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„DAU“ startet in Paris : Utopien der Unterwerfung

Menschenexperiment: In der Ukraine hat der Regisseur Ilya Khrzhanovsky ein gigantisches, von der Welt abgeschottetes Institut bauen lassen. Bild: 55164729 © Sergey Maximishin /

Wie eine Studentenparty im Audimax: Das umstrittene Kunstprojekt „DAU“ ist jetzt doch noch angelaufen – mit einer Teileröffnung in zwei Pariser Theatern und im Centre Pompidou. Das Thema: Menschen in Extremsituationen.

          Am Freitagabend ging es dann doch noch los: Seit Mittwoch hatten die Pariser darauf gewartet, endlich das zu sehen, was ihnen von Ruth Mackenzie, der Leiterin des Théâtre du Châtelet, als etwas angepriesen wurde, das „in die Geschichte der Stadt Paris und in die Kunst- und Kinogeschichte“ eingehen werde. Das war eine große Ansage selbst für ein Projekt, dem der Ruf ungekannter Gigantomanie vorauseilt: eigentlich wollte Ilya Khrzhanovsky nur einen Film über den Physiker und Nobelpreisträger Lew Landau („Dau“) drehen, der von 1938 bis 1968 ein geheimnisumwittertes Forschungsinstitut betrieb – aber dann zog das Team, finanziert vom Multimillionär Sergei Adoniev, für drei Jahre in die Monumentalkulisse ein, die sich so in eine Kommune verwandelte. Khrzhanovsky wurde sozusagen selbst ein Mini-Landau, bestellte echte Künstler, Wissenschaftler, Neonazis und Prostituierte dazu und ließ sein großes Menschenexperiment auf 700 Stunden Filmmaterial abfilmen, die jetzt im Théâtre de la Ville und dem Théâtre du Châtelet gezeigt werden – in einem Labyrinth, in dem der Besucher ähnlich „existentielle Erfahrungen“ machen soll wie die Insassen des DAU-Experiments. Doch die Behörden verweigerten aus Sicherheitsgründen die Freigabe , am Freitag wurde dann wenigstens das Théâtre de la Ville geöffnet.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Dort sah es allerdings eher aus wie auf einer Studentenparty im Audimax. Es wurde Wodka verkauft und die russische Nationalhymne gespielt, der Film lief an, man sieht das Institut, Männer diskutieren mit einer Putzfrau, betrinken, beleidigen, übergeben sich – alles in Echtzeit. Man hat kurz Freude an der Kamera, die dicht an den Leuten bleibt, aber dann wird es sehr, sehr langweilig. Natürlich kann man das schleppende Tempo der Filme als Kritik an den vielzitierten Sehgewohnheiten der clipgewöhnten Gegenwart verkaufen. Man wurde aber den Eindruck nicht los, dass vor allem der Betrachter nicht ohne Mühe sehen soll, was der Regisseur nicht ohne Mühe hergestellt hat.

          Requisiten aus der Sowjetzeit als Teil des „Dau“-Projekts in Paris

          Was sieht man? Landaus „Institut“ sieht gar nicht nach Stalinismus, sondern eher wie eine surreal postmoderne Phantasie von James Stirling und Aldo Rossi aus. Es geht offensichtlich nicht so sehr um das historische Russland, sondern darum, wie eng die Ablehnung der Konvention, die Voraussetzung für alles Neue ist, und Zivilisationsbrüche beieinanderliegen, und darum, wie sich der Mensch in Extremsituationen als Mensch behauptet. Kritiker sagen allerdings, dass die Mittel, mit denen Khrzhanovsky seine Grenzsituationen herstellte, brachial waren und selbst eine von Gewalt und Manipulation geprägte, an den Grenzen des Legalen operierende Kommune hervorbrachten. Die Theater-Räume in Paris, in denen die Filme gezeigt werden, sind spektakulär, besonders der noch gesperrte Teil im Théâtre du Châtelet: Der DAU-Teilnehmer soll hier – falls die Sicherheitsexperten die Installation freigeben – durch die normalerweise nicht zugänglichen Tiefgänge und Labyrinthe gelotst werden.

          Was ist der Erkenntnisgewinn?

          Aber was wird hier sonst stattfinden? An den Wänden stehen Worte wie „Angst“, „Sex“, „Orgie“. Am Eingang wird man sein Mobiltelefon gegen ein DAU-Device tauschen, das einen durch das Labyrinth leitet und Vorschläge macht, einen Film zu sehen und danach in einer Kabine ein Beratungsgespräch mit Experten, darunter Schamanen und Priester, zu führen, das gefilmt wird. Der Experte weiß aufgrund der Angaben, die man vorher online machen muss, um ein „Besucher-Visum“ zu erhalten, ob man an Liebeskummer leidet oder Gewaltphantasien hat. Ob die Besucher sich darauf einlassen, diese Angaben wahrheitsgemäß zu machen, ist noch die Frage, auch wenn DAU verspricht, dass man alles löschen darf. Was also ist Sinn des Versuchs, was der Erkenntnisgewinn?

          Was Extremsituationen mit Menschen machen, zeigte schon 1971 das Stanford-Gefängnis-Experiment, bei dem die „Wärter“, als sie glaubten, die Kameras laufen nicht, begannen, die „Gefangenen“ zu quälen. Wie man Kunst und Therapie verbindet, zeigte viel überzeugender der „Lovepangs“-Kongress an der Volksbühne 2001 – wo die Liebes- und Kummer-Experten mit den Besuchern Gespräche führten. Der Unterhaltungswert noch der unsinnigsten Anstrengungen, die auch Fernsehsendungen wie „Wetten, dass...“ viel Publikum bescherten, treiben die Leute auch zu DAU. Der Künstler hat drei Millionen Ameisen per Hand zu einer riesigen Kaffeekanne zusammengeklebt – ja Wahnsinn! Aber was ist, jenseits der Materialschlacht, die Schönheit, die neue Erkenntnis, was neben schierer Größe das Großartige von DAU?

          Letztendlich bedient das Projekt einen eher konventionellen Künstlermythos. „Ist der Künstler Genie oder Monster?“, fragt ehrfürchtig der „Guardian“. Einfache Antwort: weder noch. Was DAU mit Auftritten von Schlägern und Prostituierten als Bild der „menschlichen Natur“ mystifiziert, ist der übliche Existentialkitsch, mit dem abgründige Verhaltensweisen und Machtverhältnisse als Ausdruck des menschlichen „Wesens“ zementiert und politischer Veränderbarkeit entzogen werden. Vieles, was von DAU zu sehen ist, hat ein autoritäres Gefälle. „Sich einlassen“ heißt hier, sich den Regeln eines anderen zu unterwerfen; der DAU-Mensch sucht sein Heil bei Schamanen und Priestern in Selbstversenkung, Fremdsteuerung und alten Weisheiten. DAU steht für den neuen Anspruch an die Kunst, nicht Aufklärung und Aufstand gegen die Verhältnisse, sondern „Immersion“ und Heilung zu bieten – wozu man den Leuten erstmal einreden muss, dass sie krank sind und nicht das System um sie herum.

          Das sieht man draußen auf der Straße anders: Vorgestern zogen die „Gelbwesten“ durch Paris, gestern die Unterstützer von Macron. Sie nennen sich „foulards rouges“: Die Verteidiger des Status Quo tragen ab sofort die Farbe der Kommunisten. In solchen Turbulenzen wirkt auch poststalinistischer Schamanismus seltsam blass.

          DAU. Theatre de la Ville, Theatre du Châtelet, Centre Pompidou, Paris, bis zum 17. Februar, Visa unter Dau.com

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