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Debatte um Kunstmuseen : Eine öffentliche Sammlung ist kein Durchlauferhitzer

Mäzene statt Spekulanten: In Stuttgart werden im Rahmen eines Symposions drei Thesen zur Zukunft der Kunstmuseen aufgestellt. Spielt die Digitalisierung dabei eine entscheidende Rolle?

          Als Christiane Lange, die Direktorin der Staatsgalerie Stuttgart, kürzlich in dieser Zeitung über die Herausforderungen der Museen sprach, brachte sie eine überraschende Zahl ins Spiel – 700. So viele neue Kunstmuseen sind seit dem Jahr 1990 in Deutschland hinzugekommen. Im guten Sinn ist diese Zahl ein Ausweis der föderalen Struktur in Deutschland, in deren Genuss auch die Provinz kommt. Im schlechtesten Fall ist sie ein Alarmzeichen: ein weiterer Beleg für das explosionsartige Wachstum des Kunstbetriebs, das dazu führt, dass immer mehr Einrichtungen um Fördergelder und Publikum konkurrieren und sich damit gegenseitig Substanz streitig machen.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Die entscheidende Frage heißt, was gemeint ist, wenn wir „Museum“ sagen. Der Begriff ist nicht geschützt. Jeder kann sein Haus so nennen; die Minimalanforderung lautet, dass es über eine – wie auch immer geartete – Sammlung verfügt. Ebendas unterscheidet das Museum vom Ausstellungshaus. Was aber verlangen wir von einem Museum? Welches Versprechen steht dahinter? Die strukturellen Bedingungen für die Kunstmuseen haben sich in der jüngsten Vergangenheit stark verändert. Als 1976 das Sammlerehepaar Peter und Irene Ludwig der Stadt Köln mehr als dreihundert Werke der Pop-Art schenkte, war der Bau eines eigenen Hauses aus öffentlichen Geldern umstritten. Ludwigs Beispiel hat aber Schule gemacht, es betrifft nicht nur die Gegenwartskunst. Landauf, landab sind eine Reihe von Museen entstanden, die auf private Stiftungen zurückgehen. Einige davon – etwa das Museum Frieder Burda in Baden-Baden oder die Museen der Würth-Gruppe – haben dabei den Bau aus eigenen Mitteln finanziert und tragen auch die Unterhaltskosten. Beteiligt ist die öffentliche Hand trotzdem. Denn der Erwerb von Kunst, für eine private Stiftung wie für eine Firma, ist etwa steuerlich begünstigt oder kann als Unternehmensausgabe geltend gemacht werden.

          Echt Mäzene werden gebraucht

          Der Fall Ludwig zeigt allerdings auch, dass private Museen als Ergänzungen der öffentlichen Sammlungen funktionieren können. Tatsächlich hat Ludwig die Pop-Art überhaupt erst ins Museum gebracht, in einer der bedeutendsten Sammlungen weltweit. Dabei liegt es in der Natur der Sache, dass die privaten Häuser dem aktuellen Markt deutlich näher stehen als die öffentlichen, besonders was die zeitgenössische Kunst angeht, geht es deren Gründern doch verständlicherweise um individuelle Vorlieben, um Investitionen auch, deren künftige Rendite – symbolisch wie finanziell – noch aussteht.

          Dagegen haben die öffentlichen Museen, prinzipiell formuliert, keinen Anlass, dem Kunstmarkt zu folgen. Es kann nicht davon die Rede sein, dass sie bei den Überbietungsstrategien des Hochpreismarkts mitspielen. Sie haben, im Gegenteil, stets ihrerseits als Schrittmacher gewirkt. Die griffige Formel dafür heißt im Handel, ein Museum habe ein Werk „geadelt“, oder es wird seine museale Ausstellungskarriere betont. Es sind gerade die Kataloge der internationalen Auktionshäuser, die damit ihre Lose gern aufwerten.

          Dauerleihgaben aus Privatbesitz können sinnvoll in die ständigen Sammlungen integriert sein. Allerdings sollten diese nicht von ihnen abhängig werden; deshalb sind eindeutige Leihverträge so wichtig. Der Rückbau von Dauerleihgaben, die zu Zwecken des „Durchheizens“ in den Museen geparkt, von ihnen versorgt und gepflegt werden, ist also wünschenswert – für die Stärkung der Sammlungen. Was die Museen brauchen, sind echte Mäzene.

          Die Digitalisierung als Alternative?

          Eine weitere strukturelle Veränderung hat dem Museumsbetrieb das sich immer schneller drehende Rad der Wechselausstellungen beschert. Diese holen zwar kurzfristig Publikum ins Haus, sie ziehen jedoch die Aufmerksamkeit von den ständigen Sammlungen ab. Einige Museen werden in der Öffentlichkeit fast nur noch als Ausstellungshäuser wahrgenommen. Wie aber kann die Bedeutung der Sammlungen gestärkt werden? Eine erste Möglichkeit besteht darin, in die Depots zu steigen und zu sichten, was sich dort angesammelt hat. So unerwartet es klingt, dabei könnten ausgerechnet Moden und Marotten der Gegenwart hilfreich sein. Denn was sorgfältig aufbewahrt wurde über Jahrzehnte in den Arsenalen, kann in neuem Licht glänzen. Das neunzehnte Jahrhundert oder lange verschüttete Strömungen der Moderne sind dafür gute Beispiele.

          Die dritte strukturelle Neuerung kommt mit der Digitalisierung. Als vor einigen Jahren die Forderung aufkam, die Museen sollten ihre Sammlungen digitalisieren, ging noch die Furcht um, die Verfügbarkeit im Netz könnte den Anreiz, die Sammlungen an Ort und Stelle zu besuchen, senken. Inzwischen ist das Gegenteil erwiesen. Je höher die Präsenz eines Kunstwerks in den Medien ist, je häufiger es gedruckt, hochgeladen oder gepostet wird, desto mehr nimmt beim Publikum der Wunsch zu, auch das Original zu sehen. Womöglich kann die Digitalisierung zudem Alternativen zum überhitzten Ausstellungsbetrieb schaffen. Institutionen erreichen das jüngere Publikum oft digital besser als mit Ausstellungsangeboten. Der Ausbau von Kunsteinrichtungen zu Medienplattformen wird daher mancherorts sehr ernsthaft betrieben. Die Schirn Kunsthalle in Frankfurt zum Beispiel hat mit der Künstlerin Britta Thie die Serie „Translantics“ produziert, deren abschließende Folge kürzlich auf Youtube veröffentlicht wurde. Das Amsterdamer Rijksmuseum hat als eines der ersten Museen seinen virtuellen Besuchern angeboten, eigene Schauen aus den Sammlungsbeständen zusammenzustellen, eine Möglichkeit, die auch das Frankfurter Städel bietet. Das uferlose Wachstum ist nicht Museumsschicksal.

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