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Deals mit China : Wo ist Ai Weiwei? Und was machen wir?

  • -Aktualisiert am

Der eigentliche Skandal nach der Verhaftung Ai Weiweis ist, dass wir nichts Entschiedenes dagegen tun. Warum kann die Politik nicht schärfer formulieren, warum eine deutsche Ausstellung in Peking nicht tatsächlich abgebaut werden? Ich protestiere.

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          Es ist nicht nur irgendwie ärgerlich, dass Ai Weiwei verhaftet wurde: Es ist ein Verbrechen – und kein europäischer Künstler sollte das einfach nur bedauernd hinnehmen und zur Tagesordnung übergehen. Mir ist es völlig egal, ob ich jemals wieder in China ausstellen darf. Wo es keine Freiheit für andere Künstler gibt, müssen auch meine Bilder nicht zu sehen sein. Genossen, setzt mich auf die Liste.

          Berlin ist im Mai am schönsten. Die Bäume blühen, aus aller Herren Ländern strömen Leute in die Stadt, um Kunst zu sehen und die einzigartig libertäre Atmosphäre Berlins zu genießen. Warum fehlt Ai Weiwei? „Unzuverlässige Individuen müssen im Zaum gehalten werden“ – so in etwa das offizielle Statement der Kommunistischen Partei Chinas.

          Niemand muss mir erklären, wie eine kommunistische Partei funktioniert. Ich bin damit groß geworden. Darum fühle ich mich in Schanghai sofort wie in vertrauter Umgebung, aber nicht wie zu Hause. Glasfassaden, dampfende Wan Tan, Erhu-Musik hin oder her, der Sozialismus ist stärker. Jedes Kopfschütteln der Dame an der Rezeption beim Einchecken ins Hotel, jeder simple Versuch, mal eben E-Mails zu lesen, offenbart, dass hier nur einer herrscht und von allen anderen Gehorsam verlangt: die Partei. Das funktioniert anscheinend reibungslos, weil alle ruhig sind oder sich höchstens zu Hause am Küchentisch mal ordentlich Luft machen. Weil alle wissen: Wer frech wird, verschwindet, vielleicht für immer.

          Glückliche Fügung?

          Künstler sind komische Leute, die sich auch draußen die Freiheit nehmen zu sagen, was sie denken. Dafür wurde Ai Weiwei fast totgeprügelt, dafür soll er jetzt von der Bildfläche verschwinden. Niemand bestreitet ja die wirtschaftlichen Fortschritte der Chinesen, auch müssen sie nicht hungern – aber der Fortschritt wird auf Kosten zahlloser Einzelner betoniert, hier mal ein Künstler, da mal ein Nobelpreisträger, dort zwei Dutzend Studenten – „die Sache“ ist größer und wichtiger als der Einzelne.

          Der Skandal ist, dass wir nichts Entschiedenes dagegen tun. Marktwirtschaft minus Meinungsfreiheit klingt nach einem perfekten System. Schaffen, kaufen, Schnauze halten. Auch hier in Europa findet das so mancher richtig prickelnd. Sehr mutige Menschen haben sich vor zwei Jahrzehnten im piefigen Ostblock nicht einschüchtern lassen, haben ihre Stimme erhoben und die allmächtige Partei das Fürchten gelehrt. Zusammen mit dem Druck von außen hatte das dazu geführt, dass ich pünktlich zum neunzehnten Geburtstag ein selbstbestimmtes Leben beginnen und Künstler werden konnte. Glückliche Fügung? Sollte ich mich jetzt zurücklehnen und still genießen?

          Wer – wie ich – nicht in Sachzwänge, Umsatztabellen und Quartalsberichte eingepfercht ist, hat die Pflicht, seine Stimme zu nutzen. Und auch, wer mit China Geschäfte macht, sollte wissen, um welchen Preis er das tut.

          Wo ist die Grenze?

          Wie geht es Ai Weiwei jetzt, in diesem Augenblick? Kriegt er gerade wieder eins auf den Kopf? Oder zur Pause mal eine Zigarette? „Sie können doch kooperieren ...“

          Der Kommunismus ist keine Blumenwiese, er war nie eine und wird auch nie eine werden. Wer es genauer wissen will, sollte Herta Müller lesen. Wir können davon ausgehen, dass die chinesischen „Dienste“ nicht zimperlicher sind als die Securitate. Eine kommunistische Partei lässt sich bestimmt nicht durch freundliche Worte und Feingefühl beeindrucken, aber sie fürchtet nichts so sehr wie selbstbewusstes Auftreten. Die Herren haben einen Horror davor, dass jemand ihnen die Wahrheit ins Gesicht sagt.

          Der Protest in Deutschland, und das ist der Skandal, bleibt bisher ziemlich lau – so, als würde die aufstrebende chinesische Mittelschicht keine deutschen Autos oder Küchengeräte mehr kaufen wollen, wenn wir die Kommunistische Partei Chinas jetzt zu laut kritisieren. Die Freiheit der Kunst ist kein hübsches „Add On“ wie etwa die zweite Gucci-Handtasche. Wohin hat es geführt, dass der Protest gegen die Inhaftierung des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo so mild und freundlich ausfiel? Ai und andere, deren Namen wir nicht kennen: ab in den Knast und Tilman Spengler ausgeladen. Wo ist die Grenze? Es scheint keine zu geben.

          Wie feige

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