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Architektin Denise Scott Brown : Was man alles von Las Vegas lernen kann

Sie liebte und erforschte die Kasinostadt in der Wüste: Denise Scott Brown vor der Skyline von Las Vegas, 1972. Bild: Architekturzentrum Wien

Sie war mehr als die Frau an der Seite eines berühmten Architekten: Wien zeigt die erste Einzelausstellung der Städteplanerin Denise Scott Brown. Eine Ehrenrettung mit Zugangshürden.

          Wie das oft so ist mit Unbekannten, einflussreich sind sie doch – etwa weil ihre Gedankenwelt mehrere Generationen von Studenten und Lehrern beeinflusst hat und weiterwirkt. Das gilt besonders für die heute siebenundachtzigjährige amerikanische Stadtplanerin, Soziologin und Architekturtheoretikerin Denise Scott Brown, bislang besser bekannt als Ehefrau und Partnerin von Robert Venturi, der im Herbst dieses Jahres im Alter von dreiundneunzig Jahren gestorben ist.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          1991 hat er den Pritzker-Preis bekommen, die wichtigste Auszeichnung für Architekten, was einerseits gerecht, andererseits ungerecht war, weil man seine symbiotisch mit ihm arbeitende Gattin nicht ausgezeichnet hatte. Venturi reagierte seinerzeit auf die Ankündigung, dass er den Preis erhalte, mit der Frage: „Und was ist mit Denise?“ Nichts war mit Denise, und es blieb bei der Zurücksetzung, auch als vor fünf Jahren 20.000 Unterzeichner forderten, Scott Brown nachträglich auszuzeichnen.

          Radikaler Zugriff und Humor

          Heute hat das Kind einen Namen und nennt sich „joint creativity“, und schon deswegen ist es nicht einfach, auseinanderzudividieren, worin jeweils genau der kreative Beitrag von Scott Brown oder Venturi bestand; schon die Fragestellung ist müßig, weil der Großteil der Planung in einem gemeinschaftlichen Prozess entstand. Freilich: Venturi, Abkömmling italienischer Einwanderer und ganz klassisch in Rom geschult, hatte 1966 mit dem Traktat „Komplexität und Widerspruch in der Architektur“ für Aufsehen gesorgt. Da kam die in Sambia geborene, in Johannesburg und London ausgebildete, früh verwitwete Denise Scott Brown mit ihrem radikalen Zugriff und ihrem Humor als Ergänzung gerade recht.

          Sie unterrichtete nach dem Examen an der University von Pennsylvania, wo sie ihren zweiten Mann Robert Venturi kennenlernte, mit dem sie 1967 ein Büro aufzog. Der Südwesten der Vereinigten Staaten lockte sie; mit Kamera und Notizbuch entschlüsselte sie in der Wüste von Nevada die Casinostadt Las Vegas. Angelockt von diesem kontextfreien Provisorium und seiner unverstellt marktschreierischen, sehr direkten Kommunikation, verliebte sie sich in diese Stadt, die bei vielen eher gegenteilige Gefühle hervorruft. Scott Brown wollte vom Junk lernen. Ihre Erkenntnisse bündelte sie in „Learning from Las Vegas“ (1972), geschrieben mit Robert Venturi und Steven Izenour, einem Klassiker der Architekturtheorie, vielfach übersetzt, ein Augenöffner, der den neuen Funktionalismus von Leuchtschriften, Werbetafeln und Drive-ins pries: So geht Stadt in der amerikanischen Variante.

          Autoansicht des Strips von Las Vegas Bilderstrecke

          Beide Architekten werden als Wegbereiter der Postmoderne verortet, beide negierten dieses Etikett immer rundheraus – sie fühlten sich der frühen Moderne verpflichtet. Im Zweifelsfall seien ihre Bauten einem Fäustling näher als einem fertigen Handschuh, denn aus Ersterem könne im Sinne einer hybriden Architektur später immer noch etwas anderes gemacht werden. Rechnet man nach verwirklichten Projekten, ist die Ausbeute an Gebäuden, die einer breiteren Öffentlichkeit bekannt sind, eher mager. Zu nennen wären unter anderem der Sainsbury Flügel der National Gallery in London, das Mielparque Nikko Kirifuri Hotel in Japan und das Regionalparlament in Toulouse.

          Strengt euch gefälligst an

          Im Architekturzentrum Wien, das die weltweit erste Einzelausstellung zu Denise Scott Brown zeigt, hat man sich für eine Art Piazza entschieden, in deren Mitte ein weißer Pappmaché-Brunnen steht mit der Aufschrift „I am a monument“, alles in Großbuchstaben. Rundherum gesäumt wird die Halle von nachgebauten Schaufensterfronten real existierender Wiener Geschäftslokale. Die Fensterscheiben sind zugeklebt mit Fotos, Zitatschnipseln, Videos, Skizzen, Plänen. Und zwar fast durchgehend auf Englisch, auch der Katalog ist nur einsprachig. Es sind viele Zitate, die sich an den Wänden und im Katalog finden, Ergebnisse eines Sammeleifers, der etwas ermüdend Beiläufiges hat. Was man getrost nach Hause tragen kann aus dieser Schau, das muss man sich selbst erlesen. Die didaktische Ambition beschränkt sich auf die Geste: Hier wird einer Ikone gehuldigt, strengt euch gefälligst an.

          Das Spiel mit dem Zitat, die Unbekümmertheit, das seien Eigenschaften von Denise Scott Brown, die auch die junge Generation von Architekturstudenten wieder auszeichne, meint Katharina Ritter, die zusammen mit der Leiterin des Architekturzentrums, Angelika Fitz, und dem langjährigen Assistenten Scott Browns, Jeremy Eric Tenenbaum, die Schau kuratiert hat. Auf die Frage, worin die Verbindung zu Wien zu suchen sei, verweist die Kuratorin auf ein Unbehagen, das viele Wiener angesichts ihrer nicht funktionierenden Plätze befiele.

          Das aber klingt – zumindest aus deutscher Sicht – sonderbar, wäre man hierzulande vielerorts froh, über solche Plätze wie die der österreichischen Hauptstadt zu verfügen. Auch mag Scott Browns Beobachtung richtig sein, dass dort, wo sich zwei vielbefahrene Straßen kreuzten, etwas passiere. Aber die von ihr zeitlebens gepflegte Maxime, Architektur müsse dem sozialen Austausch dienen, möchte man nicht unter Bedingungen der Vielbefahrenheit erleben. Und dass es im Museumsladen mit Zitaten von Scott Brown bedruckte Kochschürzen („I have learned we shouldn’t talk when we are hungry“) gibt, ist naturgemäß nur bittersüße Ironie.

          Downtown Denise Scott Brown. Im Architekturzentrum Wien; bis zum 18.März 2019. Der englischsprachige Katalog, erschienen bei Park Books, kostet 36 Euro.

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