https://www.faz.net/-gqz-788n8

„De l’Allemagne“ im Louvre : Aus tiefem Tal zu Riefenstahl

Ästhetischer Ruinenpark

Es gibt zwar die „Symphonie einer Großstadt“, aber kein Bauhaus, und Beispiele für eine Kunst, die den Geist der Weimarer Klassik in die Moderne führte, muss man mit der Lupe suchen - ebenso wie Werke von deutschen Künstlerinnen. Kein Bild von Paula Modersohn-Becker, nichts von Hannah Höch, überhaupt: kein Dada. Nichts von der bedeutenden Avantgardistin Anita Rée, die als Tochter eines jüdischen Kaufmanns in Hamburg geboren wurde, 1912 bei Léger in Paris das Aktzeichnen lernte und in Italien lebte, bevor sie als wichtige Vertreterin der Neuen Sachlichkeit nach Deutschland zurückkehrte, wo sie sich, diffamiert von den Nazis, 1933 umbrachte. An solchen Geschichten, die auch europäische Einflüsse deutscher Kunst verfolgt, ist man nicht interessiert. Deutsche Kunst ist, mit Ausnahme von Käthe Kollwitz, am Ende dieser Ausstellung vor allem grünstichige Herrenkunst am Rande eines Sonderwegs ins Verderben. Das polyglotte, auch von Frankreich geprägte Deutschland der zwanziger Jahre, für das etwa Anita Rée stand, findet sich gerade mal in einer Fotografie August Sanders und einem Gemälde Christian Schads.

Ansonsten erscheint deutsche Kunst mit den auch in Frankreich hinlänglich bekannten Gemälden von Dix und Grosz als Verarbeitung von Kriegsgreueln. Von einer Kunst, die sich nicht als ästhetische Bändigung unabwendbarer Schicksalsschläge und als bloßer Spiegel dunkler Katastrophen, sondern, wie Rées Bilder, auch als Vorschein eines anderen Lebens verstand, ist nichts zu sehen. Das düstere Panorama des Rheins von Anselm Kiefer, das ebenfalls Loyrette für die Ausstellung bestellte, vollendet das Bild der deutschen Kunst als eines ästhetischen Ruinenparks. Diese Kunst ist - anders, als ein Raum für Anita Rée es gewesen wäre - dabei nicht die kritische Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus und seinen Folgen für die Kunst, als die sie unverdrossen verkauft wird, sondern hochästhetisierte deutsche Mythologie; man ergötzt sich mit leichtem Grusel an archaischem Ruß und Rauch, am Verkokelten, Waldigen des kantig-düsteren Stils.

Solche Beschwörungen eines unheilvollen Deutschlands sind selbst Zeitphänomen. Im interessantesten französischen Roman der letzten Jahre, Mathias Enards „Zone“, muss der Erzähler sogar vor der Akropolis an Albert Speer denken, und man muss weit zurückgehen, um einen französischen Roman zu finden, in dem Deutschland nicht dunkel oder zumindest seltsam, sondern eine Sehnsuchtsprojektion ist: In René Trintzius’ „Deutschland“ von 1925 ist Berlin eine moderne Stadt voller Bauhaus-Villen und selbstbewusster Frauen, die mit Kurzhaarfrisuren und großen Cabriolets zum Sport oder ans Meer rasen durch ein glitzernd modernes, ganz anderes Deutschland, als es in diesen Tagen in Literatur und Ausstellungen entworfen wird. Wenn Ausstellungen Indikatoren eines kulturellen Klimas sind, dann ist das finstere Ende dieser ansonsten sehenswerten Schau - das Bild Deutschlands als einer von allen europäischen Entwicklungen losgekoppelten, undurchsichtig fremden, naturgewalthaft-gewalttätigen Macht - vielleicht auch ein Abbild jener Entfremdung, die auf dem Feld der Politik stattgefunden hat.

Weitere Themen

Italienisches Eigentor

FAZ Plus Artikel: Sprachtests für Fußballer : Italienisches Eigentor

Luis Suárez stand kurz vor einem Wechsel zu Juventus Turin. Nur einen Sprachtest musste der uruguayische Stürmer zuvor noch absolvieren. Dann funkten die italienischen Behörden dazwischen – mit peinlichen Folgen für die Universität, den italienischen Verein und den Spieler.

Topmeldungen

Besucherinnen bei der Kampagnenveranstaltung Donald Trumps Mitte September in Phoenix.

Wahlkampf in Amerika : Mein Latino, dein Latino

Amerikas Demokraten haben im Wahlkampf Arizona, einst eine republikanische Bastion, im Visier. Der demographische Wandel ist auf ihrer Seite. Doch Donald Trump hält dagegen.
Bas Dost traf für die Eintracht zum 2:0.

3:1 bei Hertha BSC : Die starke Eintracht stürmt auf Platz eins

Hertha BSC wollte den Schwung vom Auftaktsieg mitnehmen. Der Plan geht gewaltig nach hinten los. Frankfurt verliert zwar früh einen Spieler, nutzt aber die Torchancen – und steht vorerst an der Tabellenspitze.
Pandemie in der Luft: Eine Flugbegleiterin auf einem Flug von Kairo nach Scharm al Scheich

Reisewarnungen wegen Corona : Wie wird eine Region zum Risikogebiet?

Das Auswärtige Amt tüftelt an den neuen Regeln für Reisen während der Corona-Pandemie. Einige Warnungen könnten wegfallen. Aber das ist kein Grund für allzu große Freude mit Blick auf Herbst- und Winterferien.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.