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Amerikanische Stimmen zum Fall Gurlitt : Wer meint, wir seien am Ende, hat keine Ahnung

  • -Aktualisiert am

In den Vereinigten Staaten herrscht Unverständnis über das „linkische Verhalten“ der deutschen Behörden im Fall Gurlitt. Auch die Profiteure des Kunstbetriebs stehen in der Kritik.

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          In geradezu beispielloser Ausführlichkeit wird seit Wochen von amerikanischen Medien über den Fall Gurlitt berichtet. Mehr als dutzendfach beleuchtet, von Deutschland aus und von Amerika, hat allein die „New York Times“ schon die spektakuläre Geschichte, der Michael Kimmelman, lange Jahre Europa-Korrespondent mit Sitz in Berlin, auch eine ungewöhnlich lyrische, ja positive Seite abgewinnen kann. Besonders berührend an solchen Entdeckungen, schrieb er, sei nicht nur, dass die Bilder überlebt hätten und Millionen von Toten repräsentierten. Kimmelman will in dem „fast unbegreiflichen Fund“ auch einen Triumph der Kunst über Hitler erkennen, der sie zu vernichten suchte.

          Von ihm setzt sich dramatisch der Kunstkritiker Peter Schjedahl ab, dem die Aufregung um den „Kunst-Einsiedler von München“ allmählich zu weit geht, auch weil er nicht an den Milliardenwert der Sammlung glauben mag. Von seiner konträren Warte auf der Website des „New Yorker“ verkündet er, „diese ganze Affäre“ wäre auf den hinteren Nachrichtenseiten gelandet, hätte es nicht den derzeit berauschenden Kunstmarkt und den „Nazi-Ansatz“ gegeben. Schjedahl steht mit seiner kaltschnäuzigen Einschätzung ziemlich allein da. Im Interview mit Judy Woodruff auf dem öffentlichen Fernsehsender PBS spricht Jonathan Petropoulos, Historiker am Claremont McKenna College und Autor von „The Faustian Bargain, The Art World in Nazi Germany“, von einem „wahrhaft außerordentlichen Fund, dem wichtigsten seit Ende des Zweiten Weltkriegs“ und erwartet, dass es zu Prozessen um einige Bilder auch in Amerika kommen wird. Präzedenzfälle um Kunst, die von Nazis geplündert wurde, gebe es an amerikanischen Gerichten.

          Die deutsche Regierung ist gefordert

          Für „The Jewish Daily Forward“ hat sich der Fall wie ein Krimi entwickelt. Toby Axelrod verweist auf jüdische Gruppen und Restitutionsanwälte, die „Deutschlands anfängliche Trägheit“ bei der Veröffentlichung der Kunstwerke kritisierten. Sie zitiert Ronald Lauder, den Präsidenten des World Jewish Congress, der die „Vergeudung wertvoller Zeit“ anprangerte. Anne Webber, die Direktorin des in London ansässigen Central Registry of Information on Looted Cultural Property, erzählt ihr, es sei eine Welle von Anfragen über sie hereingebrochen. Familien aus aller Welt wollten wissen, ob Werke aus ihrem Besitz sich in der Sammlung befänden. Und Willi Korte vom Holocaust Art Restitution Project in Washington warnt: „Wer meint, wir seien nun am Ende angelangt und sollten nicht mehr ein solch großes Getue darüber machen, der hat nicht die leiseste Ahnung, wovon er redet.“

          In der „Los Angeles Times“ prangert Anne-Marie O’Connor nicht bloß das „linkische Verhalten“ der deutschen Behörden an, sondern auch die „exklusive Kunstwelt“, die wie ein Privatclub funktioniere. „Vor allem in Europa haben viele Institutionen ihre Gegenstände, deren Provenienz die Kriegszeit umfasst, diskret weggeschlossen oder sogar stillschweigend fragwürdige Kunst von potenten Stiftern angenommen. Auch Kunsthändler haben die Augen zugemacht - bis ein Gemälde, das während des Holocaust gestohlen wurde, plötzlich und zufällig erkannt wird und eine Auktion sich in einen Tatort verwandelt.“ Die Geheimnistuerei der „Bayern“ und danach der deutschen Regierung verletze den Geist der „Washington Principles“, die 1998 von Deutschland und dreiundvierzig weiteren Nationen unterzeichnet wurden. Den Fall nur juristisch zu sehen widerstrebe freilich, wie „The Economist“ meldet, insbesondere jüdischen Gruppen. In seinem Kern gehe es für sie um den Holocaust und damit über legale Fragen hinaus auch um politische und moralische. Es sei ein Fall für die deutsche Regierung.

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