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Zum Tod von Christo : Der Magier des Safrans

Er ging sogar über Wasser: Christo im Juni 2016 auf seiner monumentalen Installation „The Floating Piers“ auf dem Lago d`Iseo in Norditalien. Bild: AFP

Er war ein begnadeter Weghexer und Wiederhervorbringer: Zum Tod des byzantinischen Weltverhüllungskünstlers Christo, der mit seinen Verschleierungen aufklärte.

          4 Min.

          Die spannendste Kunst entsteht häufig dann, wenn zwei konträre Stile neu verbunden werden. Oft wird es etwas völlig anderes als die Summe der Teile, die manchmal in ihrer forcierten Vermählung widerstreiten. Der 1935 im bulgarischen Gabrowo geborene Christo Wladimirow Jawatschew, der sich als Künstler kurz Christo nannte, erfand eine der unwahrscheinlichsten Mischungen: einen Zwitter aus byzantinischer Pop-Art und Land-Art. Er verpackte die Welt – Küsten, Inseln, Alltagsdinge – in all ihren Erscheinungsformen, blieb dabei aber stets Maler, was sein Vater, ein Chemiefabrikant, früh förderte. Zur Land-Art jedoch, der künstlerischen Zurichtung und Betonung bestimmter Elemente der Natur hin zu einem Bild von „Landschaft“, will die unökologische Verwendung von mehreren Millionen Quadratmetern von Kunststoff und Textilien im Laufe seines Lebens nicht recht passen, und Christos erste Verpackungsopfer waren Repräsentanten der Pop-Art wie Colaflaschen, Stühle oder auffällig etikettierte Dosen, Readymades mithin, die er nicht weiter bearbeitete, als sie in harz- und chemikaliengetränkte Leinwand zu verpacken, wie er es in der Fabrik des Vaters gesehen hatte.

          Spiegel deutscher Geschichte, sichtbar gemacht durch seine Verhüllung: Christos im Abendrot changierende „Wrapped Reichstag“ mit Volksfest davor, 1995.

          Ihm ging es um die Bilder hinter dem Verhüllten

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Wie überhaupt Biographisches bei Christo die entscheidende Rolle für das Verständnis seiner Arbeiten spielt. Gabrowo ist eine ausgesprochene Textilstadt, so dass die frühesten erhaltenen Arbeiten Christos tatsächlich Zeichnungen von Stoffballen in ebenjener Firma sind. Vor allem aber war und ist in des Künstlers bulgarischer Heimat der Brauch der Verhüllung von Christus-Ikonen ungebrochen. Durch das Verhängen mit Stoff oder dem Oklad aus Metall wird das immer zu sehende Urbild temporär unsichtbar gemacht oder im Fall der meist in Silber getriebenen Abdeckungen so grob überdeckt, dass nur die Konturen zu sehen sind; damit wird die mentale Arbeit an dem nun nicht mehr zu sehenden und in Erinnerung zu rufenden Bild in Gang gesetzt. Diese ostkirchliche Schubumkehr des Blicks in einen „inneren“ funktioniert immer: In einer frühen Verpackungsarbeit verhüllte Christo etwa einen banalen Stapel Zeitungen – bis heute gibt es keinen vergleichbaren Haufen Altpapier, bei dem der Betrachter derart verbissen versucht, die Fragmente der zu sehenden Überschriften und Lettern zu etwas Sinnvollem zusammenzufügen.

          Ebenso byzantinischer Abkunft sind die farbintensiven Mosaike, die Christo aus Tausenden von lackierten Ölfässern zu Großformen der Kunstgeschichte stapelte. Waren es bei „The Wall“ im keinesfalls klein dimensionierten Gasometer von Oberhausen im Jahr 2013 noch überschaubare 13000 Fässer als Ersatz-Tesserae der Erdölmoderne, plante er, die Seiten seiner gigantomanisch geplanten „Mastaba“ in der Wüste von Abu Dhabi aus nicht weniger als 410 000 Ölfässern zu errichten.

          Als Weghexer und Wiederhervorbringer war Christo immer auch ein Impresario von Gnaden, ein Magier, der nicht nur wie Thomas Mann seinen Kindern vorzauberte, vielmehr – selbst Kind geblieben – alle Zuschauer mit seiner Kunst wieder zu Kindern werden ließ. Die höchst unwahrscheinliche Kopplung „Deutschland, ein Sommermärchen“ darf daher auch nicht erst das Jahr 2006 für sich reklamieren, sondern bereits der Sommer 1995, in dem er den Reichstag am gerade erst unsichtbar werdenden Todesstreifen verhüllte. Wer bei diesem Volksfest einer gleichsam nachgeholten Feier des Mauerfalls dabei war, wird die bis dahin ungekannten Szenen deutscher Ausgelassenheit vor diesem silbrig in der Sommersonne glänzenden „Kingdom Castle“, das der noch ohne gläserne Kuppel eher düstere Reichstag zuvor nie war, nicht mehr vergessen. Dass der ostkirchliche Kunstgriff des Sichtbarmachens durch Unsichtbarmachen auch hier griff, zeigt sich schon daran, dass vor der Reichstagsverhüllung niemand das Gebäude architektonisch präzise hätte zeichnen können, danach aber auch dem Nichtarchitekturhistoriker die merkwürdigen Eckpylone und anderen idiosynkratischen Konturen des Baus von Paul Wallot verinnerlicht waren.

          Nicht nur für Kinder der Eintritt in eine verwunschene Welt: Christos „Gates Project“ im Central Park von New York, Februar 2005.

          Alles in Safran

          Kaum je aber fragte man sich oder ihn, warum die meisten von Christos zeichenhaft in die Landschaft gesetzten Stoffformen, Tore oder Fahnen safranorangefarben waren. Abgesehen von seiner malerischen Fernwirkung als angenehm warme Signalfarbe, heißt Safran im Chaldäischen und Syrischen „das Eingewickelte, Bedeckte, Verwahrte“, weil die Natur die Fäden dieses kostbaren Färbe-, Heil- und Lebensmittels sorgsam verhüllt, wie Christo seine stets mit Tauen umwundenen Innenbilder. In der Bibel und insbesondere im Hohelied erscheint der mit Bedeutung aufgeladene Safran gleich mehrfach. Und ob es Christos 7500 symbolträchtige safranorange „Gates“ 2005 im Central Park waren, die im Abendrot aufflammende Pont Neuf in ihrem impressionistisch changierenden Gewand der Geliebten, der frühe „Valley Curtain“ in Colorado, der 1972 das Grand-Hogback-Tal mit einem sonnenfarbenen Vorhang von zweihunderttausend Quadratmetern teilte oder ob es die collagierten Vorstudien, Zeichnungen und übermalten Fotografien waren, durch die bis zuletzt alle Projekte finanziert wurden und auf denen die eigentlichen Elemente ebenfalls meist in Safran leuchteten – diese Farbe zieht sich als roter Faden durch das Werk.

          Mit Christo übers Wasser wandeln

          Was allerdings selten bis nie Erwähnung findet: Christos Werk war immer auch Elementenkunst, ein artifizielles Spielen und Herausfordern von Wind und Regen, tosenden Flüssen wie stiller, aber großer Seen und Ozeane: Im Jahr 2016 konnte jeder auf seinen natürlich auch orangen „Floating Piers“ drei Kilometer christusgleich über das Wasser des lombardischen Lago d’Iseo wandeln – er hatte das feuchte Element gebändigt und in ein riesiges Bild verwandelt, in das man hineingehen konnte. 1968 aber hatte Christo auf der Documenta IV in Kassel auch schon Luft verpackt, umhüllt von einem abgebundenen Strumpf aus Trevira. Dass er mit dieser Aktion aus nichts als Kunst-Stoff und heißer Luft massive Proteste hervorrufen würde, wusste er wohl; er war so ehrlich, die mehrfach gescheiterten frühen Versuche ebenfalls in der filmischen Dokumentation des Projekts zu behalten und nicht herauszuschneiden. Kein besserer Beweis für die absolute Zweckfreiheit seines Tuns ist jedenfalls vorstellbar als die Kasseler Aktion – alles nur wegen „des ästhetischen Reizes“, wie er und seine kongeniale Künstlerpartnerin Jeanne-Claude stets betonten.

          Am Pfingstsonntag ist der Magier des stofflichen Verklärens zwei Wochen vor seinem fünfundachtzigsten Geburtstag in der Wahlheimat New York verstorben. Sein Projekt der Verhüllung des Pariser Arc de Triomphe wird postum September bis Oktober nächsten Jahres verwirklicht und sich, wie all seine ephemeren Werke, trotz der kurzen Laufdauer auf ewig in unser Bildgedächtnis einbrennen.

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