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DDR-Kunst : Prüde gegenüber den Reizen der sichtbaren Welt

  • -Aktualisiert am

Der deutsche Bilderstreit ist vorbei und die Ostkunst endlich museal geworden: Die Berliner Neue Nationalgalerie zeigt „Kunst in der DDR“. Das Experiment ist glanzvoll gelungen.

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          Kunst aus der DDR im Museum zeigen, einfach so, als ob es sich um stocknormale Westkunst handelt und als ob es die jahrelangen erbitterten Diskussionen um die Ostkunst gar nicht gegeben hätte, kann das gutgehen? Die Berliner Nationalgalerie hat das Experiment gewagt, und es ist glanzvoll gelungen.

          "Kunst in der DDR" heißt die erste repräsentative Ausstellung dieses Themas, für deren vierhundert Gemälde und Plastiken, Zeichnungen und Fotos das Untergeschoß in Mies van der Rohes Museumspavillon komplett ausgeräumt wurde. Hundertfünfunddreißig Künstler sind vertreten, und an stilistischer Vielfalt wird mehr geboten, als man der DDR jemals zugetraut hat. Zwar wird die Ausstellung, wie man es erwartet, von realistischer Gegenständlichkeit beherrscht, aber es ist schon erstaunlich, was für unterschiedliche Positionen es sonst noch gab: hastiges Informel und akkurate Geometrie, naive Phantastik und eine tagebuchartige, privatistische Zeichenkunst in bester Paul-Klee-Tradition. Das ist beileibe nicht alles offizielle DDR-Kunst gewesen, aber all das hat es gegeben, weshalb die Nationalgalerie denn auch großen Wert auf das kleine Wörtchen "in" legt, das den Titel der Ausstellung so pingelig genau macht: Nicht etwa DDR-Kunst sehen wir, sondern eben Kunst "in" der DDR.

          Was die Schau so gelungen macht, ist weder die Fülle des Materials noch die Vielfalt der Stile, sondern ihr Anspruch, ausschließlich Kunst zu zeigen, die strengen ästhetischen Maßstäben genügt. Eugen Blume und Roland März, beide aus der Mannschaft der Ost-Berliner Nationalgalerie, haben die Ausstellung konzipiert und streng darauf geachtet, daß nur ästhetisch Hochrangiges das Nadelöhr ihres Kunstanspruchs passieren darf. Denn nicht jedes Werk schafft es, wie Eugen Blume so anschaulich sagte, sich "in diesem gnadenlosen Passepartout des Mies van der Rohe" zu behaupten. Jeder Kunstfreund, der beispielsweise eine Grafik kaufen will, kennt diese Feuerprobe des Passepartouts: Erst wenn der neutrale weiße Papprahmen um das Bildfeld herumgelegt wird, zeigt sich, wie schwach oder stark es ist. Das Passepartout isoliert das Bild von seinem Kontext und macht sichtbar, ob es tauglich ist, als ästhetische Monade im Kosmos der Kunst zu überleben.

          Staatsaufträge ausgeklammert

          „Kunst in der DDR" trifft also eine Auswahl nach dem Kriterium der Kunstwürdigkeit, und da kann es eigentlich nicht verwundern, daß die großen Staatsaufträge mit ihrem großmäuligen ideologischen Programm ausgeklammert wurden. Aber genau das scheint nicht jedem zu gefallen. Und deshalb geht unter Kritikern nun der Vorwurf um, in der Nationalgalerie werde das Bild der DDR-Kunst in unzulässiger Weise geschönt. Die beiden Kuratoren sehen das nüchterner: Derlei Staatskunst werde ohnehin nicht lange überleben, und deshalb sei es nur recht und billig, wenn man sie jetzt schon aussortiere und sich auf Werke konzentriere, die in den Museen eine Überlebenschance hätten. So verfahren sie denn auch mit Starkünstlern wie Willi Sitte oder Werner Tübke.

          Der staatsnahe Sitte ist immerhin mit vier Gemälden vertreten, und zumindest seine "Hommage à Lenin" ist alles andere als ideologisch neutral. Von Tübke, längst ein Hätschelkind des westdeutschen Kunstbetriebs, gibt es sechs Gemälde zu sehen, darunter das "Brigadebild" und eine Skizze für "Arbeiterklasse und Intelligenz". Man kann den Kuratoren also nicht vorwerfen, sie hätten die DDR-Kunst von allen ideologischen Beimengungen peinlich gereinigt, aber den meisten Kritikern geht die Reinigung wohl schon zu weit.

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