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„Kanzlerfotograf“ Konrad Müller : Momente von Schönheit, Klarheit und Wahrheit

Konrad Rufus Müller zwischen Bildern seiner Serie „Unfassbare Wunder“ mit Porträts von Überlebenden des Holocausts Bild: Jens Rosendahl

Auf Augenhöhe mit den Großen und Mächtigen der Weltpolitik: Der Fotograf Konrad Rufus Müller wird achtzig Jahre alt.

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          Es gibt Etiketten, die wird man nicht los. „Kanzler-Fotograf“ etwa. So wurde Konrad Rufus Müller schon genannt, als Gerhard Schröder noch in Bonn an Gittern rüttelte und Angela Merkel Vorlesungen in Physik besucht hat. Später freilich fotografierte er auch diese beiden. Von Anfang an, also seit Konrad Adenauer, hat Müller alle Bundeskanzler Deutschlands porträtiert, was vermutlich keinem anderen Fotografen gelungen ist. Und niemand sonst hat ihnen so viele Bücher gewidmet. Knapp ein Dutzend sind es, darunter eine Monographie über „Willy Brandt“, zwei über Gerhard Schröder und vier über Helmut Kohl. Dazu der Sammelband „Die Kanzler“. Die größte Auszeichnung jedoch dürfte seine Sammlung gerahmter Schwarzweißfotografien im Flur des Bundeskanzleramts sein, die an Hand dieser Konterfeis die Geschichte der Bundesrepublik erzählt – Gesichter mit tiefen Schatten, bisweilen verbissen, verbittert, zerfurcht, allemal von Skepsis geprägt und nicht selten, so macht es den Eindruck, auch von der Bürde des Amts. Da drängt die Frage sich auf, ob er nicht wenigstens noch einen Kanzler auf seine Liste setzen wolle – und dann natürlich auch: Wen? Oder: Wen am liebsten?

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Die Antwort kommt zögerlich, obwohl Konrad Müller gern und unermüdlich erzählt, und es wird nicht recht klar, ob das parteipolitisch begründet ist oder durch ästhetische Kategorien. Ob es ihm um die Herausforderung geht, vor die das Land den nächsten Kanzler stellen wird, oder um die Herausforderung, die dessen Gesicht an ihn stellen würde. Nach einem kurzen Moment des Innehaltens jedenfalls sagt er, und es klingt einigermaßen ernüchtert, dass es den Politikern heute an Charisma mangele. Und dann liefert er auch gleich eine Vermutung hinterher: „Vielleicht haben sie einfach keine Zeit mehr, zu wachsen. Sich zu finden.“

          Charme und Selbstsicherheit

          Wir sitzen im Wohnzimmer von Konrad Rufus Müller, in einem Vorort von Königswinter, zu Zeiten der Bonner Republik nahe am Zentrum der Macht, jetzt inmitten der siebengebirgischen Provinz. Vor der Terrasse zieht sich zwischen Bäumen das Grün der Landschaft in leerer Weite hin. Eine Ansicht wie zum Ausruhen des Blicks. Innen sind die Wände dicht vollgehängt mit Bildern und Gegenständen, zu denen sich reichlich Geschichten erzählen lassen: eigene Gemälde aus der Zeit, als Müller noch an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin studierte. Das Aktfoto einer korpulenten Frau, die er erst kürzlich frech, und doch als Kompliment gemeint, ansprach, ob er mit ihr eine Szene nachstellen dürfe, wie einem Bild Lucian Freuds entnommen. Neben der Tür hängt ein Spazierstock, der einmal Willy Brandt gehörte. Dafür, dass ihn Politiker so dicht an sich herangelassen haben, hat Müller mehrere Erklärungen. Am prägnantesten hat er sie für François Mitterrand formuliert, als er ihn Anfang der Achtziger bat, ein Buch über ihn machen zu dürfen: Es würde intim sein, ohne indiskret zu werden.

          Und so kam es. So lange hatte er den Präsidenten dafür begleitet, dass die französische Presse fragte, ob Frankreich keine eigenen Fotografen habe. Dabei ist es nicht allein seine Kunst, Menschen gut aussehen zu lassen, sie selbst dann anständig zu behandeln, wenn er vorgibt, in die tiefsten Winkel ihrer Seelen vorzudringen, die ihm den engen Kontakt zu den Berühmten und Mächtigen ermöglicht hat. Es ist ein Charakter, in dem Interesse, Charme und Selbstsicherheit zu einer entwaffnenden Mixtur verschmelzen.

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