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Duft-Ausstellung in Basel : Der Betrachter ist in der Nase

  • -Aktualisiert am

Auf Schnupperkurs: Das Museum Tinguely in Basel stellt Kunst aus, die man riechen kann. Für den schnüffelnden Besucher eine faszinierende, mal betörende, mal herausfordernde Erfahrung.

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          Gewürznelkenduft liegt in der Museumsluft, sanft weht er von irgendwoher. Doch Obacht, was so köstlich beginnt, ändert sich bald. Keineswegs nur angenehm riecht nämlich all das, womit diese Ausstellung die Nase in Aufruhr versetzt. Männerschweiß zum Beispiel, zu wittern schon vor der Tür, hinter welcher Sissel Tolaas den Körperdunst von elf unter schweren Phobien leidenden Männern eingefangen hält. Mit einem Spezialverfahren sammelte und konservierte die norwegische Chemikerin, Geruchsforscherin und Künstlerin diese Aromen der Angst und präparierte damit die Wände. Es kostet Überwindung, sich da hindurchzuschnüffeln, Ekel kommt auf. Dann die Überraschung, dass nicht alle im gleichen Maße widerlich, manche sogar erträglich wirken.

          Duft ist Geschmacksache und als solche von vielen Komponenten geprägt, von der Kulturzugehörigkeit einer Person etwa und von individuellen Erfahrungen. Jeder kennt die frappierende Erfahrung, wenn ein Geruch unmittelbar weit Zurückliegendes aus dem Gedächtnisspeicher abruft. Als der evolutionsgeschichtlich älteste Sinn mutet die olfaktorische Wahrnehmung animalisch an: Sie lässt uns Gefahren wittern. Sie hilft, Nahrung zu finden und über ranzig oder essbar zu urteilen. Auch über Sympathien und Antipathien entscheidet sie mit und sogar bei der Partnerwahl - wenn auch unterbewusst, denn die Pheromone, die zwischen Artgenossen herumwabern und direkt in das limbische System, die Emotionszentrale des Gehirns, vordringen, sind absolut geruchslose Signalstoffe.

          Maiglöckchen, Urin und Vanillepudding

          Was Geruch und Riechen in der Kunst ausrichten könnten, testete Jean Tinguely schon 1959. Es stank zum Himmel, als der Ballon, den er am Motor seiner Zeichenmaschine „Méta-Matic No. 17“ befestigt hatte, platzte und das Publikum der ersten Paris-Biennale in ein horribles Gemisch aus Abgasen und Maiglöckchenkonzentrat hüllte. Buchstäblich stank Tinguely gegen das an, was der Bürger unter Kunst verstand. Das Basler Museum, das seinen Namen trägt, beginnt auf den Spuren dieses Produzenten lärmender, zappelnder und eben auch mal stinkender Apparaturen eine Ausstellungsreihe zu den fünf Sinnen mit „Belle Haleine - Der Duft der Kunst“. Die Anspielung auf Marcel Duchamps legendäres Readymade „Belle Haleine - Eau de Voilette“, einen Parfumflakon, den er 1921 unter seinem weiblichen Pseudonym Rrose Sélavy herausgab, ist wohlgewählt: Erst Duchamps Erweiterung des Kunstbegriffs öffnete dem Faktor Geruch die Tore und brachte Piero Manzoni vier Jahrzehnte später auf die Idee, je dreißig Gramm „Merda d’artista“ in Konservendosen abzufüllen. Ein Fake, wie Bernard Baziles Aktion 1989 entlarvte: Statt Fäkalien enthielt die geöffnete Büchse geruchsfreie Watte.

          Hier, bei Pionieren des Themas, liegt auch Dieter Roths „Poemetrie“ von 1968 aufgeschlagen. Doch hat das Buch aus Plastikbeuteln, gefüllt mit Vanillepudding und Urin, fast ausgerochen - über den Riechschlauch dringt eher der Mief alten Plastiks aus der Vitrine; Gerüche sind nun mal flüchtig und ihre Konservierung eine Kunst für sich, auch wenn das ohne Morde gelingt, wie sie Jean-Baptiste Grenouille, das Riechmonster aus Patrick Süskinds Bestseller „Das Parfum“, begeht, um des süßen Duftes junger Mädchen habhaft zu werden. Der eigene Künstler- und anderer Menschen Körper dient häufig als Fundstätte.

          Natürlich geht es um Tabubruch beim Einfangen und „Verpacken“ von Odeurs vegetativer Prozesse aus Innereien, Drüsen und allerintimsten Zonen, und der Nasenschutz hält sich in Grenzen, denn dort, wo angenehmerweise der Deckel zubleibt, springt die Vorstellungskraft ein. Bei Manzonis Dosen ebenso wie bei Jana Sterbaks hübsch geformtem Glasklumpen, in dessen kleiner Höhle sie den Eigengeruch des Geliebten verstöpselte. Einer anderen Sterbak-Arbeit entströmender feiner Parfumduft lässt einen dankbar der Erfindungen von Desodorierung und Duftwässern gedenken. Doch frech durchkreuzt der Kolumbianer Oswaldo Maciá entsprechende Erwartungen mit einer Kosmetikdose aus Porzellan: Hebt man den Deckel, zwiebelt Knoblauchseife die Nase.

          Andere Länder, andere Gerüche

          Rund 23.000 Mal atmen wir täglich ein und aus, unzählige Duftmoleküle strömen mit. Doch steuern können wir unser Riechsensorium nicht, wir sind ihm ausgeliefert. So finden Asiaten den Geruch vieler Käse übel und lieben die Frucht Durian, die bei uns aus gutem Grund Stinkfrucht heißt. Europäer und Amerikaner wiederum kann man mit Waldluft betören, weshalb die „olfaktorischen Plastiken“, die Anna-Sabina Zürrer aus versprühbaren Essenzen ausgepresster Waldpflanzen schafft, wie erholsame Frischluft wirken.

          Kuratorin Annja Müller-Alsbach spürte eine Menge Arbeiten auf für ihre ausdrücklich als Experiment bezeichnete Ausstellung. So fällt das Ergebnis bei allem Überraschungs- und Lernwert fast zwangsläufig ein wenig beliebig aus, wie eine Art Schnupperkurs auf wenig erforschtem, sehr weitem Feld. Der junge Norweger Kristoffer Myskja etwa sagt, es gehe ihm mit seiner amüsanten „Smoking machine“, die mechanisch eine nach der anderen „raucht“ und entsorgt, weniger um den reichlich anfallenden Zigarettenqualm, sondern um den absurden Wiederholungszwang der Maschine. Den raffiniertesten Beitrag liefern Carsten Höller und François Roche: Ihr abstrakter Drache speit Dampf, der riecht nach nichts, und das kunstungeübte Riechorgan hat vermeintlich eine Ruhepause. Tatsächlich aber sollen dem Dampf „neurostimulierende Substanzen“ beigemischt sein und Pheromone, diese tückischen Botenstoffe. Der Nichtgeruch verunsichert; werden Besucher einander liebestrunken anfallen oder sonstwie verhaltensauffällig? Der Nelkenduft entströmt übrigens Ernesto Netos großer Installation „Mentre niente accade/While nothing happens“. Dem Titel zum Trotz geschieht eine ganze Menge beim Durchwandern der mit exotischen Gewürzen gefüllten Stoffbeutel - für die Nase.

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