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Kunstbiennale in Senegal : Der Dakar-Effekt

  • -Aktualisiert am

Der stillgelegte Bahnhof von Dakar, gebaut im Jahr 1885: Der Medienkünstler Philipp Geist bringt das Gebäude mit Videoprojektionen zum Leuchten. Bild: Ina Thiam

Dakar in Senegal glänzt mit einer herausragenden Biennale: Wie an kaum einem anderen Ort der Welt spielt die gesamte Stadt dabei mit. Wie lässt sich diese breite Begeisterung für die Kunst erklären?

          Zur diesjährigen zwölften Ausgabe der Dak’Art, der Kunstbiennale von Dakar in Senegal, reiste gleich ein Team aus dem New Yorker Museum of Modern Art an. Ein Stab von Kuratoren besuchte die zahlreichen Ausstellungsorte, die über die gesamte Stadt verstreut sind, und mit dabei war auch Glenn Lowry, der langjährige Direktor des Museums, der nicht dafür bekannt ist, Zeit für Nebensächlichkeiten zu haben. Dass die senegalesische Hauptstadt weltweit einen guten Ruf in der Kunstszene genießt, ist vornehmlich einem Mann zu verdanken: Léopold Sédar Senghor, dem Dichter, der 1960 zum Präsidenten wurde und das Land zwanzig Jahre lang regierte. Senghor führte Senegal, ehemals eine französische Kolonie, in die Unabhängigkeit.

          Und als sich die Wissenschaft gerade darauf einigte, dass die Menschwerdung vor einigen Millionen Jahren auf dem afrikanischen Kontinent stattgefunden haben müsse, ging Senghor einen Schritt weiter: In Afrika seien die Menschen auch zu Künstlern geworden. „Négritude“ hieß die Bewegung, die Senghor mit weiteren Intellektuellen ins Leben rief und dem Stolz darauf Ausdruck verlieh, dem Geburtsort von Kunst und Musik zu entstammen. Als Präsident gründete er Museen, eine Universität und eine Kunsthochschule, die Infrastruktur, von der heute noch, fast fünfzehn Jahre nach seinem Tod, die Biennale profitiert.

          Kurz also ein paar Worte zu Dakar, zum einen, weil die wenigsten bisher dort gewesen sein dürften, zum anderen, weil Dakar immer für Überraschungen gut ist – und die größte liegt im Zentrum der Stadt: Wie Berlin nämlich besitzt auch Dakar ein olympisches Schwimmbad, ein Freibad, in dem um Viertel vor sechs abends der Bademeister pfeift, damit die Besucher das Becken verlassen und pünktlich geschlossen werden kann. Von dem Schwimmbad heißt es, dass sich nach Bauende herausstellte, es sei drei Zentimeter zu kurz geworden, weshalb es nie für internationale Wettkämpfe taugte. Der Schönheit tut es keinen Abbruch. Wer hier auf den 49,97 Metern seine Bahnen zieht, vor den leeren Betonrängen der Arena, zwischen den spielenden Kindern und Jugendlichen, kann die Skyline sehen. Als wäre die Küstenstadt Dakar wie ein dickes Manuskript zwischen zwei blaue Buchdeckel geschoben worden, oben der Himmel, unten das glitzernde Wasser des Pools.

          Ein Poster der Kunstbiennale in Dakar hängt an einer Fassade hinter einem Fruchtstand. „Wir arbeiten für die Kultur“ ist das Verständnis der Händler.

          Was zeigt die Biennale in diesem Jahr? Der zentrale Ausstellungsort befindet sich im ehemaligen Justizpalast, einem wuchtigen Steinkasten, der leer wie ein Geisterschiff an den Klippen des südlichsten Zipfels der Stadt liegt. Die unzähligen Räume sind nun mit Kunst gefüllt, junger Kunst vor allem, guter und eigenwilliger noch dazu. In der Säulenhalle des Gebäudes empfängt die Besucher die übergroße Aufnahme eines Pferdekopfes, das Porträt eines Schimmels, ein gleißend helles Wesen mit rotem Zaumzeug, halb Kreatur, halb Märchenfigur. Arbeitstieren wie diesem begegnet man auch in Dakars Straßen, wo zwischen den Autos plötzlich klappernd Pferdewagen auftauchen, um lautlos wieder in einer der sandigen Seitenstraßen zu verschwinden. Das Bild stammt von der 1983 in Kenia geborenen Mimi Cherono Ng’ok, die in Nairobi lebt und für ihr fotografisches Werk bereits mit Preisen ausgezeichnet wurde. Weiter geht es mit einem begehbaren Spiel, das Modupeola Fadugba entworfen hat und bei dem man sich durch das nigerianische Bildungssystem würfeln kann, ein Abenteuer, das viele Schulklassen, die auch zu den Biennale-Besuchern zählen, unternehmen. Samson Kambalu hat einen Raum mit seinen hintersinnigen Kurzfilmen wie „Lincoln“ bestückt.

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