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Architekt wird achtzig : Der Vater des Messeturms

  • -Aktualisiert am

More is more: Das Sony-Center am Potsdamer Platz. Bild: Picture-Alliance

Helmut Jahn prägte mit dem Frankfurter Messeturm, dem Sony Center in Berlin oder dem Post-Hochhaus in Bonn die Silhouetten unserer Großstädte nachhaltig. Heute wird der Architekt achtzig.

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          Der dritte und letzte Direktor des Bauhauses, Ludwig Mies van der Rohe, war nach seiner Emigration in Chicago zu ungeahnten Erfolgen gelangt: Seine elegant-reduzierte Variante der modernen Architektur prägte bald Gebäude in ganz Nordamerika, darunter stilbildende Hochhäuser in Toronto, Detroit, New York und Chicago. Die Gegenbewegung formierte sich in den sechziger Jahren. Aus Mies’ Mantra „less is more“ schmiedeten postmoderne Kritiker den Satz „less is a bore“. Vor dem Hintergrund der Moderne-Fatigue entwarf der junge Helmut Jahn, der 1966 als Student zu Mies nach Chicago gekommen war, eine Architektur, die den strengen Gestaltungskanon von Mies und seiner Ära zu überwinden half. Jahns Fassaden trugen ähnliche Muster wie seine auffällig-karierten Anzüge – schon Jahns modischer Geschmack wirkte damals wie ein Sakrileg.

          Seine Karriere begann Helmut Jahn als Mitarbeiter des Büros C. F. Murphy. Mit dem Rathaus, dem Flughafen und dem Messezentrum hatte dieser drei wichtige Gebäude in Chicago gebaut; Murphy hatte aber nie Architektur studiert, und der aus Franken stammende, 1940 bei Nürnberg geborene Architekt Jahn erwies sich als starker Entwerfer, der außerdem als Architekt lizensiert war. Bevor Jahn Murphys Büro 1983 übernahm, hatte er aber mit der Kemper-Arena in Kansas City und dem Xerox-Center in Chicago bereits zwei frühe Meisterwerke geschaffen, die seine Liebe zur Geometrie und sein ausgeprägtes Verständnis für Tragwerke belegte: Die Kemper-Arena war die erste stützenlose Großhalle in Amerika. Die abgerundete Ecke des Xerox-Turms erinnerte ans Art Déco, das Jahn immer effektvoller zitierte.

          Die Stromlinien-Ästhetik drückte für Helmut Jahn „Geschwindigkeit und Fortschritt aus. Sein Durchbruch war aber das State of Illinois Center in Chicago. Dort fahren fein detaillierte Glasaufzüge wie kinetische Skulpturen in einem Raumschiff auf und ab. Nie zuvor hatte ein öffentliches Verwaltungsgebäude ein so brillantes siebzehngeschossiges Glas-Atrium bekommen, von dem aus Bürger ihrem Bundesstaat beim Funktionieren zusehen konnten. Die Inszenierung einer „offenen Regierung bei der Arbeit“ hat Jahn architektonisch meisterlich gelöst; mit diesem Gebäude wurde er 1985 schlagartig zum Star.

          Glasaufzüge wie Skulpturen: Helmut Jahn. Bilderstrecke

          In den neunziger Jahren wandte er sich neuen Themen und Orten zu: Zu seiner zweiten Spezialität wurden Flughafen-Terminals: In Köln, München, Bangkok und Chicago-O’Hare kann man erleben, wie weite Tragwerkskonstruktionen als Kathedrale des Verkehrs inszeniert werden und zugleich einen Ort definieren. In den Folgejahren entwarf Jahn Hochhäuser in Philadelphia und New York, Singapur, Warschau und Tokyo, Johannesburg und Rotterdam – stets trugen sie Dynamik in die Skylines und machten die Dreiteilung in Sockel, Schaft und Krone wieder obligatorisch. Gemeinsam mit dem Stuttgarter Ingenieur Werner Sobek entwickelte Jahn große Glasfasermembran-Dächer, die öffentliche Räume überspannen.

          Auch in Deutschland prägte Helmut Jahn mit dem Frankfurter Messeturm, dem Sony Center in Berlin oder dem Post-Hochhaus in Bonn die Silhouetten der Großstädte nachhaltig. Am heutigen Samstag wird der deutsch-amerikanische Architekt achtzig Jahre alt.

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