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Foyerbau der Museumsinsel : Eine Gürtelschnalle für das Weltkulturerbe

Museumswanderer, kommst du nach Walhall: So wird die James-Simon-Galerie am Ende aussehen Bild: Stiftung Preußischer Kulturbesitz

David Chipperfield hat den neuen Foyerbau für die Museumsinsel entworfen: Ein Gebilde, das vielen Funktionen gerecht werden muss. Jetzt feierte die James-Simon-Galerie endlich Richtfest.

          4 Min.

          Vor zwölftausend Jahren rollten ein paar große Felsbrocken durch das Urstromtal der Spree in Richtung Nordsee. In einer Schleife des Flusses, mitten in der Berliner Senke, stauten sie sich, schürften das Erdreich auf und bildeten Wirbel. Als die Steine weitertrieben, hinterließen sie Kolke, große, mit weichem Schlamm und Sand gefüllte Vertiefungen. Besonders tief waren die Kolke am westlichen Ufer der Spreeinsel, dort, wo am Ausgang des Mittelalters die Obstgärten und Wasserspiele der brandenburgischen Kurfürsten lagen. Jetzt steht dort der Rohbau für das neue Eingangsgebäude der Berliner Museumsinsel, die James-Simon-Galerie, die am Mittwoch Richtfest feierte.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das heißt: So ganz ist das Betonskelett des Gebäudes, das in zwei Jahren eröffnet werden soll, eben doch nicht fertig, und das hat vor allem mit den Kolken zu tun. Im Jahr 2006 wurde ein Baubudget von 73 Millionen Euro genehmigt, drei Jahre später begannen die Bauarbeiten, aber schon 2011 wurden sie unterbrochen, weil die Firma, die mit der Fundamentsetzung beauftragt war, an der Aufgabe scheiterte. Erst im Oktober 2013, nach der Neuvergabe des Auftrags und der Erhöhung der Baukosten auf hundert Millionen Euro, konnte der Grundstein gelegt werden; die Eröffnung, für 2014 geplant, wurde auf 2018 verschoben.

          Voll dabei: Die Architekten Alexander Schwarz (links) und David Chipperfield während des Richtfestes auf der Museumsinsel

          Inzwischen ist klar, dass die James-Simon-Galerie, die auf mehr als zwanzig Meter langen Betonstäben ruht, 134 Millionen Euro kosten wird, fast das Doppelte des ursprünglich veranschlagten Budgets. Dass beim Richtfest weder die hundert Meter lange Stelenhalle an der Westfront des Gebäudes noch die Kolonnaden zum Innenhof vor dem Neuen Museum fertig sind, ist das kleinste ihrer Probleme. An der Bezeichnung „Galerie“ halten David Chipperfield, der Architekt, und seine Auftraggeberin, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, seit zehn Jahren eisern fest. Dabei ist der Galeriecharakter des Bauwerks schon in der ersten Planungsphase erloschen, als Chipperfield seine von Publikum wie Kritik abgelehnte Glaskuben-Variante zugunsten der jetzt umgesetzten Planung revidierte. Nur im Untergeschoss, bei Kunstlicht in einem fensterlosen Saal, sollen dort künftig Ausstellungen stattfinden. Ein paar Enthusiasten haben angesichts des Chipperfield-Entwurfs auch von einem Propyläenhaus für die Akropolis der Museumsinsel gesprochen; aber das tut dem Multifunktionsbau, der sich in den rechten Winkel zwischen Stülers Neues Museum und Messels Pergamonmuseum schiebt, dann doch zu viel Ehre an.

          Ebenso schlicht wie monumental

          Denn die Nutzungen, zu denen sich die James-Simon-Galerie hergeben soll, sind viel zu mannigfaltig, als dass sich Chipperfields Architektur dagegen mit einer großtönenden, gehryhaften Formgeste absetzen könnte. Der Bau soll als Verteiler für die Besucherströme der Museumsinsel fungieren; also besteht er im Kern aus einem länglichen Kasten, der das Publikum über einen Wanddurchbruch in den Südflügel des Pergamonmuseums schleust und durch die Kolonnade zugleich Anschluss ans Neue Museum hält. Er dient aber auch als Hauptfoyer für das gesamte Ensemble des Weltkulturerbes vom Bode- bis zum Alten Museum; daher bietet er vom Café mit Wasserblick über Garderobe und Toiletten bis zum Museumsshop die ganze Service-Palette. Man kann es Chipperfield kaum verübeln, wenn er das Alibi-Element der Galerienutzung dorthin verbannt hat, wo es unter diesen Umständen hingehört, in den Sockel. Nur ist der Name „James-Simon-Galerie“ dann eben auch keine Funktionsbezeichnung mehr. Sondern ein Etikett.

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