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DDR-Kunst : Auch östlich der Grenze gab es Künstler

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In Weimar, Erfurt und Gera ist die Vielfalt der DDR-Kunst zu entdecken. Die vorbehaltlose Aufarbeitung der ostdeutschen Kunstgeschichte sollte der westdeutschen ein Vorbild sein.

          Gleich drei Ausstellungen wurden in Weimar, Erfurt und Gera eröffnet, drei mit einem Thema: „Bildwelten in der DDR - neu gesehen“. So lautet der Untertitel der größten Schau im Neuen Museum in Weimar. Bei allen aber zählt am Ende nur eine Frage: Gehören diese Gemälde, Graphiken, Fotografien, Skulpturen und Installationen ins Depot - oder ins Museum?

          Darüber ist bereits in zahlreichen deutschen Museen entschieden worden, und für vieles, was aus der DDR kommt, sieht es nicht gut aus. Zum Beispiel bei den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden: Als vor zwei Jahren die Galerie Neue Meister eröffnete, freute man sich über die Neuzugänge von Künstlern, die in der Bundesrepublik Karriere gemacht haben: Baselitz, Polke oder Richter.

          Sie wurden großzügig präsentiert - abgehängt dagegen hatte man die Leipziger Schule, Werner Tübke, Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer. Andere Vertreter der ostdeutschen Kunst waren in Nebenräume verbannt. Und vor dreizehn Jahren wurde die Kunst der DDR in Weimar bei der Ausstellung „Aufstieg und Fall der Moderne“ sogar mit nationalsozialistischen Gemälden kombiniert, wobei die Stellwände mit Müllsäcken verkleidet waren.

          Das Gebiet, man kann es nicht anders sagen, ist also verseucht. Doch gibt es diesmal eine kluge und originelle Sicherheitsvorkehrung: Um die alten Muster von Gut und Böse zu meiden, hat man eine neues Expertenteam gebildet - aus Soziologen. Hervorgegangen sind die Schauen aus dem Verbundprojekt „Bildatlas: Kunst in der DDR“, das vom Institut für Soziologie der Technischen Universität Dresden koordiniert wird; Kunsthistoriker sind auch dabei, aber nicht federführend.

          Für einen Soziologen ist die Frage, ob etwas gute oder schlechte Kunst ist, zweitrangig. Ihm sind Bilder Dokumente, Quellen. Das gilt für den Teppich von Bayeux ebenso wie für niederländische Stillleben oder eben Werner Tübkes Gemälde „Zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung I“ von 1961. Diese Sichtweise prägt denn auch die Ausstellungen, in denen die Objekte nach Themen geordnet sind: In Weimar wändeweise Arbeiterdarstellungen, Gera konzentriert sich auf die Darstellung des künstlerischen Arbeitsplatzes, Erfurt auf die christliche Ikonographie - eine Eigenart ostdeutscher Kunst.

          Die Kategorien sind schlagend, ohne platt zu sein. Wie etwa die schöne Schau in Gera zeigt, war Arbeitsplatz nicht gleich Arbeitsplatz: Es gibt sie natürlich, die großen Atelierszenen, in denen sich die Maler an der Staffelei in Szene setzen. Es gibt aber auch das wunderbare Selbstbildnis von Peter Graf auf einem Gabelstapler mit dem Titel „Erinnerungen an die Zeit bei der Agrotechnik“ von 1986. Graf, der man von der Kunsthochschule Berlin-Weißensee verwiesen hatte, verdiente sein Geld als Transportarbeiter - malen konnte er nur nach Feierabend.

          Zwanzigtausend Werke aus 165 Sammlungen wurden im Vorfeld gesichtet. Auch wenn nur ein Bruchteil zu sehen ist, gelingt es, einen Eindruck der Eigenarten wie auch der Vielfalt zu vermitteln. Der Nachteil? Siehe oben - für einen Soziologen ist die Frage nach guter oder schlechter Kunst zweitrangig. Deshalb trifft der Besucher auch auf wirklich grauslige Werke, scheußlich gemalt, grässlich überladen.

          Einen Soziologen mag es beglücken, wenn ein Werk repräsentativ für ein Zeitphänomen ist. Aus Sicht eines Kunsthistorikers hört es aber genau dann auf, Kunst zu sein, wenn es nicht mehr tut, als seine Gegenwart zu bezeugen. Was einen Soziologen strahlen lässt, kann einen Kunsthistoriker zum Heulen bringen.

          Insofern geht es den herausragenden Werken in der Ausstellung wie Häuschen an einer Steilküste, die jeden Moment vom tosenden Meer verschlungen werden können. Mehr als nur Einzelstücke hätte man beispielsweise gern von der 1989 viel zu früh verstorbenen Künstlerin Annemirl Bauer gesehen, die malte und zeichnete, was sich sonst niemand zu dokumentieren traute - etwa Mauertote.

          Zu gern auch hätte man tiefer in die Welt des 1976 verstorbenen Albert Ebert geblickt, von dem Erfurt einen kleinen selbstgebauten Altar zeigt, auf dem im Paradies eine Giraffe die Früchte vom Baum der Erkenntnis pflückt. Eine Entdeckung sind die Wandgemälde des Spaniers Josep Renau, der 1958 in die DDR übersiedelte und dort monumentale Auftragsarbeiten schuf.

          Doch was ist mit den sogenannten Staatskünstlern, der Leipziger Schule um Heisig, Tübke oder Mattheuer, den Malern also, die zu Lebzeiten Erfolg hatten? Die Ausstellungsmacher gaben der Weimarer Schau den Titel „Abschied von Ikarus“. Ihre darin enthaltene These ist schlüssig: Der Jüngling der griechischen Mythologie, der zur Sonne fliegen möchte und ins Meer stürzt, steht für Fortschrittsglauben, der zur Katastrophe führt. Ikarus taucht nicht nur bei Heisig, Tübke oder Mattheuer auf.

          Die Gemälde der sogenannten Staatskünstler sind allgemein von tiefem Pessimismus, von Melancholie, geprägt. Konnte man damit Propaganda für den sozialistischen Staat betreiben? Es bleibt eines der größten Geheimnisse der ostdeutschen Malerei, wie es Werner Tübke gelang, im Auftrag der DDR in Bad Frankenhausen ein riesiges Panorama zu den historischen Bauernkriegen zu vollenden, das nichts als eine verheerende Apokalypse zeigt. Tübke, der ehrgeizige Pessimist, muss einem nicht sympathisch sein - eigenwilliger ist Kunst jedoch selten.

          Kurzum: Manches, was wir in Weimar, Gera oder Erfurt sehen, gehört in ein historisches Museum oder auch ins Depot. Vieles aber - und nur einiges davon konnte hier genannt werden - sollte seinen Platz in den großen Kunstsammlungen haben, auch im Westen unserer Republik. Mehr noch: Von der vorbehaltlosen Aufarbeitung der ostdeutschen Kunstgeschichte kann die westdeutsche Kunstgeschichte viel lernen. Wie wurde bei uns Symbolpolitik mit der Moderne betrieben? Welche Ideologie befeuerte den Kult um die Abstraktion? Wer machte im Westen Karriere - und wer fiel aus dem Rahmen?

          In Weimar hängt nur ein einziges Bild von Neo Rauch, dem erfolgreichsten zeitgenössischen ostdeutschen Maler, von dem bekannt ist, dass er sich inzwischen von der Leipziger Schule distanziert. Wie der Kunsthistoriker Frank Zöllner auf der begleitenden Tagung ausführte, zählen der Künstler und seine Galerie nur noch diejenigen Arbeiten zum authentischen Werk, die nach 1993 entstanden sind. Rauchs Frühwerk, das noch zu DDR-Zeiten entstand, ist damit herrenlos geworden.

          Ein Drama? Verlogen? Gegenfrage: Wie offen gehen Künstler im Westen mit Informationen um? Es gibt wohl keine Ausstellung mit Werken von Baselitz, die ohne den Hinweis auskommt, dass sein Gemälde „Die Große Nacht im Eimer“ 1963 in Berlin von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt wurde.

          Unwahrscheinlich dagegen, dass jemand folgende Sätze in einen Katalog tippte: „Werke von Baselitz wurden bevorzugt von großen Unternehmen und Banken gesammelt, von Investmentfonds sogar als Kapitalanlage angeboten. Zuletzt illustrierte der Künstler das Kochbuch von Rita Batliner, der Ehefrau von Herbert Batliner, dem einflussreichen Liechtensteiner Anwalt, Finanztreuhänders und Kunstsammler.“

          Sicher, es gibt Unterschiede zwischen Ost und West. Wer sich im Osten mit der Führungsriege arrangierte, muss sich heute fragen lassen, ob er Propaganda betrieb; im Westen würde man die Nähe von Künstlern zu den Führungseliten wohl PR nennen. Die Kategorie des kompromisslosen Außenseiters jedoch, die von Künstlern, Galerien und Sammlern häufig bemüht wird, ist soziologisch kaum haltbar - diesseits wie jenseits der Grenze.

          Im Osten stellt man sich den unbequemen Fragen, im Westen steht die Aufarbeitung des bundesdeutschen Kunstsystems im Kalten Krieg noch aus. Die logische Folge aus dem ostdeutschen Projekt wäre eine Überblicksschau im Westen. Der Titel? „Bildwelten in der Bundesrepublik“. Das wäre mal was.

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