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Banksy und der Kunstmarkt : Inkognito in aller Munde

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Das Unterhaus voller Schimpansen: Ein Unbekannter erstand das Gemälde für 9,44 Millionen Euro Bild: AFP

Anfang Oktober wurde ein Gemälde Banksys für eine Rekordsumme versteigert. Doch wie verdient der anonyme Streetart-Künstler sein Geld? Und wie kommt seine Kunst auf den Markt?

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          Ein Künstler, dessen Material zu seinen Anfangszeiten Hauswände, Sprühdosen und Schablonen und dessen Werke Allgemeingut waren. Ein Künstler, dessen Identität trotz seines Erfolges noch immer unbekannt ist. Ein Künstler auch, dessen Gemälde „Devolved Parliament“ Anfang Oktober zur Rekordsumme von 9,44 Millionen Euro bei Sotheby’s versteigert wurde. Wie funktioniert das System Banksy? Wie finanziert sich einer, der selbst stets anonym agiert – und wie nimmt er am internationalen Kunstmarkt teil?

          Banksy tritt in seinen Bildern, Installationen und Performance-Aktionen stets kapitalismuskritisch auf. So geschehen bei zahlreichen Interventionen in Museen, in seinem Pop-Up Laden für zynische Alltagsware, den er vergangene Woche in der Folge eines Rechtsstreits über seinen Markennamen eröffnete, oder als im letzten Jahr direkt nach der Versteigerung seines Bildes „Girl With Balloon“ ein in den Rahmen eingebauter Schredder das Werk teilweise zerschnitt. Auch seine dystopische großangelegte Installation “Dismaland“, ein nachgebauter Vergnügungspark, parodiert das bekannte Original von Disney. 2013 verkaufte ein älterer Herr in der Nähe des New Yorker Central Parks mit wenig Erfolg einige Banksy-Prints für 60 Dollar das Stück. Erst später machte der Künstler öffentlich, dass dies Original-Drucke gewesen seien – deren Wert eigentlich viel höher liegt.

          Das System Banksy

          Aber bei aller Kapitalismuskritik: Auch Banksy verschenkt seine Werke nicht. Der Künstler wird derzeit von keiner Galerie vertreten und agiert völlig unabhängig. Lange war er Teil der Londoner POW Galerie, die bis vor zwei Jahren Werke von Illustratoren und Graffitikünstlern druckte, vertrieb und Ausstellungen organisierte. Viele Jahre war Steve Lazarides sein Agent, 2009 endete ihre Zusammenarbeit. Heute sind Jo Brooks, seine PR-Agentin, und Holly Cushing, die schon den Film „Exit Through the Gift Shop“ mitproduzierte, seine engsten Mitarbeiterinnen, erklärt Dr. Ulrich Blanché, der an der Universität Heidelberg zu Neuerer und Neuester Kunstgeschichte mit Schwerpunkt auf Streetart forscht.

          Die mit Sicherheit größten Einnahmen des Künstlers erfolgen über den Verkauf seiner Kunst. Seine eigene Authentifizierungsstelle Pest Control ist die einzige anerkannte Verkaufsstelle für Banksys Werke, sie vergibt außerdem Echtheitszertifikate nach Prüfung. Print-Editionen, Siebdrucke, Poster und Gemälde, wie Banksy sie schon seit zwanzig Jahren verkauft, werden gelegentlich über seine Seite vertrieben, manche auch durch ein Lotterie-System: So gibt es zahlreiche seiner Prints in großen Auflagen zu niedrigen Preisen. Blanché vermutet, dass Banksy einen Kreis an Interessenten hat, denen er direkt Kunstwerke zum Kauf anbietet – wie zum Beispiel Damien Hirst. Der Großteil der Werke jedoch, die von Banksy im Umlauf sind und zu hohen Summen angeboten werden – wie auch jenes mit den Schimpansen im Unterhaus – , werden über den Sekundärmarkt aus zweiter, dritter, vierter Hand erworben.

          Banksy hat außerdem mehrere Bücher veröffentlicht, von denen vor allem „Wall and Piece“ ein Kunstbestseller ist. Seine Mockumentary „Exit Through the Gift Shop“, in der er als Filmobjekt plötzlich zum Regisseur wird, lief international sehr erfolgreich und war 2011 für einen Oscar nominiert. Bücher und Film bringen jedoch bescheidene Einnahmen ein im Vergleich zu den Bildern.

          Gestiegener Wert von Kunstwerk und Künstler

          Auf Instagram äußerte sich Banksy selbst zu dem jüngst erzielten Verkaufspreis und zitierte den konservativen Kunstkritiker Robert Hughes: „Der Preis eines Kunstwerks ist nun Teil seiner Funktion.“ Er bemängelte, dass Kunst somit zum „speziellen Eigentum von einer Person“ werde, anstatt ein „gemeinschaftliches Eigentum der Menschheit“ zu sein. Die Distanzierung vom eigenen finanziellen Erfolg ist gewissermaßen ein Markenzeichen Banksys: Schon ein Druck von 2014 zeigt eine Kunstauktion, auf der ein Bild versteigert wird mit den Worten „I Can’t Believe You Morons Actually Buy This Shit“. Ob das nun eine  selbsterfüllende oder selbstzerstörende Prophezeiung von Banksy war? Das Spiel mit dem Kunst-Kapitalismus hat er perfektioniert. Aber authentisch wirkt seine kritische Haltung gegenüber dem Kunstmarkt schon lange nicht mehr.

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