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Frankfurter Altstadt : Satteldächer sind kein Sündenfall

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Frankfurts Stadthaus bildet den Schlusspunkt bei der Neubebauung des Altstadtareals. Der Entwurf liefert den Architekturkritikern reichlich Diskussionsstoff.

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          „Das ist das Haus vom Nikolaus.“ Ob Kinder noch diesen Vers sprechen? Und dazu die begleitenden Striche zeichnen, die am Ende des Reims ein Quadrathaus mit Satteldach ergeben? Architekten jedenfalls kennen diese Form als Umriss der sogenannten Urhütte, des mutmaßlichen Prototyps allen Bauens, der durch Architekturtheorien geistert, seit es sie gibt.

          Die Urhütte versetzte vor einiger Zeit nicht wenige Architekten und Architekturkritiker hierzulande in Rage. Auslöser war der Entwurf des „Stadthauses“, das – mittlerweile steht der Rohbau–- vor Frankfurts gotischem Domturm die Ausgrabungen der karolingischen Kaiserpfalz und angrenzender römisch-antiker Reste einhausen wird.

          Das von Thomas Meurer Architekten entworfene Ensemble aus fünf Giebelhäusern sei, so der Tenor der Kritik, blanker Retrokitsch, gekünstelte Naivität und verbohrter Traditionalismus – die Urhütte als Rückfall. Sonderbar, dass ausgerechnet in Frankfurt, das sich so viel auf seinen metropolitanen Charakter zugutehält, noch einmal eine Grundsatzdebatte über die Urhütte entbrannte. Denn auf das zeitgenössische Anspruchsniveau der Architektur in Europa hin betrachtet, befindet sich das künftige Stadthaus in bester Gesellschaft.

          Aussöhnung mit dem Neubau

          Vor vier Jahren feierte die deutsche Architektenschaft unisono einen Neubau als grandiose Rückkehr eben der Urhütte: Im Bayerischen Wald rettete der Architekt Peter Haimerl ein ererbtes 175 Jahre altes „Waldlerhaus“ bei Viechtach vor dem Abriss. Das Spitzgiebelhaus war seitwärts durch einen abrutschenden Hügel etwa zur Hälfte regelrecht zerdrückt worden. Haimerl, bekannt als Meister von Computerarchitektur, die tollkühn mit den Gesetzen der Statik und Serie spielt, suchte besessen nach einer Möglichkeit, das alte Haus ohne verfälschende Nachahmung zu retten. Die Lösung fand er in einem elastischen seidenglatten Schweizer Schaumglasschotter-Beton. Mit ihm ließ er die zerstörte Hälfte des Hauses millimetergenau und auf die Grundstruktur reduziert nachgießen. Vor Ort implantierten Kräne den neuen Teil in den alten.

          Der Betontrakt, obwohl grundsätzlich deutlich unterschieden, harmoniert wunderbar mit dem alten Haus und dessen rustikalen Schnitzereien, Schindeln und Laubengängen. Höhepunkt ist eine kleine Wohnhalle mit mittiger Feuerstelle und umlaufender seidenglatter Betonbank – das archaische Megaron Griechenlands und zugleich kompromisslose Reduktionsmoderne. Schon seit 2008 pilgern Architekten nach Vaduz in Liechtenstein, um dort das neue Landesparlament zu besichtigen, das der Hannoveraner Architekt Hansjörg Göritz als gemäßigt monumentale Urhütte mit beigefarbenen Klinkerfassaden und einem steilen Satteldach errichtet hat. Oder in Gents mittelalterliche Altstadt. Sie besitzt seit 2013 direkt neben der gotischen Kathedrale mit der neuen Stadthalle eine zusätzliche Attraktion. Robbrecht & Daem/Marie José Van Hee haben dort einen beeindruckend kompakten Bau aus Beton, Holz und Glas errichtet: zwei langgestreckte waghalsig schräge Satteldächer über kraftvollen Holzgeschossen, die ihrerseits auf einer offenen, von gekonnt martialisch gestalteten Betonstützen eingefassten Halle ruhen. Selbst die Unesco, zunächst in heller Aufregung, ob dadurch nicht die Sicht auf den Belfried des Genter Rathauses, der zum Weltkulturerbe zählt, beeinträchtigt würde, hat sich mittlerweile mit dem Neubau ausgesöhnt.

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