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„Bosco Verticale“ in Mailand : Wir bauen unsere Wälder selber

Ein Hochhaus, auf dem 20.000 Pflanzen und 800 Bäume wachsen: Der „Bosco Verticale“ in Mailand will die Zukunft der Städte vorführen.

          6 Min.

          Wer wissen will, wie es aussieht, wenn Häuser unter Schock stehen, muss hierher fahren, zur Porta Nuova im Norden von Mailands Zentrum, wo sich vor gar nicht so langer Zeit ein ruhiges, leicht heruntergekommenes Wohnviertel mit alten Häusern befand, wie sie der Mailänder Romancier Carlo Emilio Gadda in seinen Geschichten beschreibt: dunkle Höfe, dunkles Licht auf hölzernen Treppen und ausgetretenen Terrazzoböden, schwere Tore, palmenüberwucherte Hinterhöfe, schwarze Fassaden. Die Häuser sahen auf eine elegante Weise ramponiert aus wie so vieles in Mailand, die alten einäugigen Straßenbahnen zum Beispiel, die wie hartnäckige Geister aus der Frühzeit des Schienenverkehrs durchs Zentrum von Mailand quietschen. Die Natur wucherte aus den Höfen über das Pflaster der alten Via Gaetano, Weinranken verschluckten Fassaden und Fensterläden, über einem Laden für Bauhelme und Schutzkleidung leuchtet eine schöne Werbung für „Antinfortunistica“ - Anti-Unglücksdinge.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Dann aber beschloss man, hier ein Geschäftsviertel zu bauen, eine neue Modellstadt für die Expo 2015, die in Mailand stattfindet, und jetzt stehen die alten Häuser wie erschreckte, aus einem tiefen Schlaf gerissene Tiere vor den spiegelglatten Glas- und Stahlkurvenexzessen des Architekten César Pelli, dessen aufgezwirbelte Torre Unicredit das Zentrum der neuen Porta Nuova bildet. Was dort gebaut wurde, ist am besten als Festung beschreibbar - eine Art Einkaufszentrum, das man über Treppen erklimmen muss und das sich die Stadt mit kurvenden Rasterfassaden vom Leib hält. Die in den alten Höfen sprießende Natur kam in dieser neuen Welt nur noch als Metapher vor: Großstadtdschungel, Straßenschlucht - wenn das Zentrum der Zivilisation, die Massierung von Glas, Metall, Geld, Tempo und Ambition beschrieben werden muss, wird auf der Suche nach Bildern sehr oft zu ihrem scheinbaren extremen Gegenteil, der unberührten, undurchdringlichen Natur gegriffen. Dabei ist sich beides unter Umständen näher, als man denkt.

          Das Stadtzentrum selbst wird in Zukunft die Natur sein

          Wer einmal in einem Hochhausviertel einen Schneesturm mit Stromausfall erlebt hat, kennt die erstaunliche Nähe beider Extreme: Wenn die Lichter ausgehen, die Autos unter meterhohen Schneewehen verschwinden und der Schnee die letzten Geräusche schluckt, sieht selbst die Park Avenue mit ihren lichtlosen Steinmassen plötzlich wie ein tiefer, schneedurchstürmter Canyon aus. Die Metropolenromantik hat immer bestritten, dass die sogenannte wilde Natur und die hochverdichtete Großstadt unvereinbare Gegensätze sein müssen - und ein italienischer Architekt will jetzt im Neubauviertel hinter der Porta Nuova beweisen, dass beides in eine Form fallen kann.

          Stefano Boeri, Sohn der bekannten Möbeldesignerin Cini Boeri und des Neurologen Renato Boeri, geboren 1956 in Mailand, Architekt, Politiker und Journalist, entwarf die G-8-Bauten auf La Maddalena und war 2010 Bürgermeisterkandidat des Partito Democratico. Jetzt baut er, pünktlich zur Weltausstellung, in Mailands ansonsten furchtbarem Expo-Viertel einen Wohnkomplex, der zusammen mit dem Hochhaus „De Rotterdam“ des Büros OMA als Favorit beim Internationalen Hochhauspreis gilt, der kommende Woche in Frankfurt vergeben wird, und Chancen hat, noch einige Preise zu gewinnen. Sein Bosco Verticale, der „vertikale Wald“, besteht aus zwei Hochhäusern, eins ist 119 Meter hoch, das andere 87 Meter. Es sind zwei schwarze, im Detail gar nicht mal atemberaubende Wohntürme mit luxuriösen Wohnungen, was eigentlich niemanden besonders begeistern würde - wären da nicht die weißen Auskragungen, die beiden Häusern das Aussehen von Kommoden verleihen, bei denen jemand alle Schubladen aufgerissen hat. Diese Schubladen geben den Fassaden eine Tiefe und Plastizität, die sie von den anderen spiegelverglasten Stengeln ihrer Umgebung unterscheiden.

          Vor jeder Wohnung hängt also etwas, das eigentlich nicht mehr Balkon genannt werden kann, eher ein schwebender Garten, in dem bis zu neun Meter hohe Bäume wachsen. Um sie zu tragen, wurde die Dicke der Betonplatten auf 28 Zentimeter erhöht, die Bäume wachsen in 1,30 Meter tiefen Erdbottichen. Insgesamt sollen auf diesen zusammen 8900 Quadratmeter großen Terrassenflächen einmal 20.000 Pflanzen und etwa achthundert bis zu neun Meter hohe Bäume wachsen. Das entspräche etwa einem Hektar Wald, mitten in der Stadt. Mit den schwebenden Gärten, deren Bewuchs sich zu einer Art zweiter Fassade aus Geäst und Blättern verdichten soll, will man den Leuten in der Stadt das bieten, was sie in den Vorortsiedlungen suchen, nämlich einen eigenen Garten, in dem man mit den Kindern spielen und in der Abendsonne sitzen kann, mit Weitblick in die Landschaft - nur dass man jetzt diesen Garten im 25. Stock hat, und ganz ohne den üblichen Pendlerstau: Das Stadtzentrum selbst wird in Zukunft die Natur sein, die man früher außerhalb suchte, Häuser sollen senkrechte Wälder werden. Das ist das Versprechen.

          Wie unrasierte Lakeshore-Drive-Apartments

          Nun muss man in der aktuellen Architektur Dinge unterscheiden, die nach Natur aussehen, und denen, die wirklich ökologisch interessant sind. Es ist unter Architekten in Mode gekommen, große urbane Baukomplexe als Natur zu tarnen: Frank Gehry plante ein Museum für Andorra in Form eines Riesenfelsens, und in Marseille, direkt neben Will Alsops „Hôtel du Département“, das aussieht wie das gigantische, quietschblaue Brillenetui eines sehr geschmacklosen Riesen, plante Jean Nouvel einen ganzen Wohnblock in Fake-Natur-Optik, der wie ein üppig bewucherter Kreidefelsen aussieht. Der Bosco Verticale ist dagegen vor allem bautechnologisch interessant: Die Bäume wirken als Filter, sie produzieren Sauerstoff, die Luftqualität in den Apartments ist angeblich messbar besser, Hitze und Kälte sollen von der Begrünung abgemildert werden - eine natürliche Alternative also zu den aus Schweröl hergestellten, ökologisch alles andere als vorbildlichen Dämmmaterialien, die in Deutschland neuerdings dank geschickter Lobbyarbeit der Hersteller als alternativloser Standard gelten. In Mailand dämmt die Natur selbst. Schon jetzt sollen sich Vögel, die man lange nicht mehr in der Stadt sah, im Bosco Verticale eingenistet haben.

          Den tropisch dicken Mantel aus Ästen und Büschen, der sich in Computeranimationen um den Turm legt, kann man zurzeit noch nicht ganz erkennen; in ihrem jetzigen Zustand erinnern die Türme an jemanden, der beschlossen hat, sich einen Vollbart wachsen zu lassen, aber erst beim Dreitagebart angekommen ist. Aus der Ferne sehen die Türme ein wenig wie unrasierte Lakeshore-Drive-Apartments aus. Wenn man ihnen näherkommt, haben sie aber leider nicht die Detailperfektion und Eleganz eines Mies-van-der-Rohe-Baus, und die Sockel der Türme wirken nicht wie der Eingang in einen futuristischen Wald, sondern wie die übliche bläulich schimmernde Spiegelverglasung italienischer Sparkassenzentralen.

          An Pellis Fassade rutscht das städtische Leben ab

          Was schade ist, aber nichts gegen das, was César Pelli und andere nebenan gebaut haben. Es ist fast nichts Deprimierenderes vorstellbar als diese Versammlung lieblos zusammengeklebter Glasfassaden, verchromter Pfeiler, billiger Steinplatten und zugiger Freiflächen. Pelli ist bekannt für seine Petronas Towers in Kuala Lumpur; was er in Mailand gebaut hat, könnte auch dort stehen. Oder in La Défense. Oder im Frankfurter Bankenviertel. Es ist eine Architektur, die genau genommen überall dort stehen könnte, wo man Räume um größere Geldströme herumbauen muss.

          Sie ist so langweilig, dass die Bauten sich in die Betonbeine kneifen und kleine Scherze machen müssen, um nicht einzuschlafen - und diese gebauten Scherze lassen das Ganze dann noch trübseliger aussehen: Pelli dreht einen Turm zur Spirale zusammen, wie man eine Klarsichtfolie zu einer kleinen Tüte drehen kann, die Spiegelglasfassade am Hauptgebäude scheint sich wie die Sohle von einem kaputten Schuh wegzubiegen. Aber warum? Auf der zentralen Piazza stehen ein paar rot, weiß und grün lackierte Stühle, etwas anderes erinnert auch nicht daran, dass man tatsächlich in Italien ist: Je anonymer die Architektur, desto deutlicher das als Schminke aufgetragene Lokalkolorit für die erwarteten Touristenmassen. An Pellis spiegelglatten Fassaden rutscht das sogenannte städtische Leben trotzdem ab wie Bakterien an einer mit Domestos gereinigten Küchenfront. Nur der Wind ist begeistert und rast den mit eingezogenen Köpfen über die Piazetta flüchtenden Passanten heftig entgegen. Es ist eine aseptische Architektur, das genaue Gegenteil der alten Mailänder Bürgerhäuser.

          Ein Echo des gebrochenen Lichts

          Jede Stadt hat ihre eigene Tonart, ihr Licht; Mailand ist keine Stadt für grelle Mittagssonne, seine Häuser leben erst mit Einbruch der Dämmerung auf, wenn aus den Fluren und Hofeingängen und den alten Trams ein Licht in die Straßen fällt, das dunkler ist als anderswo. In den massiv rustizierten Sockeln nisten, wie am Eingang der Galleria Vittorio Emanuele II, die Souvenir- und Zeitungsläden wie Seepocken an einem Riff. Auch das ist typisch für das alte Mailand, und es spricht viel dafür, dass diese Möglichkeit von Einnistungen kleiner Läden, Cafés, Zeitungskiosken, die sanfte Form von Besetzungen und das Poröse der Fassaden, wie Walter Benjamin es einmal nannte, die Lebensqualität südlicher Städte ausmachen.

          Vielleicht muss man die erstaunliche Tiefe von Boeris Fassaden auch als ein Echo des Labyrinthischen, Verschachtelten und Versteckten, des gebrochenen Lichts in den Höfen der alten, begrünten Mailänder Bürgerhäuser lesen, denn auch diese Häuser spielen Natur: ihre Fassaden, die des nahen Palazzo Cusani etwa, tun so, als schälten sie sich mit ihren opulenten Rokoko-Balkonen und Pilastern in diesem Moment aus einem echten Felsen heraus.

          Noch deutlicher als Boeri bezieht sich zurzeit nur ein Architekt auf Wald und Bäume - der Japaner Sou Fujimoto, in dessen Häusern man oft nicht einfach über eine Treppe in den nächsten Stock kommt, sondern sich von Ebene zu Ebene wie durch einen abstrakten Baum hangelt. Der Bosco Verticale ist anders - ein wörtlich zu nehmender Großstadtdschungel, und ein Ausblick auf mögliche Alternativen zum Vororthäuschen, der sich nicht mit Details befasst, sondern gleich einmal die Wälder, die im Zuge der Urbanisierung anderswo abgeholzt werden, in den Städten senkrecht wieder an die Hochhäuser hängt.

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