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Italienischer Architekt : Es war einmal ein Platz

Vittorio Gregotti in seinem Studio. Bild: Picture-Alliance

Er baute der italienischen Gesellschaft ihre modernen Tempel: Zum Tod des Architekten Vittorio Gregotti, der mit 92 Jahren am Coronavirus starb.

          2 Min.

          Aus den ersten Schlagzeilen, die in italienischen Medien zu lesen waren, spricht eine Erschütterung, die über das übliche Maß hinausgeht: „Il coronavirus uccide il papà dello stadio Ferraris“ titeln die Zeitungen – „das Coronavirus bringt den Vater des Ferraris-Stadions um“. Unter denjenigen, die am Sonntag in Italien am Coronavirus starben, befindet sich auch Vittorio Gregotti, einer der bekanntesten Architekten des Landes. Die Nachrufe auf sein Werk klingen wie Erinnerungen an das, was Italien und Europa in diesen Tagen verloren haben: Fast all seine Schriften und Bauten waren der Frage des Öffentlichseins, der Begegnung, der Rückgewinnung der Dichte, des lebendig Gedrängten gewidmet, das für ihn die italienische Stadt und die mediterrane Kultur ausmachte.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Gregotti baute dieser Gesellschaft ihre modernen Tempel: Er entwarf das große Ferraris-Stadion von Genua und das Olympiastadion in Barcelona, und schon die Fassaden beider Sportarenen zeugen mit ihren Arkaden und Rustizierungen und Säulenordnungen vom Wunsch, an die antiken Spektakelarchitekturen des Mittelmeerraums anzuknüpfen. Sie zeigen auch die Sonderstellung einer italienischen Gegenwartsarchitektur, die keine Scheu vor Zitaten der römischen Antike hatte und dennoch nichts mit den augenzwinkernd-zitatüberhäuften Als-ob-Tempeln der amerikanischen Postmoderne zu tun haben wollte.

          Gregotti, der urbanistisch an die alte Stadt anknüpfen wollte, setzte formal auf die Strenge der rationalistisch reduzierten Form; wenn Ornamente, dann sollten sie von harten Schatten auf seine Fassaden gemalt werden. Schon früh hat der 1927 im Piemont geborene Ingenieur und Designer, der unter anderem bei Auguste Perret lernte, die funktionalistische Moderne kritisiert und ihr Verzeinzelung und Zerstörung jener Dichte vorgeworfen, die für ihn die Voraussetzung jeder Stadtkultur war.

          Kleine Orte, große Plätze

          Neben großen Stadien baute Gregotti viele Siedlungen, die den kühlen Hochhausscheiben des internationalen Stils wieder enge Gassen, private Gärtchen, kleine Plätze entgegenstellten – und italienische Farben: In Cannaregio, dem dichtestbesiedelten Viertel von Venedig, passte Gregotti seine modernen, ockerbraunen Häuser behutsam der alten Stadt an, in Palermo führte er die traditionelle Gasse wieder in den sozialen Wohnungsbau ein, bei Schanghai bekam das neue Stadtviertel von Pujiang dank Gregotti einen Palast und einen italienisch anmutenden Platz mit Campanile verpasst, und auch in Berlin versuchte der Ingenieur und Designer bei der Internationalen Bauausstellung von 1984, die alten Stadtgrundrisse und Lebensqualitäten mit seinen Häusern in der Lützowstraße wiederzubeleben.

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          Vittorio Gregotti : Es war einmal ein Platz

          So verwinkelt und eng seine Wohnviertel oft waren, so sehr liebte Gregotti auch die Monumentalform: Öffentlichkeit, so seine Theorie, entsteht aus beidem, den informellen, kleinen Orten und den ganz großen Plätzen. Sein 1993 eröffnetes, 93.000 Quadratmeter großes Kulturzentrum von Belém im Westen der portugiesischen Hauptstadt Lissabon erinnert mit seinen gewaltigen Steinquader-Bauten an eine mesopotamische Stadt.

          All seine Gebäude feiern das Zusammensein – so auch sein Teatro degli Arcimboldi, das 2002 zunächst als Ausweichquartier für die langjährige Renovierung der Mailänder Scala in Bicocca auf dem Gelände einer alten Reifenfabrik eröffnet wurde. Die zusammen mit Mario Botta und Elisabetta Fabbri entworfene Theater- und Konzerthalle für mehr als 2400 Personen erinnert mit ihrem schwebenden Betonvordach an die optimistische italienische Moderne eines Gio Ponti.

          Ihr großes, nachts weit leuchtendes Glasdach über dem Foyer blinkt auch in diesen Tagen des Social Distancing und der Ausgangssperren, in denen jede Umarmung und jedes Essen mit Freunden unverantwortlich, fast unmoralisch scheint, in die italienische Frühlingsnacht hinein wie ein Leuchtfeuer und eine Erinnerung daran, dass nach der erzwungenen Tyrannei der Intimität wieder bessere Tage kommen werden. Vittorio Gregotti, der „Papà“ der geselligen Räume, wurde 92 Jahre alt.

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