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St. Backenzahn im hilligen Köln: Die von Gottfried Böhm entworfene Pfarrkirche St. Gertrud wurde 1965 geweiht. Bild: Dorothea Heiermann/Rheinisches B

Gottfried Böhm wird hundert : Der jüngste Meister des heiligen Köln

Auch wo kein Platz mehr ist, lässt sich wunderbar bauen: Mit tätiger Anteilnahme feiern die Bürger der Stadt Köln den hundertsten Geburtstag des Architekten Gottfried Böhm.

          5 Min.

          Wer den Kölner Hauptbahnhof mit einem der Züge verlässt, die um die Stadt herum Richtung Süden geführt werden, und rechts aus dem Fenster blickt, der empfängt, kurz nachdem der Zug in die große Kurve eingebogen ist, einen seltsamen Fingerzeig. Hinter der beschmierten Wand des Gleisgeländes reckt sich ein schmaler, graubrauner Turm, dessen wie abgeschnitten wirkende Spitze dem Niemandsland der achtlosen Verkehrsabwicklung zugewandt ist. Windschief scheint der kantige Stecken, wie ein Formsignal, dessen Flügel noch ausgefahren ist, obwohl die von ihm bewachte Strecke längst stillgelegt wurde. Der Turm überragt ein Gebäude, aus dem ebenfalls Spitzen herauswachsen, die auf ihre Weise verdreht sind. So ist der Gesamteindruck des Ensembles schräg.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Warum fällt das Bauwerk ins Auge? Nicht wegen seiner Dimensionen. In einer Umgebung, die man als funktional und ungeordnet wahrnimmt, also gar nicht wahrnehmen muss, überrascht es doppelt: mit Unregelmäßigkeit und mit dem Ausdruck eines Willens zur Gestaltung. Aber es ist kein Fremdkörper. Mit seinem Material passt es in die Sphäre der gewaltigen Hinterhöfe, die zu den modernen Kathedralbauten der Großbahnhöfe gehören. Zwischen Lagerhallen und Baracken steht ein Geräteschuppen.

          Liturgisches Gerät wird hier verwahrt. Wegen des Turms erkennt jeder Reisende den Bau auf Anhieb als Kirche. Gerade in der Übermacht der kirchlichen Bautradition liegt die Möglichkeit der Variation geborgen. Die Elemente dieser Zeichensprache sind Abbreviaturen: Ihre Vertrautheit ermöglicht das Weglassen und Versetzen, das Auseinandernehmen und Rekombinieren. Um die Bauaufgabe zu markieren, genügt der Fingerzeig.

          Architekt Gottfried Böhm

          Die katholische Kirche St. Gertrud wurde 1965 geweiht, wenige Wochen vor dem Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils. Entworfen hat sie Gottfried Böhm. Der Eingang zur Kirche befindet sich in der Krefelder Straße, die den Autoverkehr parallel zu den Bahngleisen nach Norden lenkt. Der Turm steht an der Straße, und wenn man vor dem Turm steht, sieht man die von der Bahn aus sichtbare Dachlandschaft nicht. Drei hohe Kapellen, in deren Giebel Fenster mit einem Blumengittermuster eingelassen sind, holen den Impuls der Turmspitze hinunter auf die Erde. Der Asymmetrie als Prinzip der Disposition entspricht ein Kontrastprogramm der Mittel und Valeurs auf allen Ebenen. Das Kapellenkranzfragment ist ebenso zierlich wie massiv.

          Die Fassade erscheint als monumentale durchbrochene spanische Wand. Mit der Faltung der Mauer zeigt die Kirche, dass sie sich einer Baulücke eingefügt hat. Gleichzeitig verschafft sie sich Raum. Ein Vorplatz entsteht, indem sie sich zurücknimmt. Bänder aus Beton verbinden die Kirche mit dem freistehenden Turm. Die Geschossunterteilung der beiderseits fugenlos anschließenden, ebenfalls von Böhm entworfenen Wohnhäuser verlängert dieses Motiv ins Horizontale.

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