https://www.faz.net/-gqz-993cr

Degas’ „Kleine Tänzerin“ : Die Geschichte des berühmtesten Tutus der Welt

  • -Aktualisiert am

Jeder kennt die „Kleine Tänzerin“ von Edgar Degas, kaum etwas ist jedoch über die Geschichte der in ihr Porträtierten präsent. Und über die Rezeption: Die Ballettratte wurde als Ungeziefer geschmäht.

          Der Lauf der Kunstwelt: Ein Werk, wie man es noch nie gesehen hat, wird der unvorbereiteten Öffentlichkeit vorgestellt – und ruft weitherum Unverständnis, Ablehnung, ja Abscheu hervor. Ein paar Generationen später zählt es zu den Ikonen der Kunstgeschichte. So erging es auch der „Petite Danseuse de quatorze ans“, die Edgar Degas im April 1881 im Pariser Salon des Indépendants ausstellte.

          Damalige Kritiker bedachten die Skulptur mit Beschreibungen wie „Affe“, „Monster“ oder „Kümmerling“: Mit ihrem „aztekischen Kopf und Gesichtsausdruck“ wirke Degas’ kleine Tänzerin „halbdebil“. „Haben Sie wirklich ein derart scheußliches, abstoßendes Modell finden können?“, fragte eine Rezensentin den Künstler mit rhetorischer Fassungslosigkeit. Und legte nach: „Kann Kunst noch tiefer fallen?“. Ein anderer Salonbesucher unkte, das Modell verkörpere den „Typus der Abscheulichkeit und Bestialität“; eine Comtesse giftete mit Verweis auf Émile Zolas berühmt-berüchtigten Roman über ein Freudenmädchen, die Statuette zeige „eine fünfzehnjährige Nana, zur Tänzerin travestiert, vor welcher Dummköpfe in Wallung geraten“.

          Selbst was als Kompliment gedacht sein mochte, hatte damals oft etwas Zweischneidiges: Die Statuette trage „trotz ihrer fürchterlichen Hässlichkeit“ das Siegel der Originalität; das „lasterhafte Mäulchen dieses kaum geformten Mädchens, ein Blümchen der Gosse“ sei unvergesslich.

          Charaktereigenschaften „ablesbar“

          Heute prangt Degas’ kleine Tänzerin auf T-Shirts und Postern; als blecherner Briefbeschwerer ist sie auch in drei Dimensionen zu haben. Die „Petite Danseuse de quatorze ans“ zählt zu den Ikonen der Kunstgeschichte. Es ist leicht, sich als Nachgeborene über das „Fehlurteil“ von Degas’ Zeitgenossen zu mokieren. Aber haben sich die unkritischen Verehrer von heute das Werk wirklich genauer angeschaut als die unverständigen Verächter von einst? Die Statuette, deren Original zu den Publikumsmagneten der National Gallery of Art in Washington zählt (zweiundzwanzig Bronzeabgüsse, die nach Degas’ Tod angefertigt wurden, bevölkern Museen und Privatsammlungen in aller Welt), ist mitnichten herzig, niedlich, allerliebst. Vielmehr gleicht die Tänzerin mit ihrem dichten Haar, ihrer fliehenden Stirn, ihren vorstehenden Backenknochen und ihren Hasenzähnen einem hässlichen Entlein vor der – hypothetischen – Verwandlung in einen stolzen Schwan.

          Es ist erwiesen, dass Degas sich eingehend mit den physiognomischen Theorien seiner Zeit befasst hat, wonach Charaktereigenschaften an Kopfform und Gesichtszügen „ablesbar“ seien. Die oben angeführten Merkmale verweisen unzweideutig auf „Verbrecher-Visagen“ – eine Assoziation, die seinerzeit durch den Umstand verstärkt wurde, dass der Künstler neben der Skulptur auch vier Porträtskizzen junger Männer ausstellte, deren Mordprozess er beigewohnt hatte. Der Romancier Joris-Karl Huysmans beschrieb deren Physiognomien wie folgt: „tierische Schnauzen, niedrige Stirne, vorspringende Kieferknochen, kurze Kinne, fliehende Augen ohne Wimpern“.

          Weitere Themen

          „Es war die Gier nach Anerkennung“

          Middelhoff im Gespräch : „Es war die Gier nach Anerkennung“

          Thomas Middelhoff war Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann und galt als „Wunderkind“ der Wirtschaft. Dann kam der Absturz: Steuerhinterziehung, Haft, Privatinsolvenz. Jetzt bekennt sich der gestürzte Manager: „Schuldig“

          Topmeldungen

          Thomas Middelhoff beim Gespräch über sein neues Buch „Schuldig“ in Hamburg

          Middelhoff im Gespräch : „Es war die Gier nach Anerkennung“

          Thomas Middelhoff war Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann und galt als „Wunderkind“ der Wirtschaft. Dann kam der Absturz: Steuerhinterziehung, Haft, Privatinsolvenz. Jetzt bekennt sich der gestürzte Manager: „Schuldig“
          Die jährliche Befragung von 6000 Bürgern ergibt irritierende Ergebnisse zum Thema Ärztemangel.

          Umfrage der Kassenärzte : Rätseln um den Ärztemangel

          Gibt es tatsächlich immer weniger Ärzte? Oder ändert sich nur die Art der Versorgung? Ist die Anspruchshaltung der Patienten überzogen? Die Ergebnisse einer Befragung irritieren.
          Demonstranten und Anwohner vor einer Polizeistation am Mittwochabend

          Plötzliche Disruption : „Ihr habt keine Heimat!“

          Nie waren sich Hongkonger und Festlandchinesen ferner als in diesen Tagen. Schon deshalb ist mit Unterstützung nicht zu rechnen. Chronik einer Eskalation
          Das durch den Abbau von jährlich rund 40 Millionen Tonnen Braunkohle entstandene „Hambacher Loch“.

          Gigantischer Stromspeicher : Die Wasserbatterie im Hambacher Loch

          Was ein visionärer Plan: Ein gigantischer Stromspeicher für überschüssigen Wind- und Solarstrom soll im „Hambacher Loch“ entstehen. Die Technik dürfte Kennern bekannt vorkommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.