen einen hinein in die anderen Bilder, die Marc Bauer im Raum verteilt hat: weitere gezeichnete Ansichten der „Entarteten Kunst“ - oder auch Porträts von Ballmer und Käthe van Cleef 1955 im Tessin. Der Maler trägt ein helles Hemd, im Hintergrund stehen Gartenstühle, die Szene ist sommerlich. In der Nachkriegszeit hielten Gurlitt und Ballmer Kontakt, auch das erfährt man in der Schau: „Nach dem Krieg wurden die beiden Gurlitt-Kinder (Cornelius und Renate oder ,Benita‘) dann für ein halbes Jahr zu Ballmers in das Tessin zur Pflege gegeben. Vater und Sohn besuchten auch später mehrere Male gemeinsam Karl und Katharina Ballmer.“

Was wusste Ballmer über seinen Freund Gurlitt? Dessen Engagement für die moderne Kunst war ihm sicherlich bekannt, vermutlich auch, dass ihn dieses 1930 den Posten als Museumsdirektor in Zwickau gekostet hatte, 1933 den des Leiters vom Hamburger Kunstverein. Vielleicht erfuhr Ballmer auch von Gurlitts jüdischer Großmutter, wer, wenn nicht der Malerfreund, der 1937 eine Jüdin heiratete? Nach dem Krieg bestätigt Ballmer, dem Kunsthändler Hildebrand Gurlitt bei dessen Schweiz-Besuch 1943 zwei Bilder geschenkt zu haben, eines von Picasso, das andere von Chagall. Hat Gurlitt bei seinem Besuch damals davon erzählt, dass er zum Großeinkäufer für Hitlers „Führermuseum“ in Linz aufgestiegen war und für Millionenbeträge in Frankreich Kunst erwarb? Das weiß bisher niemand.

„Die Tatsache“, sagt Bauer, „dass Ballmer mit Gurlitt so eng befreundet war, hat meine Sicht auf ihn geändert.“ Ein Artikel in der „Berner Zeitung“ machte ihn auf die Verbindung aufmerksam, danach begab er sich auf die Suche in Bibliotheken, Archiven und in die Karl Ballmer Stiftung. Er habe Gurlitt zuerst nur für einen opportunistischen Kunsthändler gehalten, der für die Nationalsozialisten arbeitete. Ballmer aber habe ihn beeindruckt, sein Vertrauen in Gurlitt gebe ihm zu denken: „Wir müssen noch viel recherchieren.“ Das Folkwang Museum in Essen hat Bauer eingeladen, der Verbindung weiter nachzugehen. Im Oktober wird er dort ausstellen.

Karl Ballmer starb 1958, Hildebrand Gurlitt 1956. Sein Sohn Cornelius vermachte in seinem Testament die Sammlung, die er geerbt hatte, dem Kunstmuseum in Bern. Der Sphinx-Maler Ballmer, den er als Kind besuchte, stammte aus Aarau, einer Stadt zwischen Basel, Zürich und Bern. Vielleicht spielte die Erinnerung daran bei seiner Entscheidung für das Berner Museum eine Rolle.

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